Mehr Mord- und Gewaltverfahren, steigende Belastung und große Prozesse: Das Landgericht Rottweil zieht Bilanz für das Jahr 2025.
Schwere Gewaltverfahren, aufsehenerregende Strafprozesse, langjährige Zivilstreitigkeiten und zugleich der laufende Umbau hin zu einer modernen Justiz haben das Landgericht Rottweil im Jahr 2025 stark gefordert. Beim Bilanzgespräch blickten Landgerichtspräsident Florian Diekmann und Richterin Corinne Schweizer auf ein arbeitsintensives Jahr mit zahlreichen Verfahren aus dem Bereich schwerer Kriminalität zurück.
Diekmann verdeutlichte, dass die Strafkammern des Landgerichts erneut deutlich stärker beansprucht wurden als im Vorjahr. „Im Jahr 2025 waren in kurzer Zeit besonders viele Haftsachen zu bewältigen, die uns bis an die Belastungsgrenze gebracht haben.“ Oberstes Gebot sei dabei gewesen, diese Verfahren schnell zu bearbeiten.
Die Verfahrenseingänge bei den Großen Strafkammern stiegen im vergangenen Jahr um rund zehn Prozent. Im Vergleich zu 2023 war es laut Diekmann sogar ein Anstieg um mehr als 50 Prozent. Gleichzeitig habe sich damit eine Verstetigung der hohen Eingangszahlen im Bereich schwerer Kriminalität gezeigt. Insgesamt hatten die Großen Strafkammern 45 Verfahren zu bewältigen.
Verdopplung der Verfahren
Besonders deutlich zeigte sich die Entwicklung bei der Schwurgerichtskammer, die für Kapitaldelikte zuständig ist. Dort verdoppelten sich die Verfahrenseingänge im Vergleich zum Vorjahr. Zehn Verfahren mit versuchten oder vollendeten Tötungsdelikten gingen 2025 ein, im Vorjahr waren es fünf gewesen.
Besondere Verfahren
Wie Corinne Schweizer erläuterte, ging es dabei vielfach um Mordvorwürfe, die Prüfung von Mordmerkmalen und die Frage der Schuldfähigkeit. Besonders im Fokus stand das Verfahren wegen des Schusses auf einen Zwölfjährigen in Dietingen-Irslingen. Dort hatte ein zur Tatzeit 14-Jähriger im Dezember 2024 in seinem Kinderzimmer aus kurzer Distanz mit einer Schreckschusswaffe auf seinen zwölfjährigen Freund geschossen. Ebenfalls große Aufmerksamkeit erregte das Verfahren gegen einen 21-Jährigen aus Schramberg, der seine Mutter im Februar 2025 durch mehrere Schläge mit einem Fleischklopfer getötet hat.
Ein weiteres aufsehenerregendes Verfahren betraf einen 41-jährigen Angeklagten aus Sulz. Er hatte im Februar 2025 seine Mutter körperlich angegriffen und anschließend das Wohnhaus in Brand gesetzt.
Die 1. Große Strafkammer verurteilte zudem einen 38-Jährigen aus Oberndorf im August 2025 wegen besonders schwerer Vergewaltigung, Vergewaltigung in Tateinheit mit Körperverletzung sowie sexuellen Übergriffs mit Gewalt in zwei Fällen.
48 Verfahren in 101 Tagen
Trotz der hohen Belastung konnten 48 Verfahren an insgesamt 101 Verhandlungstagen abgeschlossen werden. Landgerichtspräsident Florian Diekmann sprach dabei von einer guten Leistung.
Auch im Zivilbereich verzeichnete das Gericht steigende Eingangszahlen. Laut Diekmann hängt dies allerdings auch mit einer Anhebung der Streitwerte zusammen. Im vergangenen Jahr gingen 1219 Verfahren ein, 2024 waren es noch 1140 gewesen. Auch die zweitinstanzlichen Verfahren stiegen von 69 auf 78 Fälle. Die Verfahren seien zudem immer häufiger von hohen Streitwerten, komplexen technischen oder tatsächlichen Fragen sowie langen Verfahrensgeschichten geprägt.
Diekmann erklärte dazu: „Nicht allein die Zahl der Zivilverfahren bestimmt jedoch die Arbeitsbelastung. Die zunehmende Regelungsdichte, der steigende Umfang und wachsende Komplexität der Rechtsstreitigkeit führt zu einer spürbaren Verdichtung der richterlichen Arbeit.“
Zu den prägenden Verfahren gehörte unter anderem der Rechtsstreit um ein Solarthermie-Projekt in Horb. Solche Verfahren zeigten, dass die Arbeit des Landgerichts weit in die Region hineinwirke.
Ausbildung und Gewinnung von Nachwuchs
Ein weiterer Schwerpunkt bleibt die Ausbildung und Gewinnung juristischen Nachwuchses. Im Jahr 2025 befanden sich rund 24 Referendare im Landgerichtsbezirk in Ausbildung. Zudem erhielten beim Girls’ und Boys’ Day insgesamt 29 Schüler Einblicke in den Gerichtsalltag.
Große Bedeutung misst das Gericht weiterhin auch der Sicherheit der Gerichtsgebäude und der Verfahrensbeteiligten bei. Die Zahl der Justizwachtmeister blieb mit 3,5 Vollzeitstellen konstant. Zusätzlich wurden 2025 weitere bauliche Sicherheitsmaßnahmen vorbereitet. Im Gebäude des Landgerichts soll künftig eine klarere Trennung zwischen öffentlich zugänglichen und gesicherten Bereichen geschaffen werden. Eine Umsetzung wird noch im Jahr 2026 angestrebt.
Digitalisierung bei der Justiz
Auch die Digitalisierung der Justiz wurde weiter vorangetrieben. In Zivilsachen arbeitet das Gericht bereits vollständig mit der elektronischen Akte. Videoverhandlungen werden in geeigneten Verfahren routinemäßig eingesetzt. Zudem wurden 2025 die mobilen Bildübertragungssysteme modernisiert.
Für das Jahr 2026 nannten Corinne Schweizer und Florian Diekmann klare Ziele: kurze Verfahrenslaufzeiten, nachvollziehbare Entscheidungen, moderne Arbeitsformen, sichere Gerichtsgebäude und eine aktive Nachwuchsförderung. Gleichzeitig wolle das Landgericht seine Kommunikation mit der Öffentlichkeit weiter ausbauen.
Bürgernäher werden
Diekmann erklärte hierzu: „Wer nachvollziehen kann, warum ein Verfahren Zeit braucht und wie Entscheidungen zustande kommen, begegnet dem Gericht mit größerem Vertrauen. Transparenz beginnt für uns deshalb nicht erst nach dem Urteil, sondern schon in der Art, wie wir Gerichtsarbeit erklären.“
Dafür gebe es bereits erste Ideen, etwa Vortragsveranstaltungen für Bürger oder einen Tag der offenen Tür, um die Distanz zwischen Gericht und Öffentlichkeit weiter abzubauen.