Seit mehr als einem Jahrhundert besteht der MGV Orschweier und seit 55 Jahren der Singkreis. Während viele andere Gesangsvereine aufhören mussten, hat sich dieser gehalten. Über die Geschichte haben wir mit der Dirigentin Marianne Bellinghausen gesprochen.
Der Altersschnitt der 17 Sängerinnen und acht Sänger beträgt um die 76 Jahre – doch als Chor sind sie immer noch bei Gottesdiensten und Festen rund um Orschweier und Mahlberg gefragt. Die Mitglieder des MGV und Singkreis Orschweier singen immer noch mit Freude, haben vor Kurzem zwei neue Sängerinnenn dazu erhalten – und machen sich Gedanken, wie sie die 150 Jahr-Feier des MGV gestalten können.
Zuerst wurde der Männergesangverein gegründet: Bereits 1876 wurde der Männergesangverein Orschweier gegründet. 1968 kam eine junge Lehrerin Frau Keusen (später Rombach) nach Orschweier und wollte den Frauen die Möglichkeit geben, auch außerhalb des Kirchenchors zu singen. Im November 1968 wurde dann der Singkreis gegründet und unter ihrem Dirigat probten dann 22 Sängerinnen jeden Dienstag im Klassenzimmer der Grundschule Orschweier. Unter ihnen die jetzige Chorleiterin Marianne Bellinghausen sowie die inzwischen 98-jährige Ruth Wurth, die immer noch im Chor singt. Weitere Gründungsmitglieder waren Edeltraut Schaub, Gusta Schmidt, die Gerda Obergföll, Maria Edelmann und Mechthilde Burger. Von diesen Gründungsmitgleidern sind noch immer fünf aktiv im Chor, so wurde etwa Maria Edelmann bei der jüngsten Hauptversammlung für 50 Jahre als Kassenprüferin ausgezeichnet. Gusta Schmidt war viele Jahre Vorständin der Frauen.
Die Frauen mussten sich erst als Sängerinnen beweisen: Eine Eingliederung in den Männergesangverein war zwar angestrebt worden, jedoch wollten die Männer, dass die Frauen erst ihr Können unter Beweis stellten und sich bewährten. Das taten sie dann beim Adventskonzert 1969, ab diesem Zeitpunkt gestalteten die Chöre ihre Veranstaltungen auch gemeinsam. Als 1973 Frau Rombach wegzog, übernahm der Dirigent des Männergesangvereins, Herr Fichtner, den Singkreis mit und führte die beiden Gesangvereine zusammen. Von da an wurde am Montag abwechselnd getrennt und gemeinsam geprobt und das Liederrepertoire auf Stücke für gemischte Chöre erweitert. Der älteste Sänger, Werner Burger, war dieses Jahr 65 Jahre aktiv im Chor.
Schwierige Zeiten für den Chor
Ein großer Einschnitt erfolgte für den Verein 2011. Jüngere Sänger waren kaum nachgekommen und somit gestaltete sich die Teilnahme an Festen mit dem auch körperlich anstrengenden Auf- und Abbau für die immer älter werdenden Mitglieder immer schwieriger. So entschied man sich nach dem Stadtfest 2010 in Mahlberg und dem Meerrettichfest 2011, auf weitere Festteilnahmen zu verzichten und das Equipement zu verkaufen.
Ohne Geld musste eine Idee her: Doch wie sollte man ohne das Geld fortan den Dirigenten bezahlen? 2012 gingen MGV und Singkreis Orschweier aufs Abschiedskonzert unter dem damaligen Dirigenten Tiessler und ließen ihre Mitgliedschaft im Ortenauer Sängerbund zunächst für drei Jahre ruhen.
„Es hat mich Tag und Nacht unentwegt beschäftigt, dass ein Verein, der so singfreudig und motiviert ist, aus finanzieller Sicht nun zum Sterben verurteilt sein soll“, erklärt Bellinghausen. Marianne Bellinghausen hatte einmal einen Vize-Chorleiterlehrgang unter dem früheren Dirigenten Herbert Sutterer absolviert und bei diesem auch das Dirigieren gelernt. Ihre Überlegung war daher, den Chor im Ehrenamt zu dirigieren, um Kosten zu sparen. Unter ihrer Regie traf sich der Chor fortan 14-tägig zum Singen. „Es war uns aber gleich bewusst, dass wir ein Ziel brauchen, auf das man hinarbeitet“, so Bellinghausen.
Dieses bot sich dann, als die KFD den Chor bat, bei der Marienandacht in Maria Sand zu singen. „Mit Freude haben wir uns darauf vorbereitet. Das Singen hatte wieder einen Sinn“, erinnert sich Bellinghausen. Der Auftritt wurde für den Chor zum vollen Erfolg – noch immer ist er jedes Jahr dort zu hören.
