„Mein Lehrer fürs Leben war das Vieh“, sagt August Meisinger. Foto: Andreas Reiner

August Meisinger ist als Hirtenbub unter schwierigen Umständen aufgewachsen – gezeichnet von Plackerei und Armut. Ein Artikel aus unserer Reihe „Unsere besten Reportagen“.

An einem Herbstmorgen 1951 fängt das Elend an. Der sechsjährige August steigt mit seinem Vater aus dem D-Zug, sein gelbes Weidenköfferchen fest in der Hand. Eine Nonne nimmt ihn auf dem Bahnsteig in Empfang. Beim Weggehen dreht sich der Junge noch mal um, in dem Moment dreht sich auch der Vater um. Der Blick trifft August ins Herz – auch wenn er noch gar nicht kapiert, was er in diesen traurigen Augen gerade gesehen hat.

 

August Meisinger ist ein Nachkriegskind aus dem Schwarzwald. Groß geworden unter beklagenswerten Umständen. Vielen ging es wie ihm. Diese Kindheit lag lange Zeit wie versteinert im Unterbewusstsein. Jetzt im Alter faltet sie sich, einer Art inneren Tektonik gehorchend, beharrlich an die Oberfläche. Das Profil wird schärfer.

Da ist Maria, die Mutter, aus Seelbach im Schuttertal. Geboren als ältestes von zwölf Kindern. Sie verdingt sich früh als billige Arbeitskraft in Pfarrhäusern, kommt so nach Neuenburg am Rhein, wo sie Hermann kennenlernt, einen schwindsüchtigen Kleinbauern und Nachtwächter bei der Bahn.

Der letzte Blick vom Vater

Wer war dieser Hermann? Sein Vater ist für August Meisinger eine diffuse Figur geblieben. An ein paar Dinge erinnert er sich. Oder sind es nur Phantom-Erinnerungen, geformt von den Erzählungen der Mutter? Immer, wenn es Speck zum Mittag gab, wollte er dem Vater die Schwarte abluchsen. „Des iss i gerner“, sagte er dann. Oder: Im Winter, fette Schneeflocken. Sie stapfen zum Frühschoppen in die Krone, August wärmt seine Hand in der Manteltasche vom Vater.

Einmal belauscht er seine Eltern in der Stube. Sein Vater sagt, dass er August wegbringt. Am nächsten Morgen treffen sich ihre Blicke zum letzten Mal auf dem Bahnsteig. Er wird seinen Sohn nicht wiedersehen. „Wahrscheinlich haben sie mich ins Heim gebracht, weil ich noch so klein war und nicht mitbekommen sollte, wie mein Vater langsam stirbt“, sagt August Meisinger. So hat er es sich zurecht gedacht.

Die Ordensschwester steigt mit ihm in eine Pferdekutsche. Sie fahren auf eine Bergkuppe ins Kinderheim von Unteralpfen. Dort zählt August zu den Jüngsten. Zwei Schlafsäle mit 20 Betten. „Ich fühlte mich wahnsinnig verlassen“, sagt er. Die Schwestern sind sehr streng. Eine gefürchtete Erziehungsmethode: Wer etwas angestellt hat, muss vor allen anderen den eigenen Urin trinken.

Nie ein Brief, kein Besuch. Im Dezember werden die Namen derer vorgelesen, die über Weihnachten nach Hause dürfen. „August Meisinger“ ist nicht dabei. „Zum Trost bekam ich eine Orange geschenkt, aber die hab ich später an die Wand geschmissen.“

Im Januar nimmt ihn eine Nonne beiseite: „Dei Vadder isch gstorbe.“ Er ist jetzt im Himmel, sagt sie. „Dann hat sie nach oben geschaut und zwei Vaterunser mit mir gebetet.“ Später sucht er im zweiten Stock, aber da ist kein Vater und auch kein Himmel. Als er im Mai nach Hause kommt, sucht er in jedem Zimmer. Kein Vater irgendwo.

Die Bäuerin empfängt August sehr kühl

Als Witwe wird seine Mutter noch frommer. Überall in den Zimmern Altärchen und Madonnen. „Das ständige Beten wurde mir fast schon zu viel“, sagt August Meisinger. Im Sägewerk hilft sie in der Küche, putzt Büros, macht den Haushalt des Chefs. An der Säge arbeitet ein Bauer vom Münstertal. Er sucht einen Hirtenbuben. Bald steht August mit seinem gelben Weidenköfferchen bereit. Er ist neun und geht wieder auf Reise ins Ungewisse. Die Mutter gibt ihm zwei Sätze auf den Weg: „Du gohsch jetz in d’Lochmatte. Bisch brav, folg au immer, un kumm jo nit heim.“

Der Empfang fällt kühl aus. Die Bäuerin sagt nur: „Der isch z’klai, den kannsch gli wiedr zruckbringe.“ Der Bauer will es mit ihm probieren. August erledigt alles im Dauerlauf, um es ja recht zu machen. „Noch heute“, sagt er, „habe ich das Gefühl, ich muss alles sehr schnell machen. Sogar über Zebrastreifen renne ich, weil ich keinen aufhalten will.“

Auf dem Hof leben Mine, eine alte Magd, die drei kleinen Kinder des Bauern und der Altbauer, August nennt ihn „Opa“. Wie er zur Bäuerin sagte, weiß er nicht mehr, „ich habe vermieden, sie anzusprechen“. Der Bauer ist selten da. Er hat ein Zimmer in Neuenburg.

