Der erste Laden der Erlacher Höhe öffnete 1990 in Calw. 2009 zog dieser um ins Gebäude des alten Bahnhofs. Foto: Jana Heer

1985 startete die Erlacher Höhe im Kreis Calw. Seitdem hat sich vieles entwickelt. Doch die Hilfe des Sozialunternehmens wird inzwischen nicht weniger gebraucht. Ganz im Gegenteil.

Wer heute auf die Einrichtungen und Leistungen der Erlacher Höhe Calw-Nagold blickt, muss beeindruckt zugeben: Das Hilfsangebot des diakonischen Sozialunternehmens, dessen Abteilung im Kreis Calw in diesem Jahr seinen 40. Geburtstag feiert, ist beachtlich.

 

Fünf Standorte im Nordschwarzwald. Beratungs-, Wohn- und Betreuungsangebote für Menschen in Wohnungsnot, ein Qualifizierungs- und Beschäftigungsangebot für Arbeitslose.

Und seit rund zehn Jahren hilft die Erlacher Höhe zudem jungen Flüchtlingen, auch bekannt als unbegleitete minderjährige Asylbewerber (UMA).

Doch das war nicht immer so.

Die Anfänge

Als die Abteilung Erlacher Höhe Calw-Nagold 1985 in Calw gegründet wurde, startete das Sozialunternehmen mit „einem sehr überschaubaren Angebot für wohnungslose Menschen“, berichtet der geschäftsführende Vorstand des Sozialunternehmens, Wolfgang Sartorius.

„Nichtsesshaftenhilfe“ hieß das Ganze damals, ergänzt Andreas Reichstein, Abteilungsleiter bei der Erlacher Höhe Calw-Nagold. Seitdem wurde vielen Tausend Menschen geholfen, ambulant und stationär. Und etliche Angebote und Einrichtungen sind hinzugekommen.

Die Einrichtung wuchs mit dem Bedarf, wenn man so will. 1995 gehörten ihr sechs Mitarbeiter an, mittlerweile sind es rund 50. Dieses Wachstum, so Sartorius, sei mit Reichstein verbunden, der stets das richtige Gespür gehabt habe. Reichstein kam 2001 zur Erlacher Höhe.

Die Not

Was sich in all den Jahren indes nicht verändert hat: Noch immer geraten Menschen in Not, verlieren ihre Wohnung, brauchen Hilfe. „Das ist nicht weniger geworden“, sagt Reichstein. Der Wohnungsmarkt sei gegenwärtig „katastrophal“. Im Kreis Calw gebe es überdies kaum sozialen Wohnungsbau. „Das reicht hinten und vorne nicht“, unterstreicht der Abteilungsleiter.

Entsprechend gehöre es zu den schwierigsten Aufgaben, den Betroffenen bei der Wohnungssuche zu helfen. Denn dauerhaft könne und wolle niemand in den Unterkünften der Erlacher Höhe bleiben.

Die Teilhabe am Leben

Doch das Sozialunternehmen will mehr leisten, als den Menschen „nur“ ein Dach über dem Kopf zu bieten. Teilhabe am Leben bedeute nicht zuletzt auch eine Beschäftigung. Auch das kann die Erlacher Höhe seit vielen Jahren bieten – etwa in ihren eigenen, selbst geschaffenen Sozialkaufhäusern.

1990 öffnete das erste Geschäft: ein Laden in der Badstraße, in dem gebrauchte Waren und Möbel verkauft wurden. 2009 zog dieser um ins Gebäude des alten Bahnhofs in Calw.

2001 kam der Kreuzermarkt in Nagold dazu; dort gibt es Lebensmittel zu sehr günstigen Preisen, gebrauchte Haushaltsgegenstände, Bücher und ein großes Angebot an Secondhandkleidung. Als dieser Laden ins Lebengerufen wurde, „das war damals schon eine Antwort auf die Krise“, erzählt Reichstein.

Hier wurden auch Arbeitsplätze geschaffen, vom Ein-Euro-Job bis zur sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung. „Wir können natürlich nicht alle anstellen“, sagt der Abteilungsleiter. Doch es bestehen auch eine enge Zusammenarbeit mit Jobcenter und Arbeitsagentur.

Dem Kreuzermarkt folgten schließlich drei weitere Sozialkaufhäuser: 2006 in Altensteig, 2010 in Calmbach und 2018 in Neuenbürg im Enzkreis.

Die Flüchtlingskrise

Generell, berichtet Reichstein, habe man immer auf gesellschaftliche Entwicklungen reagiert. Etwa als im Jahr 2015, im Zuge der Flüchtlingskrise, eine Anfrage des Jugendamtes kam, ob die Erlacher Höhe nicht unbegleitete minderjährige Asylbewerber (UMA) aufnehmen könne.

Das tat das Sozialunternehmen – und freut sich in der Folge über „wirklich tolle Erfolgserlebnisse“, berichtet Sartorius. 50 UMAs seien etwa im Jahr 2016 aufgenommen worden, 36 von betreute die Erlacher Höhe länger als ein Jahr, 92 Prozent davon arbeiten regulär, die ersten haben bereits ihren Meisterbrief.

Und, so Sartorius: „Die meisten arbeiten in sogenannten Mangelberufen“ – also beispielsweise in der Pflege.

Das Verhältnis zu Calw

In Calw, so berichtet Sartorius, sei die Erlacher Höhe von Anfang an willkommen gewesen – seitens der Verwaltungsspitze aber auch seitens der Bevölkerung. Insbesondere zwei Erlebnisse fallen ihm dabei ein.

Zum einen, als im Jahr 2002 aus den Reihen der Bürger heraus eine Aktion auf die Beine gestellt wurde, um Geld für die erste behindertengerechte Wohnung des Sozialunternehmens zu sammeln.

Zum anderen die überwältigende Solidarität, Unterstützung und Anteilnahme nach der wohl dunkelsten Stunde der Erlacher Höhe: Als im Jahr 2009 einer der Bewohner im Gebäude in der Calwer Burgsteige Feuer legte – und dabei vier Menschen ums Leben kamen. Der Täter wurde 2010 zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Wohnheim war 2011 wieder aufgebaut.

Das Scheitern begleiten

Nicht immer sind es Erfolgsgeschichten, die dank des Sozialunternehmens geschrieben werden.

Manchmal, so sagt Sebastian Kirsch von der Wohnungslosenhilfe der Erlacher Höhe, manchmal heiße Helfen auch, „das Scheitern begleiten“. Jemandem nach einer schwierigen Lebensgeschichte bis zum Tod zur Seite zu stehen.

Bis zum Begräbnis, für das die Stadt Calw in einem solchen Fall dankenswerterweise Gräber zur Verfügung stelle, falls es keine andere Lösung gebe. Das sei nicht selbstverständlich. Nach dem Tod gebe es keine Kostenübernahme mehr, sagt Sartorius. Doch niemand solle namenlos im Nichts verschwinden.

Die Zukunft

Insgesamt, so bilanziert Reichstein im Jahr des 40. Geburtstags, stehe die Erlacher Höhe im Kreis Calw auf einer soliden Grundlage. Expansionspläne, etwa für weitere Sozialkaufhäuser, gebe es aktuell keine.

Finanziell werde es durch die schwierige wirtschaftliche Lage immer enger, während zugleich eigentlich immer mehr Hilfe benötigt werde.

Klar sei, man müsse auch in Zukunft sehen, was gesellschaftlich gebraucht werde und darauf reagieren. Wie das Sozialunternehmen es stets getan hat. Und auch weiterhin tun will.