Kanzler Scholz und der ukrainische Präsident Selenskyj haben lange gebraucht, um zueinanderzufinden. Doch beim Besuch des Ukrainers zelebriert der deutsche Regierungschef die Zusammenarbeit.
Olaf Scholz streckt seinen Arm zur Schulter des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj aus. Die beiden schütteln demonstrativ die Hände. Und sie blicken sich immer wieder ins Gesicht. Der „liebe Wolodymyr“ und der „liebe Olaf“, wie die beiden sich gegenseitig nennen, wollen einander an diesem Sonntag für alle sichtbar so richtig gernhaben.
„Seit 444 Tagen läuft der erbarmungslose russische Angriffskrieg gegen dein Land“, sagt der Kanzler zu Selenskyj bei der gemeinsamen Pressekonferenz im Kanzleramt. „Seit 444 Tagen stellen sich die Ukrainerinnen und Ukrainer unbeugsam und heldenhaft dieser brutalen Aggression Russlands entgegen.“ Unbeugsam, heldenhaft – es sind Worte, die nicht zum Alltagsvokabular des nüchternen Hanseaten Scholz gehören. Und er verbindet sie mit dem Versprechen: „Wir unterstützen euch so lange, wie es nötig sein wird.“
Es ist ein besonderer Tag in Berlin und später in Aachen, wo Selenskyj und das ukrainische Volk den Karlspreis erhalten – für Verdienste um die europäische Einigung. Der ukrainische Präsident ist nach Deutschland gekommen, und er zelebriert Freundschaft mit Olaf Scholz. Also mit dem Mann, den er zu Anfang des Krieges in der Ukraine als unsicheren Verbündeten sah und den er lange Zeit bedrängte, er müsse in der Frage der Waffenlieferungen entschiedener sein. Scholz und Selenskyj, das ist die Geschichte einer komplizierten, wechselhaften Beziehung.
Dass an diesem Sonntag alles harmonisch sein soll, das zeigt sich schon direkt bei der Ankunft Selenskyjs im Kanzleramt. Scholz und sein Gast verweilen extra lange plaudernd auf dem roten Teppich, der in den Minuten zuvor – von einem ganz in Rot gekleideten Mann – noch einmal glatt gebürstet und restlos sauber gefegt worden ist. Alles soll stimmen.
Es ist Scholz, der zur Begrüßung den Arm weit ausstreckt zu Selenskyj. Der Kanzler lächelt. Und er wirkt in seiner Fröhlichkeit ein bisschen wie ein Schüler, der stolz ist, seinen Freunden die eigene Verabredung präsentieren zu können. Der Kanzler will zeigen: Seht her, er mag mich!
Scholz (64) und Selenskyj (45) sind gleich groß, aber sie bleiben ein ungleiches Paar. Die militärischen Ehren schreitet der ukrainische Präsident forscher ab. Selenskyj bewegt dabei, anders als Scholz, auch die Arme mit. Er hat, wie könnte es anders sein, mehr Soldatisches an sich – nicht nur, weil er keinen Anzug trägt. Auf die militärischen Ehren folgt das persönliche Gespräch im Kanzleramt – danach die Pressekonferenz: eine Begegnung voller Freundlichkeiten.
Was für eine Entwicklung! Nicht mal ein Jahr ist es her, dass Selenskyj polternd im deutschen Fernsehen sagte: „Wir brauchen von Kanzler Scholz die Sicherheit, dass Deutschland die Ukraine unterstützt. Er und seine Regierung müssen sich entscheiden.“ Selenskyj fügte damals hinzu, es dürfe nicht versucht werden, einen Spagat zwischen der Ukraine und den Beziehungen zu Russland hinzubekommen.
Die Frage der Waffenlieferungen hat seit Beginn des Krieges immer wieder zu Spannungen zwischen Deutschland und der Ukraine geführt. Für Scholz ging es um seinen Amtseid, Schaden vom deutschen Volk abzuwenden. Und er sah ihn so, dass er nicht jeder ukrainischen Forderung nachgeben würde. Es ging darum, auf keinen Fall Kriegspartei zu werden.
