Tierschutz bei der Schlachtung? Was sich für viele Menschen widersprüchlich anhört, hat sich die Interessengemeinschaft „Schlachtung mit Achtung“ auf die Fahne geschrieben. Sie will, dass Tiere stressfrei und ohne Qualen geschlachtet werden. Einige Landwirte machen bereits mit. Ein Hofbesuch.
Ein Rinderhof in Baiersbronn mit rund 70 Tieren. Geschlachtet wird hier alle drei Wochen. In einem separaten Stall auf dem Seidtenhof sind zwei Ochsen, die kurz vor ihrer Tötung stehen. Doch von panischer Angst und Stress ist keine Spur. Vielmehr befinden sich die Tiere bis zum Schluss in ihrer gewohnten Umgebung, fressen friedlich und wissen nicht, was sie erwartet.
Den Seidtenhof betreibt Mario Zimmermann zusammen mit seiner Frau. Er hat sich für artgerechte Tierhaltung und gegen qualvolle Tiertransporte zur Schlachtstätte für seine Pinzgauer-Rinder entschieden. In die Praxis setzt er das unter anderem mit einer hofnahen Schlachtung um. Möglich ist das mit einer Mobilen Schlachteinheit (MSE), die von der Interessengemeinschaft (IG) „Schlachtung mit Achtung“ ins Leben gerufen wurde.
Rund eine Woche vor dem Schlachttermin wurden die beiden Ochsen in den separaten – für die Schlachtung vorbereiteten – Stall gebracht, um sich an die Umgebung zu gewöhnen. Dort steht auch der Anhänger mit der mobilen Schlachtbox. Wenn es für die Tiere zu Ende geht, sind immer ein Tierarzt, ein Metzger und der Landwirt selbst vor Ort.
So läuft diese Art von Schlachtung ab
Das im Durchschnitt 20 bis 24 Monate alte Tier, welches als erstes in die Vorrichtung der Schlachtbox läuft, wird gefüttert, bis sich der Bügel an der Fangeinheit schließt. Der andere Ochse wird zeitgleich vom Geschehen getrennt, um das Ende seines Artgenossen nicht mitzubekommen. Während des Fressens betäubt der Metzger das Tier mit einem Bolzenschuss in den Kopf. Ohne Stress und ohne Gebrüll. Dann geht alles ganz schnell. Innerhalb von 60 Sekunden fährt die Vorrichtung, auf der das bewusstlose Tier liegt, in die mobile Schlachteinheit. Das Rolltor verschließt sich und im Innenraum des Anhängers wird der Ochse in hygienischer Edelstahl-Umgebung durch einen Kehlschnitt vom Metzger getötet. Was in der MSE passiert, wird von Anfang bis Ende auf Video dokumentiert. Das dient einerseits der Selbstkontrolle. Andererseits kann nachgewiesen werden, dass alles stressfrei und ethisch vertretbar läuft. Schließlich fährt der Traktor mit dem Anhänger nach nur wenigen Minuten zur Schlachtstätte nach Klosterreichenbach. Dort wird der Ochse letztendlich zerlegt.
Für Zimmermann ist das ein großer Vorteil gegenüber der konventionellen Schlachtung: „Das Tier wird nicht lebend in einem Anhänger transportiert. Es wird nicht angebunden, wird nicht rumgetrieben. Das heißt für das Tier: es bleibt in seiner gewohnten Umgebung mit dem gewohnten Futter und den gewohnten Personen.“ Abgesehen davon, sei es auch für die Beteiligten im Bereich Arbeitssicherheit besser, so der Landwirtschaftsmeister.
Wir waren bei einer Schlachtung auf dem Seidtenhof dabei:
Zimmermann weicht seinen Rindern bis zum Schluss nicht von der Seite. Auch für ihn seien diese Tage nicht einfach. Er habe die Tiere schließlich rund zwei Jahre versorgt und großgezogen, erklärt der Landwirt im Gespräch mit unserer Redaktion.
Die Idee hinter „Schlachtung mit Achtung“
Doch wie kam es zu der Idee, Tiere auf diese Weise zu schlachten? Und wer steckt hinter der IG„Schlachtung mit Achtung“? „Eigentlich sind das nur zwei Leute“, verrät Sandra Kopf aus Fluorn-Winzeln. Sie selbst und Thomas Mayer aus Kandern (Landkreis Lörrach). „Wir haben uns am 4. Oktober 2012 bei einer Tierschutzveranstaltung kennengelernt, wo diese Art der Schlachtung auch Thema war“, erinnert sie sich. Mit dabei war auch Ernst Herrmann Maier vom Uria-Hof in Balingen-Ostdorf, der seine Rinder auf der Weide per Kugelschuss betäubt und anschließend in eine mobile Schlachtbox verlädt, wo sie ebenfalls nach einem Schnitt durch Blutverlust sterben.
Diese Methode der Schlachtung ist also sehr ähnlich, „aber gleichzeitig mit einigen Auflagen verbunden, die sie nicht jedem Landwirt möglich machen“, erklärt Kopf. Dazu gehört, dass die Tiere ganzjährig auf der Weide gehalten werden und die Landwirte eine Waffenbesitzkarte und einen Sachkundenachweis vorweisen müssen. Kopf und Mayer hätten sich daraufhin gefragt, was sie tun können, damit so eine Methode für mehr Landwirte praktikabel ist.
