Schon ein einfacher Besuch in der Innenstadt macht Luan F. nervös. Foto: Köhler

Er soll in ein Land ausgewiesen werden, das er nicht kennt: Ein gebürtiger Lahrer ist auf der Flucht, weil er um sein Leben fürchtet. Unserer Redaktion schildert er seine Geschichte.

„Ich weiß noch nicht, wo ich heute schlafen werde“, sagt Luan F. (Name von der Redaktion geändert). Seit Oktober hat er keine Arbeitsstelle, keinen festen Wohnort, keine (finanzielle) Absicherung. Er lebt ein Leben in Anonymität auf der Flucht vor den deutschen Behörden. Luan soll abgeschoben werden. Doch das, befürchtet der junge Mann, würde er nicht überleben.

 

Luan ist Ende 20, in Lahr geboren und in der Region aufgewachsen, wie offizielle Dokumente belegen, die unserer Redaktion vorliegen. Seine Familie stammt aus dem Kosovo. Doch Luan verfügt weder über die kosovarische noch die deutsche Staatsbürgerschaft. „Ich hatte noch nie in meinem Leben einen Pass. Ich kenne das Gefühl nicht mal, einen Pass zu haben“, sagt er. Seine Kindheit hat Luan überwiegend in Jugendheimen verbracht. Über einen Aufenthaltstitel verfügte er nur kurz nach der Geburt, in den folgenden Jahren war er in Deutschland lediglich geduldet. 2018 dann der Schock: Luan erhielt einen Brief, er soll abgeschoben werden. „Es wurde gesagt, ich sei eine Gefahr für Deutschland.“ Das habe er nicht nachvollziehen können – als Erwachsener habe er keine Anzeige in seiner Akte stehen, wenn auch einige Strafen wegen Schwarzfahrens, Diebstahl und einer Schlägerei als Jugendlicher. Als es dann noch hieß, er soll nach Serbien gehen, verstand Luan die Welt nicht mehr.

Notwendige medizinische Hilfe würde er in Serbien wohl nicht bekommen

„Ich habe keine Familie dort, ich kann nicht einmal die Sprache“, erzählt er. Dass Serbien als sein Herkunftsland gilt, führt Luan auf einen Behördenfehler zurück. „Es hieß in der Akte immer serbisch-kosovarisch und irgendwann wurde das ,Kosovarisch’ gestrichen und das ,Serbisch’ blieb für immer.“ Er habe in Serbien kein Anrecht auf einen Pass, betont Luan. „Ich wäre da also noch illegaler unterwegs als in Deutschland.“ Hinzu kommt: Luan braucht regelmäßig medizinische Hilfe. Und die, befürchtet er, würde er in Serbien nicht bekommen. „Ich bin Roma. Menschen wie ich werden dort diskriminiert.“ Ein Arzt habe ihm ein Attest ausgestellt, laut dem eine Abschiebung aus medizinischen Gründen nicht sinnvoll sei – doch dieses sei nicht angenommen worden.

Bislang konnte sich Luan der Abschiebung entziehen. In Deutschland ist er auf die Mithilfe ihm wohlgesonnener Menschen angewiesen, die ihn bei sich wohnen lassen. „Zum Glück musste ich bislang nicht auf der Straße schlafen.“ Auch Geld, vor allem für seine teure medizinische Versorgung, leiht er sich. „Ich habe jetzt schon eine Menge Schulden“, sagt Luan.

Polizeiautos lösen bei ihm ein Kribbeln aus

Doch so, macht er deutlich, will er nicht weiterleben. Tag für Tag ist er auf der Hut, nicht erwischt zu werden. „Wenn ich ein Polizeiauto sehe, bekomme ich ein Kribbeln im Körper. Das kann man kaum erklären.“ Ihn verfolgen Ängste, sogar die Paranoia, dass Menschen, die ihm nahestehen, ihn verraten. Die Flucht stresse ihn so sehr, dass er oft gar nicht aus dem Haus gehe. „Ich habe sogar angefangen, nichts mehr zu essen.“ Seit Oktober, nachdem ihn seine damalige Partnerin verlassen hatte und er in die Ortenau zurückgekehrt war, habe er 25 Kilo abgenommen. In seinen dunkelsten Stunden, erzählt Luan, wünscht er sich sogar manchmal, dass er erwischt wird. „Dann wäre wenigstens alles vorbei.“ Er habe nichts mehr, wofür er kämpfen könne. „Es ist eine Flucht ohne Sinn.“ Einzig die Telefon-Seelsorge gebe ihm ein wenig Halt.

Der Weg in die Lahrer Innenstadt zu unserer Redaktion hat ihn einiges an Überwindung gekostet, erzählt er. Den Mut hat er deshalb aufgebracht, weil er seine Geschichte erzählen will. „Es gibt in Deutschland viele Menschen wie mich, die hier aufgewachsen sind, sich als Deutsche fühlen, kein anderes Land, keine andere Sprache kennen, aber abgeschoben werden sollen und die auch eine zweite Chance wollen.“ Luan gesteht: „Ich habe Scheiße gebaut, ich war auch faul. Aber ich habe keine Fehler gemacht, bei denen man sagen kann, ich wäre eine Gefahr für Deutschland. Ich habe alles verloren, was man verlieren kann. Ich möchte eine zweite Chance, wieder arbeiten gehen, in einer eigenen Wohnung leben und ein richtiges Leben führen.“

Luan arbeitet darauf hin, sich in die Psychiatrie einweisen zu lassen

Ein Hoffnungsschimmer für Luan ist eine Einweisung in die Psychiatrie in Emmendingen. „Ich habe viel Gewalt erlebt in meinem Leben. Ich dachte, ich hätte das verarbeitet, aber das habe ich nicht. Mein Kopf treibt Spielchen mit mir.“ Luan ist sich sicher, dass er psychiatrische Hilfe braucht. „Ich stehe mit einem Bein im Grab. Ich bin jetzt aufgewacht und will alles verändern.“ Im September hat er einen Termin bei einer Psychologin, in der Hoffnung, dass diese ihm weiterhelfen kann.

Luans großer Wunsch ist, dass er in Deutschland alt werden und eine Familie gründen kann. Gerne würde er eine Ausbildung anfangen, „am liebsten etwas mit Menschen“, etwa in der Pflege. Doch wenn sich die Chance ergeben sollte, würde er nehmen, egal was kommt. „Hauptsache ich bin wieder legal hier.“

Zahlen und Fakten

Laut Bundeszentrale für politische Bildung wurden im Jahr 2024 insgesamt 20 084 Menschen aus Deutschland abgeschoben – die meisten in ihre Herkunftsländer. Unter allen 2024 aus Deutschland abgeschobenen Menschen waren 3687 Minderjährige. Der Mediendienst Integration informiert, dass im ersten Halbjahr 2025 bereits 11 807 Menschen aus Deutschland abgeschoben – und damit rund 25 Prozent mehr als noch im Vorjahreszeitraum.