Das Gros der Besucher beim „Joscho Stephan Trio“ in der Seminarturnhalle Nagold gehört zwar zu der Generation, die Django Reinhardt noch vom Plattenspieler kennengelernt hat, aber auch jüngere Gäste zeigen reges Interesse am Genre „Gypsy-Swing“. Und das nicht zu Unrecht.
Bereits der erste Titel in der Alten Seminarturnhalle lässt aufhorchen: „Can’t Buy Me Love“ in der Art dieses speziellen Jazz-Stils. Die Freude an dieser Neuinterpretation des Beatles-Klassikers steht den Musikern ins Gesicht geschrieben und holt das Publikum direkt aus dem Alltag ab in die Welt der jazzigen Harmonien und verschobenen Rhythmen – frei nach dem Motto: Wenn die Band drei Vierertakte spielt und der Solist vier Takte Walzer, sind bei der nächsten Eins alle wieder zusammen.
Auch die verträumt-bluesige Eigenkomposition „Just a Little Moment“ von Frontman Joscho Stephan findet beim Nagolder „Qualtitäts-Publikum“, wie Stephan sich ausdrückt, großen Gefallen.
Oelers Akkordeon passt zum „Europäischen Jazz“
Bei „Linea Blanca“ einem weiteren Werk aus eigener Feder, gesellt sich Harald Oeler zu den anderen Musikern auf die Bühne und zeigt mit seinem virtuosen Können, dass gerade auch ein Akkordeon wunderbar zum „Europäischen Jazz“ passt, der seine Wurzeln durch den bereits genannten Ausnahmegitarristen Django Reinhardt direkt in Paris hat.
Am Ende des Stückes wird der Zuhörer noch überrascht: Es werden charakteristische Phrasen aus Songs wie „Day Tripper“, „Satisfaction“ und „Wipe Out“ zitiert. Einige der Improvisationen dieses Abends sind nahezu wie musikalische Wimmelbilder: Man entdeckt immer wieder etwas Neues. Hier schmuggelt sich die Titelmelodie des „Paten“, dort der „Pink Panther“ oder das Gitarrenriff von „Smoke on the Water“ in die Stücke.
Solistische Einlagen
So gestaltet sich der Abend abwechslungsreich auf hohem musikalischem Niveau, und die Zeit vergeht wie im Flug. Sven Jungbeck, der hauptsächlich den Part des Rhythmus-Gitarristen übernimmt, zeigt bei „Papillion“, dass auch er als Solist seine Finger, ähnlich einem Schmetterling, über das Griffbrett seiner Selmer-Style-Gitarre fliegen lassen kann.
Das Genre „Gypsy-Swing“ ist kein Dogma bei dieser Band und so zeigt Volker Kamp bei dem Stück „Funk 22“ dass die Ankündigung seines Solos als „einziger Kontrabassist, der Funk spielen kann“ vielleicht humorvoll übertrieben ist, aber nicht am Kern vorbeigeht: Diese Jungs sind einfach nur gut.
Publikum bedankt sich mit viel Applaus
Ob bei der Eigenkomposition „A Simple Song“, einer bisher unveröffentlichten Ballade, die sanft beginnt, um dann zur Mitte hin gewaltig an Energie und Intensität zuzulegen und dadurch an „Samba Pa Ti“ erinnert. Ob bei dem feurig gespielten Traditional „Joseph, Joseph“.
Oder bei „Bossa Dorado“ dem Stück, das wohl als Startschuss für die Karriere des Trios gelten darf: Das Publikum hat in der als Bistro bestuhlten Seminarturnhalle riesigen Spaß und bedankt sich hierfür mit derart viel Applaus, dass nach der eigentlichen Zugabe „Minor Swing“, der „Hymne des Gypsy-Jazz“, mit der Ballade „Sweet Chorus“ noch ein zweiter Titel gespielt wird, um das Publikum etwas weniger adrenalin-beseelt in den Abend zu entlassen.