Bestsellerautor Sebastian Fitzek über die Kunst des professionellen Lügens, kaputt recherchierte Ideen und die „Der Heimweg“-Verfilmung, die bei Prime VIdeo erscheint.
Sebastian Fitzeks Echtzeit-Thriller „Der Heimweg“ aus dem Jahr 2020 erzählt verstörend-intensiv von einem Telefonat zwischen einer Frau, die um ihr Leben bangt, und einem Mann, der bei einer Begleit-Hotline arbeitet. Wir haben den Bestsellerautor („Die Therapie“) zum Start der Verfilmung des Buchs bei Amazon Prime zum Zoom-Interview getroffen.
Herr Fitzek, stimmt es, dass Sie die Idee für den Thriller „Der Heimweg“ der Zuschrift einer Leserinnen verdanken?
Ja, Ausgangspunkt war tatsächlich eine Mail: Eine Leserin hat mir geschrieben, dass sie ehrenamtlich beim Heimweg-Telefon arbeitet. Ich wusste gar nicht, was das ist. Wir sind dann in einen E-Mail-Austausch getreten und haben uns später sogar kennengelernt.
Und was ist das Heimweg-Telefon?
Wir kennen diese Situation, dass wir an der Bushaltestelle stehen, wenn wir nachts um zwei nach einer Party nach Hause wollen, und plötzlich sehen wir jemanden, dem wir nicht über den Weg trauen. Oder eine Gruppe taucht auf, die uns Angst macht: Dann tun wir so, als ob wir gerade telefonieren. Das Heimweg-Telefon knüpft an diesem Gedanken an. Man kann wegen eines subtilen Angstgefühls nicht gleich die 110 wählen, aber dort kann man anrufen, hört eine reale Stimme, kann mit jemandem sprechen, der, wenn es nötig wird, auch wirklich die Polizei verständigen kann. Das ist eine großartige Sache, die bestimmt auch schon geholfen hat, Verbrechen zu verhindern.
Das zentrale Thema von „Der Heimweg“ ist aber häusliche Gewalt. In Ihrem Roman und der Verfilmung kommen Männer nicht besonders gut weg, sind gewalttätig, herrschsüchtig, manipulativ. Sind Männer so schlimm?
Die Frage, die mich interessiert, lautet: Warum gibt es überhaupt häusliche Gewalt? Ich gehe davon aus, dass kein Mann eine Frau mit dem Vorhaben heiratet, sie zu verprügeln oder ihr etwas anzutun. Es sind bestimmte Situationen, in denen bestimmte Prädispositionen zu so etwas führen. Und Fakt ist – das können wir nicht wegdiskutieren: Männer führen die Kriminalitätsstatistik bei Gewaltdelikten mit zwischen 80 und 90 Prozent an. Das größte Gewaltpotenzial geht nicht nur in Deutschland, sondern weltweit von jungen Männern aus. Vor kurzem ist „Der Heimweg“ in Italien unter dem Titel „Portami a casa“ erschienen. In Italien wird täglich eine Frau von ihrem Lebensgefährten umgebracht. Bei uns geschieht das alle zwei Tage. Und jeden Tag wird es versucht. Alle drei Minuten haben wir einen Fall von häuslicher Gewalt. Das sind statistische Zahlen, die unvorstellbar sind.
Was macht Männer so gewalttätig?
Darauf kann ich keine Antwort geben. Ich kann nur vermuten, dass es mit der Sozialisierung von Männern – vor allem in ihrer Kindheit – zu tun hat. Mittlerweile weiß man, dass dieses Verhalten aus einer kompletten Unsicherheit heraus entsteht, aus der Kompensation eines Minderwertigkeitskomplexes. Ich bin keiner, der sagt, wir brauchen härtere Strafen. Wir müssen uns um Prävention kümmern. So schlecht Männer in meinem Buch wegkommen, so wenig sage ich: Das ist kein genetisches männliches Problem, das wir nicht wegkriegen, sondern etwas ist in der Sozialisierung falsch gelaufen. Es muss Möglichkeiten der Therapie geben. Es ist nicht so, dass Männer nun einmal so sind: Männer sind nicht grundsätzlich böse. Aber es gibt verschiedene Faktoren, die dazu führen, dass sie böse werden. Und das in einer unglaublichen Zahl. Davor dürfen wir nicht die Augen verschließen.
