Wolfgang Abart (links) zeigt mit Simon Schäfermann einen Schwertkampf. Foto: Matschulat

Der Kampf mit dem Schwert, eine Praxis aus vergangenen Zeiten? Nicht in Rottenburg, denn hier ist die Schwertkunst noch immer lebendig. Im Künstlerhof wird mittelalterliche Selbstverteidigung bis heute nach jahrhundertealter Tradition unterrichtet.

Wenn man durch den Künstlerhof geht und die Fechthalle betritt, fühlt man sich, als sei man in einer mittelalterlichen Waffenkammer. Zahlreiche Schwerter, Schilde, Säbel und Stangenwaffen zieren die Wände, dazwischen hängen Schriftrollen mit Abbildungen aus überlieferten Texten.

 

An der Kopfseite des Raumes steht eine beeindruckende glänzende Rüstung, eine Replik des 15. Jahrhunderts. Hier, im Atelier von Wolfgang Abart, fühlt die Schwertkunst sich wieder lebendig an. Doch was genau wird hier eigentlich unterrichtet?

Sportkleidung statt Plattenrüstung

„Wir üben das Fechten mit dem Anderthalbhänder, eine Mischung aus Kurz- und Langschwert“, erklärt er. Schwertkampf wird trainiert, indem über Jahrhunderte ausgeklügelte Bewegungsabläufe nachgestellt werden.

Dabei findet man spielerisch heraus, wie es den Rittern im Duell damals gelang, ihre Gegner möglichst schnell zu bezwingen. Heute läuft der Kampf allerdings wesentlich humaner ab – statt Klinge und Plattenrüstung trägt man weiße Trainingskleidung und Übungsschwerter aus Kunststoff.

Fast wie Schach spielen

Da in der Regel keine Schutzkleidung getragen wird, ist es wichtig, aufeinander zu achten. Dadurch entwickelt sich auch Vertrauen und Kameradschaft. Ziel ist nicht, den Trainingspartner mit einem Treffer zu verletzen, sondern das Geheimnis der alten Meister zu lösen, und sich darüber hinaus der eigenen Angst zu stellen.

Auch taktisches Wissen spielt eine große Rolle: „Fechten ist ein bisschen wie Schach spielen – allerdings ziemlich schnell“, überlegt Abart. Dabei müsse man genau wissen, welche Aktionen auf einen Angriff folgen können und wie man sich dagegen verteidige.

Die Bewegungen müssten einem in Fleisch und Blut übergehen, um den Angriff des Gegners rechtzeitig abzuwehren, rät der Schwertmeister.

Kampfkunst und schmieden

Beim Reden merkt man Abart seine Begeisterung schnell an. „Schon von klein auf wollte ich so wie die Ritter kämpfen können“, erinnert er sich. Leider hätten ihm damals die Erwachsenen versichert, dass es diese Kunst nicht mehr gäbe und auch niemanden, der so kämpfen könne. „Das hat mich damals sehr traurig gemacht“, verrät der jetzige Fechtlehrer.

Doch davon ließ er sich nicht aufhalten, sondern erlernte erst einmal verschiedene asiatische Kampfkünste und sogar die Herstellung von Schwertern. Eines Tages stieß er in der Universitätsbibliothek Tübingen auf die Bücher des Johannes Lichtenauer. Abart studierte die Überlieferungen des berühmten Schwertmeisters und gibt seither dessen Wissen an seine Schüler weiter.

Eine coole Sportart ausüben

„Es sind sehr unterschiedliche Menschen, die zu mir finden“, erklärt er. Ungefähr ein Drittel seien Frauen, was im Vergleich zu anderen Kampfkunstschulen schon einen ganz guten Schnitt darstelle. „Viele Lernwillige kommen natürlich wegen der Faszination des Schwertes, andere interessieren sich für Geschichte und andere wollen eine coole Sportart ausüben“, erläutert er.

Doch das Wichtigste sei der Spaß an der Bewegung und dem gemeinsamen Training. Neben der Kampfkunst ist es Abart auch wichtig, die Philosophie dahinter zu vermitteln. Er will, dass seine Schüler bewusst handeln, sich selbst wahrnehmen und dabei das Unterbewusste nicht außer Acht lassen.

„Bei unserem Training werden Körper, Seele und Geist gleichermaßen gefordert und erfahrbar.“ Wenn der Gegner die Klinge hebe, müsse man im Hier und Jetzt sein, um gut reagieren zu können.

Literatur und Sport

Buch
Auf die meditativen Aspekt des Sports geht Abart in seinem Buch „Lebendige Schwertkunst“ ein.

Ort
Neben dem Künstlerhof wird auch noch in der Zehntscheuer (Entringen) sowie im Ki-Dojo (Tübingen) trainiert.