August kriegt Fieberschübe vor Heimweh. Ein paar Mal läuft er nachts los über die Wiesen. Nur fort. „Aber ich wusste ja nicht wohin. Da hab ich mich halt hingehockt, ein bisschen geweint und bin wieder zurück.“ Augusts Kammer ist neben dem Stall, eine Pendeltür trennt ihn vom Vieh. Meistens geht er rüber ins Stroh und legt den Kopf auf den Bauch einer Geiß, der ist schön warm. „Sie lagen in der Früh noch so da wie am Abend, weil sie mich nicht wecken wollten.“

Zur Schule marschiert er eine Dreiviertelstunde. Schuhe trägt er, wenn überhaupt, nur im Winter. Auf der Wiese wärmt er die Füße im frischen Kuhdung auf. Hemd und kurze Lederhose sind die Standardkleidung. Bei Regen kriegt er einen alten Kittel und einen Filzhut, bei Dauerregen noch einen Kartoffelsack, damit sieht er aus wie ein kleiner Mönch. Auch sonntags muss er runter nach Untermünstertal, zur Frühmesse. Das hat ihm die Mutter eingebrockt mit ihrer ewigen Frömmigkeit.

Bei den Kühen fühlt er sich verstanden

Mittags geht es auf die Weiden. Zum Glück hat August die Tiere. Mit den Kühen kann er reden, sie verstehen ihn. Einmal sagt der Bauer: „I muess di lobe. E gueta Hirtebu kennt mr an der Milch. Und unseri Kiäh hen no nie so e gueti Milch gä wie jetz.“

Andere Hirtenbuben, die er trifft, knallen ständig mit der Geißel oder hauen ihr Vieh damit. Manchmal ist sogar Blut in der Milch, erzählen sie. August schlägt nie. Seine Devise: „Hüte sanft.“ Das hat er von den Tieren gelernt. „So viel Geduld, wie die Kuh mit ihrem Kälbchen hat, hat kein Mensch.“

Er kann die Kühe lesen. Merkt sofort, wenn sie wieder ausbaldowern, wie sie am besten zu den saftigen Matten ausbüxen können. Dann fangen sie an, mit den Ohren und den Köpfen zu wackeln. Wie eine Geheimsprache. August kennt seine Schlingel.

Wenn es abends Zeit ist zu gehen, stellen sie sich von allein auf zum Abmarsch. Sie kennen auch ihren Platz im Stall und trotten genau in der richtigen Reihenfolge hinein. Wie im Zirkus. Andere Hirtenbuben beneiden August: Wie macht der das?

„Kinderarbeit im 20. Jahrhundert ist kein Randphänomen“, sagt Ueli Mäder, Professor für Soziologie an der Universität Basel. „Bis in die 50er Jahre hinein erreichten die Zahlen Höchstwerte.“ Mäders Team hat 300 ehemalige Verdingkinder für eine Studie befragt. Sie soll helfen, diese sozialwissenschaftliche Lücke zu schließen. Mäder befasst sich mit Kinderarbeit in der Deutsch-Schweiz. „Es darf aber gefolgert werden, dass man die Umstände uneingeschränkt auf den Schwarzwald übertragen kann.“

Der Alltag der Verdingkinder – meist elternlos, unehelich geboren oder aus armen Familien – glich sich: Aufstehen um vier. Katzenwäsche am Brunnentrog. Stallausmisten. Brotsuppe mit Milch als Frühstück. Dann zur Schule, wo die Bänke oft als Erholungsort für die übermüdeten Hütebuben dienten. Als Teil des Gesindes waren sie der Willkür ihrer Bauern und Arbeitgeber ausgesetzt. Einige der Befragten erzählten, dass sie es in der Fremde besser hatten als zu Hause. Genauso viele erlebten die Hölle.

Schläge vom Lehrer und vom Bauern

So berichtete ein Mann, Jahrgang 1926, dass er als Sechsjähriger mit anderen Verdingkindern in einen Gemeindesaal gebracht, wie auf dem Viehmarkt von Bauern betastet wurde. Er ging als Letzter weg, weil er so schmächtig war. Sein Käufer drohte, dass er ihn schon das Arbeiten lehre. Wenn er ohne Hausaufgaben zur Schule kam, wurde er vom Lehrer geschlagen und musste nachsitzen. Weil er dann zu spät heimkam, schlug der Bauer ihm mit einem Saustrick den Hintern blutig. Und abends, nach vollbrachtem Tagwerk, war der Junge gut beraten, sich noch auf den Hosenboden zu setzen, um die Hausaufgaben zu machen. Ähnliche Geschichten gibt es zuhauf. Ueli Mäder: „Oft bewerteten die Kinder das Unrecht, das ihnen widerfuhr, als eigenes Versagen. Sie fühlten sich noch schuldig.“

August Meisinger bleibt zweieinhalb Jahre auf dem Lochmattenhof. Am Ende hat er immer noch die Statur eines Abc-Schützen. „Ein Arzt erklärte mir später: starkes Heimweh hemmt die Wachstumshormone.“ Der Abschied fällt knapp aus. Seine Mutter holt ihn ab. Er schämt sich, weil sie einen Streit mit dem Bauern anfängt. Es geht um Geld.