MGV und Singkreis Orschweier wagt kleine Revolution: 2015 standen dann zwei wichtige Entscheidung an. Zum einen die Gesangliche: Der Tenor war inzwischen auf nur noch drei Sänger reduziert. Auch der Sopran war schwächer geworden. Zum einen weil den Sängerinnen und Sängern im Alter die Kraft für die hohen Tonlagen fehlte, zum anderen weil einige krankheitsbedingt ausgeschieden oder inzwischen verstorben waren. So entschieden sich MGV und Singkreis, fortan nur noch zweistimmig anstatt vierstimmig zu singen. Das Liedgut wurde dementsprechend vereinfacht, um singfähig zu bleiben.
Zum anderen stand eine finanzielle Entscheidung an: Nach wie vor war die finanzielle Lage bescheiden, so traf der Chor schweren Herzens die Entscheidung aus dem Sängerbund auszuscheiden. Das bedeutete keine Ehrungsfeier für verdiente Sänger beim Sängerbund mehr. Ab jetzt war der MGV und Singkreis auf sich gestellt, aber nach wie vor ein eingetragener Verein. „Ich kenne keinen weiteren Gesangverein, der diese Situation gelöst hat“, so Bellinghausen.
Auftritte, die nicht nur den Chormitgliedern in Erinnerung blieben: 2013 gestaltete der Chor den 100-jährigen Geburtstag des Ehrenbürgers Alfons Obergföll mit. Unvergessen bleibt auch der Auftritt beim Stadtfest zur 800-Jahr-Feier Mahlbergs. „Das war revolutionär. Wir haben im Themenhof als Mägde und Knechte verkleidet Kaffee und Kuchen angeboten und mit den Gästen zu festen Uhrzeiten aus extra erstellten Volksliederheften gemeinsam gesungen“, erinnert sich Bellinghausen. Zum Auftakt haben der Chor und der 2010 gegründete Kinderchor mit Liedern eingestimmt. Bei einem Theaterstück zur Geschichte Mahlbergs wirkte auch der Kinderchor mit – und hat zum Finale einen großen Auftritt. 2018 wirkte der Chor auch bei der Einweihung des Trauzimmers in Orschweier mit. 2019, unmittelbar vor Corona, wurde noch das 50-Jährige des Singkreises mit Gottesdienst und kleinem Festbankett begangen – und die ganze Bevölkerung Orschweiers feierte mit.
Auftritt beim Fußballclub
Einen großen Auftritt hatten MGV und Singkreis Orschweier dann 2022 beim 100+1-Jährigen des SC Orschweiers, bei dem sie durch ihren Gesang das SCO-Lied wiederbelebten. Jüngst stellte sich heraus, dass dies einst von Friedrich Freiherr von Böcklin komponiert und von den Fußballspielern und Karl-Friedrich Häusler und Rudolf Schwende getextet worden war. Der Kinderchor gab in Trikots einen Fußball-Rap zum Besten.
Ebenfalls auf sich aufmerksam gemacht hatten MGV und Singkreis 2023 bei der Feier zur 50-jährigen Eingemeindung von Orschweier. Auf dieser trugen sie das Lied „Mitten im Dörflein“, das der Großvater von Ortsvorsteher Bernd Dosch gedichtet hat, vor.
Keine Angst vor der Zukunft: Und wie wird es mit dem Verein weitergehen? „Das Amt der Vorsitzenden wird nicht einfacher“, erklärt Bellinghausen. Besonders dankbar ist sie Anton Wieber. Er war knapp 20 Jahre als Vorsitzender engagiert. Aber, so fügt sie hinzu: „Wir sind – auch mit dem Verwaltungsrat – gut aufgestellt.“ Singen funktioniere eben noch bis ins hohe Alter, weil Gehör und Stimme einfach geschult seien. Die Sängerinnen und Sänger singen ihr altes Repertoire, probieren aber jedoch auch immer wieder etwas Neues aus. Geprobt wird zwei Mal im Monat. „Wir sind ein Chor, der auftreten und singen kann. Und es macht uns Spaß“, erklärt Bellinghausen stolz.
Der Kinderchor
Unter dem Dach MGV und Singkreis Orschweier hat Bellinghausen 2010 den Kinderchor „Flott und Flink“ ins Leben gerufen. Dieser wirkt unter anderem seit zwei Jahren beim Weihnachtssingspiel in der katholischen Pfarrkirche in Mahlberg mit. 2023 bot er etwa bei „Drei Engel auf dem Dach“ drei Weihnachtslieder dar.