Der Wasserturm auf dem Sauerwasen war weit mehr als ein technisches Bauwerk. