Warum sehe ich diesen Hinweis?

Sie sehen diesen Hinweis, weil Sie einen Adblocker eingeschaltet haben oder im privaten Modus surfen. Deaktivieren Sie diesen bitte für schwarzwaelder-bote.de, um unsere Artikel ohne diesen Hinweis lesen zu können.

Mehr zum Thema Adblocker / Privater Modus und wie Sie diesen deaktivieren, finden Sie, indem Sie auf deaktivieren klicken.

Deaktivieren

SEK-Einsatz in Albstadt Zu Unrecht Verdächtigter hatte panische Angst

Von
Im Rahmen des SEK-Einsatzes in der Bitzer Steige wurde ein Mann zu Unrecht verdächtigt und vor aller Augen abgeführt. Foto: Nölke

Noch immer sitzt ihm der Schreck in allen Gliedern: Ein Albstädter ist am Donnerstag festgenommen und dabei sogar verletzt worden – obwohl er nichts falsch gemacht hatte. Das SEK der Polizei hatte seine Wohnung gestürmt. Die Hintergründe schildert er in unserem (SB+) Artikel.

Albstadt-Ebingen - Vom Polizeieinsatz unweit seiner Wohnung in der Bitzer Steige, wo ein Mann einen Mitarbeiter des Gemeindevollzugsdienstes mit einer Schreckschusswaffe bedroht hatte, hat ein junger Albstädter am Donnerstagnachmittag zunächst nichts mitbekommen. Das änderte sich buchstäblich schlagartig: "Auf einmal tat es einen Riesen-Schlag an meiner Tür, ich habe LED-Lampen in meine Wohnung leuchten sehen und Schreie gehört: ›Kommen Sie raus!‹", berichtet der Albstädter, dem der Schreck noch in allen Knochen sitzt.

Polizisten zielten mit Waffen auf ihn

An der Tür angekommen, die ein Spezial-Einsatz-Kommando (SEK) der Polizei aus Göppingen gewaltsam geöffnet hatte, richteten sich Laser auf seinen Körper: Die Polizisten zielten mit Waffen auf ihn. "Ich hatte Angst, dass sie mich erschießen, wenn ich mich nur bewege", schildert er seinen Schock über den Anblick.

Als nächstes hätten ihn die Einsatzkräfte zu Boden geworfen, mit Kabelbindern gefesselt und diese so fest zugezogen, dass der junge Mann Verletzungen davongetragen hat. Erst jetzt erfuhr er vom Grund des unliebsamen Überraschungsbesuches: Die Polizei verdächtigte ihn aufgrund eines Zeugenhinweises, einen Mitarbeiter des Gemeindevollzugsdienstes mit einer Waffe bedroht zu haben, als dieser eine Tempoüberwachungsanlage aufbauen wollte. Wie berichtet, hatte der mutmaßliche Täter auch auf den Messwagen eingeschlagen und schließlich das Weite gesucht.

Handschellen statt Kabelbindern: nicht möglich

Warum Zeugenhinweise ihn betrafen, kann sich der junge Mann aus dem Mehrfamilienwohnhaus zusammenreimen: An Lebensjahren ist er nicht weit vom mutmaßlichen Täter entfernt – und außerdem Jäger, also Besitzer von Waffen samt Waffenschein. Dass es sich bei der Waffe, mit welcher der Gemeindevollzugsdienst-Mitarbeiter bedroht worden war, um eine Schreckschuss- und nicht um eine Jagdwaffe handelte, stand zu diesem Zeitpunkt noch nicht fest.

Dennoch ist der unschuldig ins Visier geratene Albstädter schockiert über das Vorgehen der Polizei: "Ich habe um normale Handschellen gebeten", sagt er mit Blick auf die Kabelbinder, die so fest gezogen worden seien, dass er die Schmerzen kaum aushielt. Fehlanzeige: Die Kabelbinder blieben festgezurrt.

