Urlaub im Ausland rückt mit der dritten Corona-Welle erneut in die Ferne. Umso beliebter sind Wanderwege und Ausflugsziele in der Region. Doch was von den Tagestouristen zurückbleibt, ist oft Müll - und davon nicht gerade wenig.
Seebach/Hechingen - Bereits im Winter strömten Menschen aus ganz Baden-Württemberg an die verschneiten Skihänge im Schwarzwald. Überfüllte Parkplätze, Polizeikontrollen und Gedränge waren die Folgen. Und jetzt, da die Tage länger und wärmer werden, wird die Natur ein weiteres Mal zum Besucherziel.
Das erlebt man auch in der Zollernstadt Hechingen am Westrand der Schwäbischen Alb. "Wir freuen uns über jeden, der Zeit in der Natur verbringt", sagt Mandy Hahn von den Stadtwerken Hechingen. Gleichzeitig appelliert sie an die Selbstverantwortung jedes Einzelnen, seinen Müll wieder mitzunehmen.
Dass dies längst nicht alle Menschen machen, zeigte sich bei einer von den Stadtwerken organisierten Müllsammelaktion im April in Hechingen: 5,39 Tonnen Unrat sammelten die Freiwilligen laut Hahn. Gefunden wurden Abfälle, die normalerweise gegen Gebühr entsorgt werden müssen, wie Reifen oder Metallschrott. Aber auch die Pandemie hinterlässt ihre Spuren in der Natur, wie Hahn berichtet: "Masken und Einweghandschuhe waren das geringste Problem. Dafür haben wir sehr viel Verpackungsmüll eingesammelt." Dazu gehörten Flaschen, Dosen und die Behälter von Essen zum Mitnehmen. "Besonders in der Nähe von Banken, auf denen sich Wanderer niederlassen, um zu vespern, bleibt viel Abfall liegen", sagt die Sprecherin der Stadtwerke.
Gefahr für Tiere
Ähnliche Erfahrungen machen die Mitarbeiter des Nationalparks Schwarzwald. Sie finden regelmäßig unter anderem Einwickelpapiere von Süßigkeiten, Flaschen sowie Biomüll wie zum Beispiel Schalen von Eiern oder Äpfeln. Letztere verrotten zwar, aber "das dauert unter Umständen lange", so Susanne Berzborn, Leiterin der AG Müll im Nationalpark. "Und wenn andere Besucher den Abfall dort liegen sehen, sinkt bei ihnen die Hemdschwelle und sie schmeißen ihren Müll dazu." Außerdem locke organischer Abfall Raubtiere wie Füchse an.
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Der Müll sieht nicht nur unschön aus, er stellt auch für die Tiere eine Gefahr dar. "Wir haben noch keinen Hirsch gefunden, der sich in Plastikmüll verheddert hat", beruhigt Berzborn. Doch Vögel würden Zigarettenkippen und Plastiktüten zum Nestbau nutzen. Flaschen sind ebenso gefährlich. Denn: "Sie können zu Fallen von kleinen Tieren werden, die dann nicht mehr herausfinden. Und wenn die Sonne draufscheint, könnte das einen Brand auslösen", warnt die Nationalpark-Mitarbeiterin. Dies sei glücklicherweise im Schwarzwald noch nicht geschehen.
Besucher sind nicht an Natur gewöhnt
Das wachsende Müllproblem im Nationalpark hänge mit der deutlich gestiegenen Anzahl an Besuchern zusammen, vermutet Berzborn. "Diese ist um rund 50 Prozent gestiegen, die Leute gehen mehr nach draußen", berichtet sie. Urs Reif, leitender Ranger im Nationalpark, fügt hinzu: "Es ist natürlich extrem wetterabhängig. Im ersten Lockdown letztes Jahr hatten wir weniger Gäste, die Menschen waren noch verunsichert. Im Juli und August stieg die Zahl dann deutlich an."
Damit sich nicht zu viele Wanderer auf einem Weg begegnen, gilt beispielsweise auf dem Lotharpfad die Einbahnregelung. Manche Pfade oder Aussichtsplattformen mussten aufgrund der Abstandsregelung oder des Artenschutzes abgesperrt werden. "Der Großteil der Gäste hält sich an die Absperrung", zieht der Nationalpark-Ranger Bilanz. Einige würden die Sperrungen aber auch ignorieren. Beispielsweise, wenn ihr Handy sie über die abgesperrten Wege leitet. "Deswegen versuchen wir mit Umleitungen dagegenzuwirken", so Reif.
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"Die Besucherstruktur ändert sich gefühlt ebenfalls. Es kommen mehr Menschen, die es nicht gewohnt sind, in der Natur zu sein, und oft nicht wissen, dass sie den Müll mitnehmen müssen", so Berzborn. Diese Besucher erwarten - ähnlich wie in der Stadt - oft Müllereimer entlang der Wege. "Und wenn es keinen gibt, schmeißen die Menschen ihren Abfall irgendwo hin. Das sieht nicht schön aus."
Mülleimer gehören nicht in den Wald
Auf den Parkplätzen entlang der B 500 sind Mülleimer aufgestellt, im Park selbst stehen jedoch kaum Abfallbehälter - aus mehreren Gründen: Das Gefäß quillt schnell über, Menschen machen den Deckel nicht richtig zu, der Müll landet daneben und der Behälter muss regelmäßig geleert werden. Die Leerung sei logistisch und zeitlich von den Mitarbeitern des Parks nicht zu schaffen, erklärt Berzborn. "Außerdem wären Mülleimer kontraproduktiv. Wir wollen die Leute anhalten, alles wieder aus dem Wald zu tragen."
Auch in der Region um Hechingen sind Mülleimer nicht entlang jeden Wanderwegs zu finden. "Die haben aber auch nichts im Wald zu suchen", findet Hahn. "Und an den Parkplätzen stehen genügend." Ausflügler sollen ihre Hinterlassenschaften in ihren Rücksäcken wieder mitnehmen und in dem nächsten Abfallbehälter oder Zuhause entsorgen. "Den Menschen muss auch bewusst sein, dass Mülleimer oft geleert werden müssen. Das kostet Geld und Zeit. Außerdem besteht im Wald die Gefahr, dass Vögel den Müll aus den Eimer herausholen. Und das kann nicht die Lösung sein."
"Natürlich gibt es auch viele positive Effekte der Pandemie auf die Umwelt", sagt die Hechinger Stadtwerke-Mitarbeiterin. Dazu gehören weniger Flüge sowie Verkehr durch vermehrtes Homeoffice. Ein weiteres positives Zeichen sei, dass sich viele Freiwillige bei der Müllsammelaktion beteiligten. In Hechingen fand sie dieses Jahr zum ersten Mal stadtweit statt. "Über Hechingen hinaus haben sich Städte und Gemeinden beteiligt. Wir wollen die Aktion wiederholen, vielleicht wird es das nächste Mal auch eine Zollernalbkreis-Müllsammelaktion", sagt Hahn.