„Mit elf wurde ich arbeitslos“, sagt August Meisinger. Die Mutter findet eine neue Stelle für den Jungen: Er kann bei einer Schreinerei im Ort anfangen. Nebenher besucht er die Hauptschule. Nach der achten Klasse lernt er Automechaniker. 1974 heiratet er, wird Vater von zwei Töchtern.

Bei einer Schulung zum Kfz-Sachverständigen erkennt man sein Talent als Verkäufer. Er kann auch Menschen lesen. „Ich wusste, was die Leute wollen. Und ich habe gespürt, wenn es ihnen zu viel wird. Den Fehler machen viele, dass sie Kunden zu sehr beschwatzen.“ August Meisinger wird ein erfolgreicher Außendienstler und schließlich Allianz-Generalvertreter. Mit 60 setzt er sich zur Ruhe. „Das mit der Computertechnik wollte ich nicht mehr mitmachen.“

Als Rentner hat er viel Zeit. Er nimmt seine Gedanken an die lange Leine. Sie ziehen ihn zurück in die Kindheit. Er träumt wieder oft vom Bahnsteig. 67 Jahre danach lässt ihm der Blick des Vaters noch keine Ruhe.

Er besucht noch einmal seine früheren Weiden

Einmal fuhr er nach Unteralpfen auf die Bergkuppe, wo er im Kinderheim lebte, parkte das Auto in einiger Entfernung und schaute. Heute sind dort Asylbewerber untergebracht. Ins Obere Münstertal fuhr er auch. Bis dorthin, wo man denkt, die Welt hört auf, und dann weiter hinauf zu seinen früheren Weiden. Beim ersten Mal schlich er eine Weile um den Hof herum. Ein paar Wochen später traute er sich zu klingeln. Ein junger Mann machte auf: Der Sohn von Doris, die er noch als kleines Mädchen kannte. „Es ist war kein emotionales Wiedersehen, aber wir waren gleich per Du.“ Der alte Hof ist inzwischen abgerissen und einem neuen gewichen. „Vielleicht bleibt man ja in Kontakt.“

Warum hat man ihn mit sechs ins Heim gegeben? Warum hat er nie Besuch bekommen, auch später auf dem Hof? Wie ging es dem Vater am Schluss? Noch viele Fragen. Die meisten werden offen bleiben. Mutter Maria starb 1999. „Ich habe ihr nichts nachgetragen“, sagt August Meisinger. „Sie bekam nur eine kleine Witwenrente und musste schauen, wie sie uns durchbringt.“ Auch über die Bäuerin vom Münstertal würde er nichts Schlechtes sagen, wenngleich sie nie Freunde wurden.

Er ist stolz auf seine Töchter. Die vier Enkel. Sie wachsen so anders auf als Opa. Was ihm auffällt, ist die Mutterwärme, die sie bekommen. Fürs „Bibäbbala“, wie man hier sagt, wenn Kinder arg verwöhnt werden, blieb früher keine Zeit. „Mein Lehrer fürs Leben war das Vieh“, sagt August Meisinger. „Die Kühe haben mir Anstand beigebracht, und sie haben mich nie enttäuscht.“

Dieser Artikel ist erstmals am 10. März 2018 erschienen.

Was ist seither geschehen?

Im September wird August Meisinger 80. Er hat eine Hüft- und eine Prostata-OP hinter sich, aber es geht ihm gut. Er lässt es gemütlich angehen, wie er sagt: „Ich hab früh angefangen zu arbeiten, da kann ich ja früher aufhören.“ Je älter er wird, desto öfter klappen ganz unwillkürlich Kindheits-Bilder in ihm auf: Als er Steine ins Wespennest schmiss – Gott, wie er danach aussah! Als der Blitz einschlug im Wald und die Druckwelle ihn umwarf – wie viel Glück!

Das trockene Brot und die kalten Pellkartoffeln, die er immer in den Rucksack bekam. Jeden Tag kalte Pellkartoffeln. Seine Frau liebt Pellkartoffeln, er kann die Dinger nicht mehr sehen – bis heute. Als die ARD im vergangenen Jahr eine Doku über Kinderarbeit machte, war Meisinger Teil des Films. Sie drehten auch in seinem Stall von einst. „Eine Viehherde wie damals gibt es nicht mehr, nur junge Stiere“, sagt er. Der Weg zu seinen Weiden ist auch längst zugewuchert. Er war dort der letzte Hirtenbub, nach ihm kam der Elektrozaun.