„Wir sind wie eine Familie“ – Günther Zapf ist beim Rehasport e. V. der Vorgänger von Sandra Cattarius. Foto: Birgit Heinig

Vom Versehrtenclub zum modernen Rehasportverein: Mit viel Herz, Wasserpower und Einsatz wird aus Mitgliedern eine echte Familie – und aus Bewegung neue Lebensfreude.

Günther Zapf ist 86 Jahre alt und erinnert sich noch gut an seine Anfangsjahre in dem 1956 von Kriegsversehrten gegründeten Verein. Aus dem „Versehrtensportclub“ war damals schon der Villinger Behindertensportclub geworden, dessen sportliche und gesellschaftliche Angebote Günther Zapf gemeinsam mit seinem behinderten Sohn Thomas gerne nutzte.

 

1988 gründete er auf Anregung der saarländischen VS-Partnerstadt Friedrichstahl eine Bossel-Gruppe, die es bis zum Gewinn des Deutschlandpokals brachte, ließ sich zum Übungsleiter ausbilden, 1992 zum zweiten und 1998 schließlich zum ersten Vorsitzenden wählen. „Damals gab es auch noch eine erfolgreiche Sitzball-Gruppe“, erinnert er sich.

Ein Schwerpunkt des Vereins lag von Beginn an auf Bewegung im Wasser.

Auf neuem Kurs

„Ich bin ein Wasserfan“, sagt Sandra Cattarius, die 2003 zum Verein stieß. Die Physiotherapeutin und Heilpraktikerin aus Brigachtal brachte ihre Fachkenntnis ein und führte den Verein zusammen mit Ulrike Mosmann und einem umtriebigen Vorstandsteam ab 2006 „mit Liebe“ in eine neue Zeit. Es galt, den Verein mit viel ehrenamtlichem Engagement sowohl strukturell als auch finanziell neu auszurichten.

War der Club der Versehrten einst der einzige Anbieter von Sport zwecks gesundheitlicher Rehabilitation, so gibt es heute viele Vereine, Einrichtungen und Selbstständige, die das tun.

Mehr als nur Vereinskollegen

Für Sandra Cattarius ist der Verein längst zur Heimat geworden. „Wir sind wie eine große Familie“, sagt die dreifache Mutter über die rund 120 Mitglieder und etwa 80 Nicht-Mitglieder, die nicht nur miteinander Sport treiben, sondern auch Ausflüge unternehmen, einen kurzen Draht zueinander und viel Spaß miteinander haben.

Mit einer ärztlichen Verordnung in der Tasche oder als Selbstzahler ist man dabei, kann einen der insgesamt 21 Kurse in den Bereichen Orthopädie, Herzsport und Prävention belegen und wöchentlich unter fachkundiger Anleitung trainieren.

Hilfe zur Selbsthilfe

Rehasport sei „Hilfe zur Selbsthilfe“ sagt Sandra Cattarius. Man lerne den eigenen Körper kennen und komme – zum Beispiel nach einer Operation – durch das Training schnell wieder zu Mobilität und Kräften. Die 55-Jährige plädiert dafür, Sport generell nicht „mal“ sondern „immer“ zu treiben. Das gehe im Wasser besonders gut, da das „tragende Element“ Bewegungen ermögliche, die an Land zu beschwerlich oder schmerzhaft seien, sagt die Fachfrau.

Deshalb stehen beim Rehasportverein Wassergymnastik und Schwimmen ganz oben, aber freilich auch Trockentraining im Kursprogramm, das inzwischen 14 Therapeuten und Therapeutinnen mit Leben füllen.

Trainingsorte sind Mangelware

Dafür sei man stets auf der Suche nach Trainingsorten und dankbar, dass man die Kurse aktuell im Villinger Hallenbad sowie in Sporthallen und Bädern von Schulen und Kliniken in Villingen, Bad Dürrheim und Donaueschingen durchführen könne. Grundsätzlich sind die Wasserflächen aber immer knapp. Mit dem neuen Zentralbad werde sich die deswegen angespannte Situation für Schulen und allen Wassersport treibenden Vereine entspannen, sagt Sandra Cattarius und setzt auf den geplanten Neubau.

Kein Geheimnis ist, dass sich das Vorstandsteam und auch die Therapierenden mit einem stetig wachsenden Umfang an Bürokratie herumschlagen müssen. „Das bringt das Ehrenamt an seine Grenzen“, klagt Sandra Cattarius, wohl wissend, dass der Verein in einem sensiblen Bereich gemeinnützig arbeitet und ein gewisses Maß an Dokumentation notwendig ist.

Lockdown bremst jäh aus

Seit 1980 bietet der Verein auch Herzsport an. Die „Herzileins“, wie sie liebevoll genannt werden – die älteste Teilnehmerin zählt 92 Lenze – sporteln unter Anleitung des Fachpersonals und Aufsicht von Vereinsarzt Jan Meyen und weiteren Medizinern, die sich für den Verein und seine Menschen engagieren. Zusätzlich eine Lungensportgruppe zu etablieren, scheiterte an der Coronapandemie. Alles war eingefädelt und vorbereitet, dann kam der erste Lockdown. Auch dem Versuch, Menschen mit Adipositas (Übergewicht) und Menschen mit Handicaps für Angebote zu gewinnen, war bislang kein Erfolg beschieden.

Die Gründe hierfür sind für Sandra Cattarius und für Günther Zapf, ihren nach wie vor Vertrauten und Berater in Sachen Rehasportverein, nicht nachzuvollziehen, zumal sie wissen, dass andernorts Wartelisten geführt werden. „Es ist doch nicht wichtig, wo sich die Menschen sportlich betätigen. Die Hauptsache ist doch, dass sie es tun“, sagen sie.