Björn Kaidel aus Ammerbuch arbeitet als Professor für Cyber Security. In seiner Freizeit spielt er in vier Folkbands auf einem Instrument, das kaum noch jemand kennt: die Waldzither.
Björn Kaidel schlägt seine Waldzither an und ein warmer, voller Klang erhellt den Raum. In seiner Freizeit tauscht der Professor für Cyber Security die abstrakte Welt der Kryptographie gegen ein hundert Jahre altes Instrument ein, das heute kaum noch jemand kennt. Die Waldzither klingt tiefer als eine Mandoline, aber heller als eine Gitarre – sehr passend für die ebenfalls vergessenen deutschen Lieder, die er darauf spielt. Für Kaidel ist das Instrument die Antwort auf eine Suche, die ihn lange begleitet hat.
Andere europäische Völker pflegen ihre eigene Musik und typische Instrumente. Die deutsche Folkmusik aber ist ein weißer Fleck. Die Galicier tanzen ihre Muñeira zum Klang der Gaita-Sackpfeife und die Schweden halten ihre altertümliche Folklore auf der Nyckelharpa lebendig. Wenn die meisten Menschen hier die Worte „deutsche Volksmusik“ hören, herrscht ein Wirrwarr im Kopf. Man weiß nicht so recht, ob der Kitsch des Musikantenstadls und Florian Silbereisens die Seele der alten deutschen volkstümlichen Klänge ist oder ob es nicht doch noch etwas anderes gibt.
Frühe Leidenschaft für die klassische Gitarre
Als junger Mensch weiß Björn Kaidel auch nichts von deutscher Musiktradition. Im Alter von zehn Jahren will er aber unbedingt klassische Gitarre lernen. Seiner Familie ist schleierhaft, wo dieser Drang herrührt. Niemand spielt ein Instrument oder ist musikalisch. Doch er übt bis zu acht Stunden am Tag. Selbst bei sonntäglichen Restaurantbesuchen kann der junge Björn kaum still sitzen, drängt die Mutter, nach Hause zu fahren, sonst schaffe er seine Stunden nicht.
Als Teenager mag er Metal, greift zur E-Gitarre. „Ich fing aber auch an, Irish Folk zu hören oder Bands wie Faun, die schwedische, norwegische und spanische Stücke spielen und ich fragte mich, warum gibt es so was nicht auch aus Deutschland?“, sagt er. Zunächst belässt er die Frage unbeantwortet. Er denkt über ein Musikstudium nach, entscheidet sich aber für „den sicheren Weg“ und wählt Informatik.
Heute, mit 39, ist er promovierter Informatiker mit Schwerpunkt für Kryptographie und arbeitet als Professor für Cyber Security an der Internationalen Hochschule (IU). Den Traum von der Musik hat er sich ebenfalls erfüllt, er spielt in vier Folkbands. Das eine ist abstrakt, das andere kreativ. Darin sieht er jedoch keinen Widerspruch. Für ihn hängt beides eng miteinander zusammen. „Zwischen Musik und Mathematik gibt es mehr Überschneidungen, als man vermuten mag. Wir finden Töne im Zusammenhang dann wohlklingend, wenn sie ein einfaches Verhältnis zueinander haben“, sagt er.
Diesen Wohlklang entdeckt Kaidel gegen Ende des Studiums in traditionellen Saiteninstrumenten – und über einen Umweg die alte deutsche Folklore. Noch während der Studienzeit kauft sich seine damalige Freundin und heutige Frau, Regina Kunkel, eine schwedische Nyckelharpa und beginnt zu lernen. Kaidel ist so begeistert, dass er bald nachzieht.
„Als wir angefangen haben, Nyckelharpa zu spielen, wussten wir nichts von schwedischer Folkmusik. Wir haben damit begonnen, weil wir den Klang spannend fanden und das Instrument so exotisch aussah. Dann haben uns wir uns in die schwedische Musik eingegraben“, erinnert er sich. Beide bringen sich das Instrument selbst und auf Workshops bei. „Das ist die Hauptmöglichkeit, seltene Instrumente zu lernen“, sagt der Multiinstrumentalist, der heute von der Drehleier bis zur Irish Bouzouki diverse Saiteninstrumente spielt.
Stücke, die nirgendwo aufgeschrieben sind
Dieses Interesse führt das Paar mehrfach nach Schweden. Dort lernen sie die Folkloreszene kennen und besuchen Orte, die für das Instrument historisch wichtig sind. „In Schweden ist die Nyckelharpa eng mit der Musiktradition verknüpft. Und die ist meistens oral tradiert, die Stücke werden also nicht aufgeschrieben, sondern man lernt sie von anderen Musikern.“
Seit 2014 treten Kaidel und Kunkel mit ihrer Band Akleja auf. Zunächst spielen sie schwedische Kompositionen. Ihre steigende Bekanntheit führt sie zu zahlreichen Auftritten nach Belgien, England, Schweden und Ungarn. Und überall fragt man sie: Wo ist die deutsche Folkmusik?
Wenige Jahre später hat Kaidel erste Antworten. Jemand zeigt ihm ein kleines unscheinbares Notenheft namens „Neues aus alten Büchern“. Darin ist eine Polonaise. Sie stammt aus der Sammlung Dahlhoff – lange verschollen geglaubte Handschriften deutscher Volkstänze, die die Familie Dahlhoff zwischen 1767 und 1799 sammelte und katalogisierte. Der österreichische Musiker Simon Wascher fand sie im Jahr 2007 in den Beständen der Staatsbibliothek zu Berlin. Aus den 800 Melodien kann Kaidel mit seiner Band Akleja schöpfen.