Das sei der Grundstein für die Gründung der IG „Schlachtung mit Achtung“ gewesen, die offiziell im Jahr 2015 erfolgte. Seither folgten viele Termine und Gespräche bei unterschiedlichen Behörden. „In der Zwischenzeit sind einige Jahre vergangen. Man hat manchmal monatelang gar nichts gehört. Aber wir sind trotzdem immer am Ball geblieben und immer wieder gab es dann einen kleinen Erfolg“, berichtet Kopf. Die Behörden hätten Kopf und Mayer jedoch nie Steine in den Weg gelegt, versichert sie. „Es hat einfach nur lange gedauert. Aber die müssen sich ja auch an die Gesetze halten“, sagt sie verständnisvoll.
Viele Hürden auf dem Weg zur Zulassung
Beispielsweise muss ein Tier lebend in die mobile Schlachteinheit. Weil es jedoch möglich ist, dass es nach der Betäubung wieder zu sich kommt, muss es dort innerhalb einer Minute durch einen Schnitt getötet werden. Außerdem braucht es einen stationären, von der EU zugelassenen Schlachtbetrieb, wohin es in der mobilen Einheit binnen zwei Stunden gebracht werden muss und wo es anschließend zerlegt werden kann.
All diese Vorgaben haben Kopf und Mayer bei der Überlegung, wie man so eine mobile Schlachteinheit konstruieren könnte, immer wieder vor neue Herausforderungen gestellt. Zusammen mit Peter Brandmeier, der diese dann schließlich gebaut hat, haben sie aber Lösungen gefunden, bis die heutige mobile Schlachteinheit schließlich konstruiert war.
Bis vor wenigen Jahren habe man ein Tier nur in einem komplett geschlossenen Raum töten dürfen. Das ist inzwischen nicht mehr so. „Wir finden es trotzdem besser, aus ethischer Sicht. Man liefert das Tier ja quasi aus, wenn man es bei der Tötung so vorführt, dass es alle sehen. Das möchten wir nicht. Außerdem schützt der geschlossene Raum ja auch vor Regen, Dreck oder Ungeziefer“, erklärt Kopf.
„Ich möchte nichts beschönigen. Eine Tötung ist nichts Schönes“
Dem Tier ein möglichst würdevolles Ende zu ermöglichen, sei der IG „Schlachtung mit Achtung“ das Wichtigste: „Natürlich kann man sagen, es soll jetzt einfach niemand mehr Fleisch essen. Aber das ist unrealistisch. Es wird immer eine Nachfrage geben. Aber wir finden, es kommt immer auf das Wie an“, erklärt Kopf und sagt außerdem: „Ich möchte nichts beschönigen. Eine Tötung ist nichts Schönes. Aber diese Art der Schlachtung ist doch besser als die Tiere in einen Transporter zu treiben und zur Schlachtstätte zu fahren, wo sie in einer Reihe warten müssen, bis sie dran sind und schon das Blut riechen“, findet Kopf.
Auch Zimmermann sagt, dass er nie wieder auf konventionelle Art seine Tiere zur Schlachtstätte bringen möchte. „Es bringt doch nichts, wenn ich den Tieren hier zwei Jahre ein schönes Leben bereite und in den letzten Minuten alles kaputt mache.“ Dem Tier Stress zu ersparen, wirke sich außerdem auf die Qualität des Fleisches aus. Das hat auch seinen Preis: Ein Kilo Rumpsteak kostet beispielsweise 41,60 Euro, ein Kilo Hackfleisch 16,20 Euro. Das Fleisch könne man vor Ort im Hofladen kaufen.
MSE nicht nur für Rinder
Jeder Landwirt könne seine Tiere auf diese Weise schlachten. „Natürlich muss man das anmelden und mit den zuständigen Behörden in Kontakt treten. Aber es ist eine gesetzeskonforme Schlachtung, da spricht nichts dagegen“, erklärt Sandra Kopf. Die mobile Schlachteinheit könne von jedem erworben werden: „Egal, ob das ein Schlachtbetrieb, ein Zusammenschluss von mehreren Landwirten, ein Metzger oder eine Genossenschaft ist. Die mobile Schlachteinheit, mit der Zimmermann schlachtet, hat sich zum Beispiel die Kommune Baiersbronn angeschafft und stellt sie den Landwirten zu Verfügung“, sagt Kopf. Mit dieser MSE können nicht nur Rinder, sondern auch Schweine mobil geschlachtet werden. Erlaubt ist die Hofschlachtung außerdem auch für Pferde und Esel, aber bisher nicht für Ziegen und Schafe. „Ein ähnliches Model gibt es inzwischen auch für Hühner. “, sagt Kopf.
Tierschutzpreis gewonnen
Über das Projekt von Kopf und Mayer sei das Verfahren der Schlachtung von Tieren auf dem eigenen Hof EU-weit vereinfacht worden. Im Jahr 2019 haben sie sogar den Tierschutzpreis des Landes Baden-Württemberg gewonnen. Kopf weiß, dass so eine Einzeltierschlachtung nur schwer auf den Fleischkonsum der Verbraucher hochgerechnet werden kann. Dennoch hofft sie, dass bald mehr Landwirte und Metzger diese Art der Schlachtung praktizieren.