Der deutsche Kanzler hat die Lieferung von Kampfpanzern westlicher Bauart lange hinausgezögert. Scholz hat eine internationale Kampfpanzer-Koalition – bei der es auf Deutschland wegen der Leopard-2-Panzer besonders ankam – erst zugelassen, als auch die USA sich bereit erklärten, dabei mitzumachen. Das Warten war schwer für die Ukraine. Andererseits haben sie in Kiew die Erfahrung gemacht: Wenn Scholz Ja sagt, dann liefert Deutschland schnell und verlässlich – anders als manches Land, das Weltmeister im Ankündigen ist.
Es ist kein Zufall, dass Scholz an diesem Sonntag in Berlin auf ein neues Paket deutscher Waffenlieferungen hinweisen kann. Gesamtwert: 2,7 Milliarden Euro. Die ukrainischen Streitkräfte würden unter anderem weitere Kampfpanzer vom Typ Leopard 1, weitere Marder-Schützenpanzer und Iris-T-Flugabwehrsysteme erhalten, führt der Kanzler aus. Selenskyj reagiert auf jedes einzelne Waffensystem, das Scholz aufzählt – und er tut dies immer wieder in derselben Art. Der ukrainische Präsident nickt, nickt und nickt.
Selenskyj bedankt sich „für jedes gerettete Leben“. Denn genau das seien die Waffenlieferungen: Schutz fürs Leben der Ukrainerinnen und Ukrainer. Als der ukrainische Präsident von Journalisten nach dem Wunsch, Kampfjets zu erhalten, gefragt wird, antwortet er, die Ukraine arbeite daran, eine Kampfjet-Koalition zu schaffen. Er werde sich auch an die deutsche Seite wenden mit der Bitte, die Ukraine in dieser Koalition zu unterstützen. Das ist zurückhaltend. Die Ukraine ist offenbar zum Ergebnis gekommen, dass im Umgang mit Deutschland nun Freundlichkeit das Gebot der Stunde ist.
Goliath braucht eine Schleuder
Er bedankt sich nicht nur beim Kanzler, sondern auch „bei allen deutschen Familien, bei jeder Stadt, bei jedem Bundesland“, bei allen, die Geflüchtete aus der Ukraine aufgenommen hätten. Es sind klug gewählte Worte in eine deutsche Debatte hinein, in der sich Städte und Kommunen durch Flüchtlinge an der Belastungsgrenze sehen – und Bund und Länder darüber streiten, wer die Kosten zu tragen hat. Selenskyj zeigt: Er beherrscht alle Tonlagen. Er kann der unermüdlich Fordernde sein, der in seiner Videoschalte zur Münchner Sicherheitskonferenz im Februar die Ukraine mit dem biblischen David und Russland mit Goliath verglich. „David zu sein bedeutet, dass man gewinnen muss. Aber man braucht eine Schleuder“, sagte Selenskyj damals. Jetzt, bei der Pressekonferenz im Kanzleramt, erzählt er zwar nicht die Geschichte von Sankt Martin, seine Botschaft an die Deutschen ist dennoch: Danke, dass ihr ein Stück des Mantels teilt.
Selenskyj weist auf die Frage, ob die Bundesregierung noch mehr unterstützen müsse, noch einmal darauf hin, dass Deutschland bereits der zweitgrößte Unterstützter sei. „Ich denke, wir werden daran arbeiten, dass wir Deutschland auf den ersten Platz bringen“, sagt er. Selenskyj lacht verschmitzt, blickt zu Scholz. Auch der grinst. Dafür müsste Deutschland die USA überholen. Beide wissen: Das wird nicht passieren, das ist unmöglich. Scholz und Selenskyj, das ungleiche Paar, sie können jetzt sogar miteinander lachen.
Zur Verleihung des Karlspreises an Selenskyj reisen die beiden gemeinsam nach Aachen. Der Laudator: Olaf Scholz. Es sei Selenskyj gewesen, sagt Scholz in Aachen, der bei Kriegsbeginn sofort klargemacht habe: „Das ukrainische Volk wird nicht weichen.“ Europa habe der Ukraine viel zu verdanken.