Eine Albstädter Seniorin wäre um ein Haar Opfer des „Enkeltricks“ geworden. Dabei wird deutlich: In einer vermeintlichen Notsituation kann jeder Betrügern aufsitzen.
„Wie kann man nur so blöd sein?“ – das fragen sich viele selbstgewiss, wenn sie in der Zeitung lesen, dass wieder jemand auf angebliche Angehörige und Polizisten hereingefallen sei.
Die Reaktion zeugt von einiger Ignoranz – wer es nicht selbst erlebt habe, so erklärte Detlef Wysotzki, kommissarischer Leiter des Polizeireviers Albstadt, jüngst im Albstädter Gemeinderat, der könne sich nicht vorstellen, wie professionell die Betrüger vorgingen und wie groß der psychische Druck sei, unter dem das Opfer in einer solchen Situation stehe.
Der Anruf kam am späten Donnerstagnachmittag – aufs Handy. Beate K. (Name von der Redaktion geändert) vernahm die zitternde Stimme einer jungen Frau, die sich mit dem Vornamen ihrer Schwiegertochter meldete und mitteilte, der Sohn respektive Ehemann habe einen schweren Unfall gehabt. „Lebt er noch?“ fragte die erschrockene Mutter und: „Wo sind die Kinder?“ Die Kinder seien bei ihr, sagte die „Schwiegertochter“ – sie nannte dabei die korrekten Vornamen. Dann wurde sie von einem Weinkrampf geschüttelt und konnte nur noch schluchzen, sie gebe jetzt an den Herrn von der Polizei weiter.
Fahrerflucht nach Unfall mit dem Fahrradfahrer
Der Sohn lebte noch – der angebliche Polizeibeamte forderte Beate K. zu allererst auf, den Nachbarn, der ihr gerade die Teppiche einschäumte, aus dem Haus zu schicken, und ließ sie dann wissen, Herr K., ihr Sohn, habe an seinem Wohnort einen Fahrradfahrer angefahren und danach Fahrerflucht begangen: Er habe sich im Schock befunden und sei ja ohnehin durcheinander gewesen, wie Frau K. ja wisse, sei jüngst sein Vater gestorben. Der Radfahrer sei auf dem Weg ins Krankenhaus seinen Verletzungen erlegen; alles weitere werde jetzt „Richter Müller“ erläutern.
Richter Müller berichtete Beate K., ihr Sohn sitze in Untersuchungshaft; die Kaution betrage 60 000 Euro. Die habe sie nicht, erklärte die völlig überrumpelte Frau. Aber 30 000 vielleicht, feilschte der Richter – „oder besitzen sie Schmuck?“ Sie müsse natürlich erst auf die Bank, antwortete Beate K., – ob sie das Geld zum – 50 Kilometer weit entfernten – Unfallort chauffieren solle? Nein, nein, erwiderte Herr Müller begütigend; Amtsgericht Albstadt reiche völlig. Aber jetzt auf zur Bank – und ja nicht den Anruf beenden! „Sie bleiben in der Leitung!“
Frau will Geld bei Bank abheben
Erst in der Bank wendete sich das Blatt: Der Mitarbeiter, an den sich Beate K. wandte, kannte sie und wollte wissen, weshalb sie so viel Geld brauche. „Autokauf“, soufflierte Richter Müller. Aber wer verlange denn Barzahlung für einen Neuwagen, gab der Bankangestellte zurück und zog mehrere Kollegen hinzu.
Worauf der Richter sich an ihn weiterreichen ließ und ihm ins Ohr kläffte: „Geben sie der Frau jetzt sofort ihr Geld!“ Unmöglich, lautete die Antwort, soviel sei nicht vorrätig. „Bei einer anderen Filiale anfordern!“ befahl Herr Müller, der immer mehr aus der Rolle fiel. Schon zu, es sei fünf Uhr nachmittags, gab der Mann von der Bank zurück. Er war sich seiner Sache längst sicher und blieb eisern. Am Ende legte der angebliche Richter wütend auf.
Die Anrufer kannten Details
Warum wurde Beate K. nicht sofort misstrauisch? Sie erklärt es sich im Nachhinein mit der Situation, der Teppichreinigung, aus der sie herausgerissen worden war, sodann mit der insistierenden Art der Anrufer, vor allem aber damit, „dass die alles wussten – alle Namen und auch dass mein Mann kurz zuvor gestorben war“. Mittlerweile ist ihr klar, woher: „Die hatten die Todesanzeige im Internet gelesen.“
Etwas erstaunt war sie anschließend über die Reaktion der Polizei, die sie über den versuchten Betrug in Kenntnis setzte. Ja ja, habe die Beamtin gleichmütig am Telefon erklärt, das komme vor – ob Beate K. Informationen benötige, wie die Gauner arbeiteten und wie sie sich schützen könne. Nein danke, erwiderte die alte Dame – sie sei jetzt im Bild.