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Seit 90 Jahren eine Stadt Als Tailfingen kein Albdorf mehr war

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Das Tailfinger Stadtbild war geprägt von Textilfabriken – heute stehen nur noch wenige "Kamine". Foto: Archiv

Seit dem 19. November 1930 trägt Tailfingen den Titel "Stadt" – 90 Jahre sind seither vergangen. Der Weg vom verträumten Albdorf zur industrialisierten Stadt innerhalb weniger Dekaden brachte allerdings einige Hürden mit sich. Ein Rückblick zum Jubiläum.

Albstadt-Tailfingen - Der Aufschwung Tailfingens hat seinen Ursprung im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71. So berichtet der vormalige Stadtarchivar Peter Thaddäus Lang in den Heimatkundlichen Blättern Balingen vom 28. Februar 1991. Die Erträge der Landwirtschaft waren gering, und so suchte der Tailfinger Geschäftsmann Alternativen zu Ackerbau und Viehzucht. Ein Novum brachte die Wende: Das württembergische Militär trug im Krieg gegen die Nachbarn nämlich Baumwollunterwäsche anstatt der kratzigen Leinenkleidung, die sonst üblich war. Schnell sprach sich herum, wie angenehm der Stoff zu tragen sei – Tailfingens Textilindustrie florierte.

Für die Produktion der Textilien brauchte es aber Maschinen – genauer: Rundstühle, die in jedes Wohnzimmer passen. Die glückliche Fügung, dass ein Finanzierungsprogramm des württembergischen Staates ausgerufen wurde, erlaubte es den Tailfingern, in Massenproduktion einzusteigen. Der Erfolg der Textilien brachte die Expansion der Trikotindustrie mit sich. Aus Heimarbeitern wurden Fabrikanten und aus Bauernhäusern Produktionsstätten. Die Besonderheit in Tailfingen: Während andernorts Industrie- und Wohngebiet strickt getrennt waren, war das Tailfinger "Stadtgesicht" bunt gemischt. Die Zahlen der Rundstühle verdeutlichen den Textilboom Ende des 19. Jahrhunderts. Gab es 1880 nur 180 Rundstühle, stieg ihre Zahl auf 700 im Jahr 1900. 1930 waren es bereits 3100 Maschinen.

Diese Entwicklung war der Anlass dafür, dass die Bevölkerung Tailfingens rasant zunahm. Schließlich mussten die Rundstühle bedient und die fertige Ware versandt werden. Von 1871 bis 1910 verdoppelte sich die Bevölkerung auf 5412 Einwohner. Das Rekordtempo führte zur Kuriosität, dass Tailfingen zeitweise sogar die Oberamtsstadt Balingen überflügelte.

Interessant ist ein Blick ins Nachnamensarchiv der sogenannten "ABC-Stadt": Tailfingen wird dieser Name zugeschrieben, weil, so die Theorie, die meisten Familiennamen Ammann, Bitzer und Conzelmann seien. Stimmt das? Tatsächlich sind die Namen Bitzer und Conzelmann seit 1925 in Tailfingen am meisten verbreitet. Erst ab diesem Zeitpunkt wurden Namensregister geführt. Lang geht aber davon aus, dass die Familien Bitzer und Conzelmann bereits seit dem 15. Jahrhundert in Tailfingen sesshaft sind. Ammann komme auch häufig vor, erreiche bei weitem aber nicht die Zahl der Bitzer und Conzelmänner. Die Textilindustrie lockte Arbeiter aus ganz Baden-Württemberg an und so nahm der prozentuale Anteil der ABC-Namen im Laufe der Industrialisierung stark ab.

Die Schattenseiten des rasanten Aufstiegs

Der rasante Aufstieg hatte aber auch seine Schattenseiten: Die Infrastruktur hinkte hinterher. Durch zugezogene Arbeiter wurden Schulen, größere Kirchen und vor allem mehr Wohnraum nötig. Die Probleme wurden nach und nach gelöst: 1911 entstand die Lutherschule als Schulzentrum, 1928 wurde sie erweitert. Für Katholiken – im evangelisch geprägten Tailfingen gab es kein katholisches Gotteshaus – wurde 1903 die Kirche St. Bonifatius gebaut, und für die Protestanten ist 1907 der Bau der Pauluskirche abgeschlossen worden. So nahm auch die Gebäubeanzahl zu: 377 Häuser waren es 1871, schon 1685 Gebäude 1930. Darunter fanden sich auch einige noble Geschäfte wie ein Fotoatelier, ein Delikatessenladen und das Bahnhofshotel – ein Zeichen für den einziehenden Reichtum.