Doch es ist, als besäße er nun die Software, aber keine passende Hardware dazu. Dann entdeckt Kaidel in Videos des dänischen Musikers Christian Mohr Levisen die Waldzither. „Die klang ganz anders, als ich erwartet hätte“, sagt er. Er kannte das Instrument zwar schon, war aber nicht wirklich daran interessiert. Mit Levisens Hilfe macht er sich auf die Suche und ersteht eine historische Waldzither. Man findet sie selten. Meist lagern sie vergessen auf irgendwelchen Dachböden und müssen restauriert werden.
Mittlerweile besitzt er auch vier Exemplare des Hamburger Mandolinenfabrikanten C.H. Böhm, von jedem Modell eines. Der Instrumentenbauer nummerierte seine Waldzithern schlicht von Typ eins bis vier. Trotz des bevorstehenden Umzugs von Ammerbuch nach Bodelshausen hat Kaidel seine Instrumente zwischen den gepackten Kartons stets griffbereit. Die einfachste Waldzither sieht am schlichtesten aus. Der tropfenförmige Korpus der kostbarsten ist aus Palisander. Kunstvolle Intarsien aus Perlmutt schmücken das Schallloch, der charakteristische Schmetterling ziert die Spielplatte. Ein Münchner Instrumentenbauer hat sie detailgetreu restauriert.
Die Waldzither kann man auch nur mit einem Finger spielen
„Die Waldzither ist auf einen offenen Akkord gestimmt. Wenn man sie anspielt, kommt gleich ein Akkord raus. Theoretisch kann man sie auch spielen, wenn man nur einen Finger verwendet“, sagt Kaidel und streicht über die Saiten. Das brachte auch Anfängern schnelle Erfolgserlebnisse und machte sie sehr populär.
Die Waldzither stammt aus der Familie der Cistern, die man seit dem Mittelalter kennt. Sie galt als das Instrument des einfachen Volkes. Auch wenn das alte Wort „Zither“ drinsteckt, hat sie nichts mit der alpenländischen Tischzither zu tun. C.H. Böhm entwickelte seine Instrumente weiter und ließ sich den Namen Waldzither patentieren. Er war einst aus Thüringen, wo die Instrumente eine lange Tradition hatten, nach Hamburg ausgewandert. Dort baute er das Instrument ab circa 1897 und vermarktete es erfolgreich. Daher nennt man seine Modelle auch Hamburger Waldzithern.
Eigentlich passte sie als deutsches Volksinstrument auch zur Ideologie der Nationalsozialisten. Doch ihre enge Bindung an die Wandervogelbewegung verhinderte die Vereinnahmung. Diese Jugendbewegung galt als Gegenkultur zu gesellschaftlicher Enge und autoritärer Erziehung. Sie propagierte zwar Naturverbundenheit und eine Rückbesinnung auf Volkstanz und Volkslieder, doch auch Freiheit und Selbstbestimmung. 1933 verboten die Nationalsozialisten die Wandervogelverbände. Und so geriet auch das Instrument in Vergessenheit.
Kaidel möchte die Waldzither und authentische deutsche Folkmusik wieder in die Welt tragen. Gemeinsam mit Christian Mohr Levisen hat er 2024 das Duo Plønk gegründet. Auf ihren historischen Waldzithern interpretieren sie viele dänische und deutsche Melodien aus alten Manuskripten. Der Name ist eine lautmalerische Anspielung an die Geräusche, die ein Zupfinstrument macht: plink, plonk – nur mit dänischem „ø“.
Die Waldzither wird zum Kulturerbe
Obwohl die Musiker 1000 Kilometer trennen, feiert ihr Herzensprojekt unerwartete Erfolge. Für das Debütalbum „Bridge of Glass“ gab es Ende 2025 den renommierten Preis der deutschen Schallplattenkritik in der Kategorie Folk und Singer/Songwriter. „Wir haben mittlerweile mehr als 500 000 Streams. In dieser Sparte ist es als Musiker enorm schwierig, außerhalb der Szene Aufmerksamkeit zu bekommen. Daher war das alles sehr überraschend für uns“, sagt Kaidel. Die Musiker scheinen auch auf offizieller Ebene einen Nerv zu treffen. Die Unesco hat „Bau und Spiel der Waldzither“ 2025 zum Immateriellen Kulturerbe erhoben. Da das Instrument selbst in der Folkszene als Exotin gilt, hofft Kaidel, dass diese Anerkennung der Waldzither neuen Auftrieb verschafft.
Er spüre eine Verantwortung, die alten Notenhandschriften mit seinen Bands zu spielen. „Wenn wir sie nicht spielen in Deutschland, spielt sie niemand. Andere Länder haben eigene Traditionen“, sagt er. Vor allem im Ausland erntet er auch mit Akleja viel Begeisterung. In Deutschland rümpft älteres Publikum manchmal die Nase. Dass sie alten Folk spielen, habe jedoch nichts „mit übertriebenem Nationalstolz zu tun“. Es sei einfach „schöne Musik“.
Mit Akleja führen er und seine Frau die deutsche Musiktradition auf eine zeitgemäße Art weiter. Denn auch sie komponieren Stücke gemeinsam. Ihr Titel „Nestling“ klingt fröhlich nach Frühling und Aufbruch. Er entstand zuhause. Er summte damals eine Melodie vor sich hin, seine Frau stand in der offenen Küche und setzte mit ein. So ähnlich könnte es auch vor 200 Jahren gewesen sein. Inmitten der Kartons packen sie zum Abschluss des Gesprächs ihre Nyckelharpas dann noch aus – und spielen „Nestling“.