Klaus Meine von den Scorpions: Der „elder Statesman“ des Hardrock. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Die Scorpions haben in der Schleyerhalle mit einer hübsch altmodischen Hardrock-Show begeistert – nur „Wind of Change“ klingt jetzt anders.

Zeitenwenden allenthalben, die Welt ändert sich in atemberaubendem Tempo – der Hardrock aber bleibt, was er immer war: Laufsteg für eine stattliche Kollektion an ärmellosen Muscle Shirts, engen Lederhosen und nietenbestückten Fransenwesten; Spielwiese für ewigjunge Gitarren-Haudegen, die dem Thema „Älterwerden“ den ausgestreckten Mittelfinger hinhalten. Nach über fünfzig Karrierejahren geht dieses Lebensgefühl bei den Scorpions momentan auf ihrer „Rock Believer“-Tournee in eine neue Runde – und gut elftausend Fans haben in der nahezu ausverkauften Schleyerhalle kräftig mitgefeiert.

 

Sie erleben die dienstälteste und erfolgreichste deutsche Band ihres Genres dabei als solide aufspielendes Gitarren-Kraftwerk, das alles auspackt, was zu einem kurzweiligen Hardrock-Abend gehört. Mit Klassikern wie „Bad Boys running wild“, „Tease me, please me“ oder „Send me an Angel“ bilanzieren die Hannoveraner fünf Jahrzehnte Bandgeschichte, präsentieren nebenbei vier Titel ihres aktuellen Albums „Rock Believer“ und verabschieden sich nach neunzig Minuten mit „Big City Nights“, „Still loving you“ und „Rock you like a Hurricane“ von Stuttgart und möglicherweise auch für immer von der Schleyerhalle – der potenzielle Abriss von Stuttgarts altehrwürdiger, aber in die Jahre gekommener Konzertarena ist Frontmann Klaus Meine am Sonntagabend jedenfalls allemal ein paar wehmütige Erinnerungen und warme Abschiedsworte wert.

Verpackt ist dieses Set in eine farbenprächtige Show, die mit Symbolik nicht geizt. Der emporenartige Bühnenhintergrund gehört dabei zunächst einer Pyramide aus LED-Würfeln, die zu einer mächtigen, rechts und links von zwei weiteren Bildschirmen flankierten Videowand mutiert. Brennende Häuserschluchten wechseln darauf mit dekonstruierten Computergrafiken; als Leitmotiv dient ein Spielcasinoambiente im Las-Vegas-Stil – dort fiel im Frühjahr 2022 der Startschuss für die „Rock Believer“-Tournee.

(Fast) alles, wie man es seit Jahren kennt

Vor diesem Setting die bewährte Rollenverteilung: Wie gewohnt ist Rudolf Schenker der Mann fürs Grobe, für die überkandidelten Posen und die kernigen power chords, während Matthias Jabs seine metallisch-silbrigen Soli bisweilen erstaunlich giftig von den Saiten reißt. Klaus Meine gibt den altersmilden elder statesman seines Metiers, und bei Mikkey Dee bekommt, unter anderem während eines furiosen, gut fünfminütigen Solos, wirklich jede Tomtom seines Drumsets ihr Fett weg.

Schön old-fashioned klingt das alles – und doch hat auch die neue Zeit in den Scorpions-Kosmos Einzug gehalten. So überrascht „Seventh Sun“ vom „Rock Believer“-Album mit kühlen, beinahe zähflüssigen Sounds und „Wind of Change“ erklingt in der Schleyerhalle in der neu getexteten Version von 2022, für die Klaus Meine die Perestroika-Romantik der Ursprungsfassung angesichts des aktuellen Überfalls auf die Ukraine durch die Zeilen „Now listen to my Heart – it says Ukrainia, waiting for the Wind to change“ ersetzt hat. Matthias Jabs spielt dazu eine blau-gelb lackierte Gitarre und Stein für Stein fällt eine stacheldrahtbewehrte Mauer in sich zusammen und macht den Weg frei für einen Schwarm voller Friedenstauben. Ein Stück Symbolik nur, sicherlich – und doch eine Szene, wie sie auf einer russischen Bühne derzeit undenkbar wäre.