Die Blutfehde zwischen zwei türkischen Familien zieht Kreise in der Stadt: Drei weitere Tatverdächtige wurden dort Dienstagfrüh festgenommen. Doch die Polizeipräsenz ist schon seit Monaten hoch.
Kreisendes Blaulicht, Hundestaffel und schwer bewaffnete SEK-Beamte: Ein Großeinsatz schreckte am Dienstagmorgen Lahr auf. Das Polizeitreiben sprach sich schnell herum, Informationen der Lahrer Zeitung sollten sich rasch bestätigen: Hintergrund der konzertierten Aktion war der Mord am Frankfurter Hauptbahnhof im August. Lahr war schon lange und dürfte noch länger im Fokus der Ermittler bleiben.
Um was geht’s?
Ein türkischer Staatsangehöriger hatte am 20. August einen 27-jährigen Landsmann mehrfach in den Kopf geschossen – vor den Augen zahlreicher Zeugen und gefilmt von einer Überwachungskamera. Das mutmaßliche Motiv: Blutrache. Der 54 Jahre alte Schütze wurde von der Polizei sofort festgenommen. Am Folgetag stellte sich heraus: Es handelte sich um einen Geschäftsinhaber aus Lahr. Sein Neffe soll Jahre zuvor in der Türkei Opfer eines Mordanschlags des 27-Jährigen geworden sein. Unmittelbar nach der Tat, teilte die Staatsanwaltschaft Frankfurt am Dienstag mit, habe sich gezeigt, dass der mutmaßliche Täter nicht alleine gehandelt habe. Auf der Suche nach Beweisen durchsuchten die SEK-Beamten am Dienstag 13 Objekte von nunmehr vier weiteren Tatverdächtigen und ihren Familienangehörigen.
Wo liefen die Einsätze?
Wie der Frankfurter Oberstaatsanwalt Dominik Mies auf Nachfrage unserer Redaktion bekanntgab, wurden sechs Gebäude in Lahr, drei in Breisach und je eins in Denzlingen, Teningen, Riegel und Blumberg durchsucht. In Lahr waren die Beamten im ganzen Stadtgebiet zugange, unter anderem nahmen sie einen Dönerimbiss in der Schwarzwaldstraße in Beschlag. Mit einem Fahrzeug vor Ort war dort auch die Lahrer Feuerwehr, die die im Zuge des SEK-Einsatzes mit Gewalt geöffnete Tür mit einer Holzplatte notdürftig sicherte. Teils schwer bewaffnete Einsatzkräfte waren in der Früh nicht nur in Lahr, sondern auch auf zentralen Plätzen in Gemeinden im Umland gesichtet worden. Von diesen Versammlungspunkten aus erfolgte um Punkt 6 Uhr der Zugriff.
Wie viele Beamte waren im Einsatz?
Insgesamt 400 Kräfte der Polizei waren im Auftrag der Staatsanwaltschaft Frankfurt unterwegs – ein Großteil davon in Lahr. Koordiniert haben den Einsatz das Landeskriminalamt Baden-Württemberg und das Polizeipräsidium Frankfurt am Main.
Waren die Beamten erfolgreich?
Ja. Es wurden vier Männer festgenommen, drei in Lahr, einer in Denzlingen, so die Staatsanwalt Mies. Sie sollen mit der Tat in Frankfurt „in unterschiedlichen Beteiligungsformen in Verbindung stehen“. Einem 38-jährigen deutschen Staatsangehörigen wird vorgeworfen, den Schützen bei der Begehung der Tat begleitet und ihn unterstützt zu haben. Zwei 21- und 25-jährige türkische Staatsangehörige sollen dem 54-Jährigen vor der Tat Informationen zur Identität und zum Aufenthaltsort des späteren Opfers gegeben haben. Ein weiterer 28-jähriger Türke soll sich zunächst dazu bereiterklärt haben, die Tat am Frankfurter Hauptbahnhof zu begehen. Laut der ermittelnden Staatsanwaltschaft geht es unter anderem um Mittäterschaft und Beihilfe zum Mord. Die vier festgenommenen Tatverdächtigen sind miteinander und mit dem mutmaßlichen Haupttäter verwandt.
Liegt Lahr schon länger im Fokus der Polizei?
Ja. Das Offenburger Präsidium bestätigte LZ-Informationen, wonach in den vergangenen Monaten die Polizeipräsenz in der Stadt besonders hoch war. Dabei ging es aber nicht um Ermittlungen gegen die Familie des mutmaßlichen Frankfurter Todesschützen, sondern um deren Schutz: Offenbar fürchtet man einen weiteren Akt in der Blutfehde.
Was bedeutet das für die Lahrer?
Offiziell spricht die Polizei von „aktuellen präventivpolizeilichen Maßnahmen“. In diesem Zusammenhang würden „verstärkt Personen- und Fahrzeugkontrollen durchgeführt“. Konkret überwachen Beamte Wohn- und Geschäftshäuser der Familie des 54-jährigen Tatverdächtigen. Anwohner berichten von „vielen Streifenwagen und Polizisten“, die gezielt fremde Autos unter die Lupe nähmen. Dabei sollen regelmäßig auch sogenannte Inspektionsspiegel zum Einsatz kommen, die im Allgemeinen dazu genutzt werden, Fahrzeugunterböden abzusuchen – etwa nach Sprengstoff. Gleichwohl betonte die Polizei am Dienstag: „Anhaltspunkte für eine konkrete Gefährdung für die Allgemeinheit liegen derzeit nicht vor.“
Was sagt OB Markus Ibert?
„Ich bin froh, dass der Einsatz professionell und ohne Zwischenfälle abgelaufen ist“, erklärte der Rathauschef am Dienstagnachmittag auf Anfrage der LZ. Er wisse von der „verstärkten Streifentätigkeit der Polizei“ in jüngster Vergangenheit. „Ich verstehe jeden, der da ein mulmiges Gefühl hat, habe gleichzeitig aber auch großes Vertrauen in die Arbeit unserer Sicherheitsorgane.“
Anklage steht bevor
Gegen die vier in Lahr und Denzlingen festgenommenen Tatverdächtigen wurden laut Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main Haftbefehle erwirkt, die am Dienstag vom Ermittlungsrichter des zuständigen Amtsgerichts verkündet werden sollten. Die Männer dürften demnach in Untersuchungshaft kommen, in der der mutmaßliche Todesschütze seit Ende August sitzt. Deshalb ist mit einer zeitnahen Anklage zu rechnen – denn: Die U-Haft darf in Deutschland in der Regel höchstens ein halbes Jahr dauern.