Mal zutreten, ohne über die Folgen nachdenken zu müssen – damit es im Ernstfall klappt. Im Selbstverteidigungskurs wird das geübt. Foto: Beatrice Ehrlich

Mitglieder der Jiu-Jitsu-Abteilung der TSG Ötlingen zeigen Frauen Tipps und Kniffe, um die Angst vor Übergriffen nicht überhand nehmen zu lassen. Unsere Zeitung war dabei.

Es ist früher Nachmittag, als laute Schreie und das Geräusch dumpfer Schläge in der Halle zu hören sind.

 

Rund 20 Frauen, die am Selbstverteidigungs- und Selbstbehauptungskurs der Turn-und Sportgemeinschaft Ötlingen teilnehmen, treten jeweils in Zweierteams gegeneinander an.

Mit voller Wucht wird der angreifenden Gegnerin das Knie in die Körpermitte gerammt, dazu ein lauter Schrei ausgestoßen.

Diese fängt den Stoß mit einem dicken Schutzschild, „Pratze“ genannt, ab.

Laut werden kostet Überwindung

Körperlich zu Schaden kommt niemand bei dieser Übung. Doch es ist Kraft und Energie nötig. Manche der Frauen kostet es einiges an Überwindung, derart „laut“ zu werden.

In der Übung – nur eine von vielen an diesem Kursnachmittag – wird eine Verteidigungsmöglichkeit eingeübt, welche die Frauen anwenden können, wenn es für sie zum Äußersten kommt: einem tätlichen Angriff durch einen Mann.

Wie die Frauen am Morgen im Theorieteil anhand der Kriminalstatistik erfahren haben, geht körperliche Gewalt in den allermeisten Fällen von Männern aus, oft mit sexueller Absicht. Die Opfer sind meist Frauen.

Haltung zeigen: Auch ein guter Stand ist im Notfall gefragt. Foto: Beatrice Ehrlich

Die Fallzahlen solcher Übergriffe sind in den vergangenen Jahren angestiegen. Wegen der großen Dunkelziffer – 90 Prozent, vermuten manche Fachleute – ist nicht ganz klar, ob die Attacken tatsächlich mehr geworden sind, oder ob sich in jüngster Zeit lediglich mehr Frauen dazu entschieden haben, solche anzuzeigen.

Wie dem auch sei – bei der Vorstellungsrunde wird deutlich, dass einige der Teilnehmerinnen schon ganz konkrete Erfahrungen mit Männergewalt gemacht haben.

Gerhard Hanemann hat viele Jahre Erfahrung in Selbstverteidigungskursen für Frauen. Die Perspektive eines Mannes einzubringen, findet er wichtig. Foto: Beatrice Ehrlich

Der größte Teil der Teilnehmerinnen, von der Schülerin bis zur gestandenen Berufstätigen und Mutter, hat sich aus Interesse angemeldet, mehr über das Thema zu erfahren. Bei manchen ist Vorwissen, etwa aus früherem Kampfkunst-Training, da.

Gefährliche Situationen erkennen und meiden

Manche verspüren Angst, etwa wenn sie beim Joggen allein in der Natur unterwegs sind – und gehen genau deswegen einer solchen Situation von vornherein aus dem Weg.

„Angst ist grundsätzlich kein falsches Gefühl“, hat Yvonne Haas, eine der Kursleiterinnen im Theorieblock am Vormittag deutlich gemacht. Es sei sinnvoll, sich nicht absichtlich in gefährliche Situationen zu begeben. Im Laufe der Evolution habe sich das als Überlebensstrategie erwiesen.

Die Waffen einer Frau: Yvonne Haas, Mitte rechts, in Aktion. Foto: Beatrice Ehrlich

So sei es durchaus sinnvoll, sich abends beim Radeln am Fluss entlang auf der beleuchteten Seite zu halten, auch wenn das möglicherweise ein Umweg ist, bestätigt sie den Erfahrungsbericht einer Kursteilnehmerin.

Wo Licht ist, wo Menschen sind, da kann einem weniger passieren – darüber werden sich die Frauen im Gespräch schnell einig. Denn dort können Hilferufe gehört und Menschen durch persönliche Ansprache konkret zur Unterstützung aufgefordert werden.

Erfahrene Kursleiter geben Wissen weiter

Zu den Kursleitern gehören außer Yvonne Haas auch Anita Spieß, Gerhard Hanemann und Walter Grether. Hanemann (74) macht seit 1980 Jiu Jitsu. Seit Beginn der 2000er-Jahre gibt er Selbstverteidigungskurse für Frauen und Kinder. Dass er sich als Mann dabei einbringt, ist ihm persönlich wichtig. Es erscheint ihm aber auch folgerichtig, die Verteidigung gegen einen Mann mit einem Mann als Gegenüber auszuprobieren.

Kräfte, von denen man bisher nichts wusste

„Wir werden Euch nicht zu Kampf-Titanninen ausbilden“, schickt Haas voraus. Neben ein paar Kniffen zur Selbstverteidigung gehe es vor allem darum, sich einiger Dinge bewusst zu werden. „Ihr habt Kräfte, von denen Ihr bisher noch nichts gewusst habt.“

Wichtig sei, zu wissen, was in einer Notsituation im Gehirn abläuft, erläutert Anita Spieß. Das Adrenalin schießt ins Gehirn, der Organismus schaltet um auf: „Fight or flight“ – kämpfen oder fliehen. Keinesfalls sollte man in so einer Lage „einfrieren“, warnt die Trainerin. Die Starre zu überwinden und gewissermaßen mit kühlem Kopf auf so eine Situation zu regieren, könne man durch stetes Üben.

Im Kurs sind sie zu einem Team zusammengewachsen: die Teilnehmerinnen des Frauenselbstverteidigungskurses der TSG Ötlingen. Foto: Beatrice Ehrlich

Jiu Jitsu ist eine Technik, die in erster Linie Verteidigungstechniken vermittelt. Alle Kursleiter üben und vermitteln diese seit vielen Jahren. Etwa Yvonne Haas: Die langjährige Inhaberin einer Versicherungs-Vertretung in Kandern ist Schwarzgurt-Trägerin und bereitet sich gerade auf den dritten Dan vor.

Der beste Kampf ist der, der nicht stattfindet

Der Wunsch nach einem sportlichen Hobby brachte sie einst zur Kampfkunst, die Freude an der Schönheit der Bewegungen und die Faszination für die Philosophie, die dahinter steckt brachten sie dazu, dabeizubleiben – und dies seit 27 Jahren.

Das eigentliche Ziel der Kampfkunst sei mitnichten, sie in einer Auseinandersetzung anzuwenden. Der schönste Kampf sei für sie jener, zu dem es gar nicht erst kommt, sagt sie aus voller Überzeugung.

Applaus und Jubel zum Abschluss

Am Ende des Kurses dürfen die Frauen, die wollen, sich noch einmal mittels der gelernten Techniken aus einem Klammergriff befreien. Dafür gibt es anerkennenden Applaus und den Jubel der Kurskolleginnen.