Dieser brachte das Begehren nach mehr Prominenz, also den Stadttitel für Tailfingen. Im August 1927 beriet der Gemeinderat erstmals über die Erhebung Tailfinges zur Stadt, und noch im selben Monat ist bereits eine Tailfinger Delegation auf Befehl von Schultheiß Georg Höfel, des damaligen Bürgermeisters, nach Stuttgart ausgesandt worden: Mit der Begründung, dass Trossingen kurz vorher zur Stadt erhoben worden war und viel kleiner sei als Tailfingen, bestand Hoffnung auf Erfolg. Damit wurde es aber nichts. Trossingen sei eine Ausnahme wegen der dortigen Musikinstrumentenanfertigung, somit eine Besonderheit – und Tailfingen städtebaulich nicht so weit fortgeschritten.

Enttäuscht informierte sich Höfel über andere Gemeinden und deren Chance, zur Stadt aufzusteigen. Sein Fazit: Tailfingen muss als nächstes an der Reihe sein. Im September 1928 war die Lutherschule endgültig ausgebaut, und zum Einweihungsfest wurde der württembergische Staatspräsident Eugen Bolz eingeladen. Aus der Werbung für eine Stadterhebung wurde aber nichts – die Einladung verlief im Sande und Bolz, der den Braten gerochen hatte, kam nicht.

Der Schultheiß entrüstet sich

Abwarten hieß nun also die Devise. Als im Oktober 1930 dann aber bekannt wurde, dass Mühlacker zur Stadt erhoben wird, brach beim Tailfinger Bürgermeister ein Sturm der Entrüstung los. Mühlacker könne bei Bevölkerungszahlen und Gewerbesteuern nicht mithalten, so der Schultheiß.

Wieso wurde Tailfingen vernachlässigt? Dahinter stand eine Wende in der Landespolitik, die im Laufe des Jahres 1929 in Kraft trat. Eine Kommission hatte Gemeinden mit Stadtcharakter besucht und deren Städtetauglichkeit untersucht. Tailfingen stand Mühlacker in keinem Punkt nach – Mühlacker hatte sich nur früher beworben. Das teilte Höfel dem Gemeinderat mit, und noch im November 1930 wurde Tailfingen zur Stadt ernannt. Der Antrag war binnen weniger Tage geschrieben, und am 19. November gab es dann vom ranghöchsten Mann im Lande, Eugen Bolz, grünes Licht. Der kündigte sein Kommen bei der Stadteinweihungsfeier im Dezember an.

Wie kam es zur plötzlichen Trendwende in Sachen Stadterhebung? Schließlich hatte der Staatsminister 1927 eine Erhebung Tailfingens zur Stadt strickt abgelehnt. Die Goldenen Zwanziger der Wirtschaft waren vorbei und die einsetzende Wirtschaftskrise nach dem Börsensturz in den USA musste mit positiven Schlagzeilen beschönigt werden.

Spontan wurde die Feier geplant, und Eugen Bolz hatte eine Feierrede für die Textilstadt im Gepäck: "Die heutige Besichtigung der Stadt hat meine Meinung noch überboten, indem mir noch deutlicher vor Augen geführt wird, was hier von einfachen Menschen Großes geleistet werden kann. Da ist unser Stolz und unser Vorbild, und wir wollen nicht vergessen, dass diese schlichte Arbeit Voraussetzung ist, wenn es bei uns besser werden soll." Besser wurde es allerdings so schnell nicht: Das Nazi-Regime kam in Deutschland an die Macht, und auch Tailfingen fiel dem Gleichschaltungsprozess der öffentlichen Institutionen zum Opfer. Der Zweite Weltkrieg begann. Tailfingen blieb zwar eine Zerstörung erspart, eine weitere Blüte der Wirtschaft bliebt jedoch aus.

Heute boomen die Nachfolger

Die junge Stadt Tailfingen hat Geschichte erlebt und sie durch die Textilindustrie und das damit verbundene Wirtschaftswachstum selbst mitgeschrieben. Als Andenken prägen heute noch Trikotfabriken das Tailfinger Stadtbild. Auch wenn viele davon heute Brachen sind, erinnern sie an die Zeit, in der die Textilindustrie boomte – heute tun es ihre Nachfolger wie etwa die Start-up-Unternehmen in der Technologiewerkstatt.

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