In Ihren Thrillern packen Sie immer wieder sehr wichtige gesellschaftliche Themen wie dieses an.
Es ist nicht so, dass ich mich hinsetze und sage, ich muss jetzt unbedingt einen Roman über häusliche Gewalt schreiben oder so. Ich bin in erster Linie kein Autor, sondern ein gesellschaftlich interessierter Mensch und Familienvater. Es gibt Dinge, die mich bewegen. Ich würde nie sagen: So, jetzt schreibe ich ein Buch über eine Klimakatastrophe oder so, nur weil das gerade ein hippes Thema ist. Manchmal bin ich beim ersten Entwurf selbst überrascht und denke: Ach, sieh mal an, das ist offensichtlich etwas, was dir auf der Seele brennt. Dass das Thema aus „Der Heimweg“ solche Ausmaße hat, wusste ich überhaupt nicht, als ich damals mit dem Roman anfing. Dann habe ich aber Schlagzeilen gelesen, dass uns aktuell 13 000 Plätze in Frauenhäusern fehlen. Was machen die 13 000 Frauen, denen die Möglichkeit fehlt, irgendwo hinzugehen?
Ich habe den Eindruck, die Recherche ist ein sehr wichtiger Teil Ihres Schreibprozesses. Stimmt das?
Ich sage auf meinen Lesungen immer: Wir Autoren sind professionelle Lügner. Aber jede gute Lüge hat einen wahren Kern, und die Recherche legt das Fundament dafür. Der Hauptteil der Recherche findet nach dem Schreiben des ersten Entwurfs statt. Diesen gebe ich dann immer jemandem, der sich damit auskennt, der ihn gegenliest, das können etwa Ärzte, Polizistinnen, Psychiater, Rechtsanwälte oder Flugzeugkapitäne sein. Und dann entstehen immer neue Entwürfe, die ich wieder und wieder überarbeite, während ich weiter recherchiere.
Haben Sie auch schon mal eine Idee kaputt recherchiert?
In einem sehr frühen Stadium, wenn ich noch nicht sattelfest mit meinem Thema bin, habe ich schon die eine oder andere Idee wieder beerdigt. Etwa wenn ich einen Psychiater gefragt habe: Ist so eine Störung eigentlich denkbar? Und der geantwortet hat: „Ach, komm, da haben wir schon ganz andere Dinge erlebt!“ und mir völlig verstörende Sachen erzählt hat. Dass ich aber wirklich mal 80 Seiten wegschmeißen musste, ist mir nur ein einziges Mal passiert, als sich der Protagonist in „Passagier 23“ selbstständig gemacht hat und einfach nicht auf diesem Schiff bleiben wollte. Ich hatte keine Argumente, ihn darauf zu lassen. Da blieb mir nichts anderes übrig, als mit einer neuen Hauptfigur anzufangen.
Viele Ihrer Bücher wurden wie jetzt „Der Heimweg“ bereits verfilmt. Denken Sie inzwischen beim Schreiben den Film zum Buch gleich mit?
Ganz im Gegenteil. Ich bin Autor, mein Medium ist das Buch. In der Danksagung zu meinem neuen Thriller, „Das Kalendermädchen“, behaupte ich sogar, dass der Roman nicht verfilmbar sei. Das hatte ich allerdings auch schon bei „Abgeschnitten“ gedacht, und dann hat Christian Alvart es doch geschafft. Vielleicht werde ich auch bei „Das Kalendermädchen“ eines Besseren belehrt. Trotzdem: Ob ein Buch verfilmbar ist oder nicht, ist mir egal. Mir ist wichtig, dass das Buch als Buch funktioniert.
Sebastian Fitzeks „Der Heimweg“
Person
Sebastian Fitzek (53) lebt in Berlin und ist Schriftsteller und Journalist. Seit im Jahr 2006 sein Debüt „Die Therapie“ erschien, wurden alle seine Thriller zu Bestsellern.
Buch
„Der Heimweg“ (Knaur Taschenbuch, 400 Seiten, 12,99 Euro) erschien im Jahr 2020.
Film
Die Verfilmung von „Der Heimweg“ hat Adolfo Kolmerer inszeniert, das Drehbuch stammt von Susanne Schneider. Die Hauptrollen spielen Luise Heyer, Sabin Tambrea und Friedrich Mücke. Der Psychothriller ist ab 16. Januar bei Amazon Prime verfügbar.