Anhand seines Computers und seines Telefones zeigte der Albstädter den Polizisten in seiner Wohnung, was er den ganzen Nachmittag lang getan hatte: telefonieren, Whatsapp-Nachrichten verfassen und im Internet surfen. Und obwohl der Einsatzleiter noch vor Ort gesagt habe "Da haben wir wohl den Falschen", habe ihn die Polizei durchs Treppenhaus, an seinen Nachbarn und Schaulustigen draußen vorbei, abgeführt. Beobachter hätten sogar Fotos von ihm gemacht, "und im Polizeiauto wusste ich gar nicht, wie ich sitzen soll", so schmerzhaft hätten ihn die Kabelbinder geschnitten.

Angst, Auch künftig schief angeschaut zu werden

Was den Albstädter ebenfalls wundert: "Die Polizei hat einen Handwerker für die kaputte Tür" – sogar die Zarge sei herausgerissen – "bestellt und gesagt: ›Damit Sie später wieder reinkommen!‹ Also wussten sie schon, dass sie den Falschen haben", schließt der junge Mann daraus.

Die Fahrt zum Polizeirevier Truchtelfingen und ein rund anderthalbstündiges Verhör dort seien ihm dennoch nicht erspart geblieben, und auch danach ist er noch "echt fertig", wie er betont: "Wenn ich mir das überlege: Eine falsche Bewegung, und die hätten auf mich geschossen!" Vor den Nachbarn abgeführt zu werden sei ihm nicht nur unangenehm gewesen – er befürchtet auch, künftig schief angeschaut zu werden. Und nicht zuletzt macht er sich Sorgen um seinen Jagdschein, da sein Name nun im Zusammenhang mit einer Straftat in Polizeiakten aufgetaucht sei.

"Die Polizei hat sich nicht einmal entschuldigt"

Zumindest diese Sorge erklärten Jens Czechtizky, Pressesprecher des Polizeipräsidiums "Einsatz", zuständig fürs SEK, und Polizeihauptkommissar Wörner vom Polizeipräsidium Reutlingen, der "einsatzführenden Dienststelle", für unbegründet: "Der Tatverdacht hat sich in keinster Weise bestätigt", so Wörner. "Es hat sich herausgestellt, dass er mit der Sache nichts zu tun hat", und natürlich gelte der Datenschutz.

Das handfeste Vorgehen des SEK erklären beide mit der Schwere der Straftat, die Auslöser für die Polizeiaktion war. Die Einsatzkräfte hätten davon ausgehen müssen, das die von Zeugen verdächtigte Person in der Wohnung bewaffnet sei, "und sie müssen dann so vorgehen, dass sie sich selbst schützen, schnell und plötzlich handeln", so Czechtizky. "Beim SEK lässt sich das nicht immer vermeiden, und gegen wen sich ein Verdacht richtet, entscheidet ja nicht das SEK."

Was die kaputte Tür und die Verletzungen des jungen Mannes angeht, so helfe ihm die Polizei natürlich weiter, betont Wörner. Das Verhör auf dem Truchtelfinger Revier habe sein müssen, denn ob jemand unschuldig sei, stehe erst fest, "wenn es zweifelsfrei abgeklärt ist – das kann man vor Ort nicht verifizieren". Und die Kabelbinder? Würden verwendet, weil Handschellen einem bestimmten Beamten "zugeordnet" seien – der sie quasi wieder mitnehmen müsse.

Für den Betroffenen, der in der Nacht darauf "kein Auge zugemacht" hat, wie er sagt, ist das ein schwacher Trost: "Ich schätze die Polizei sehr, aber bitte: alles mit Maß und Ziel – und bitte richtig hinschauen." Nicht einmal eine Entschuldigung habe er bisher zu hören bekommen.

Artikel bewerten
15
loading

Top 5

4

Kommentare

Artikel kommentieren

Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach sieben Tagen geschlossen.

Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach sieben Tagen geschlossen.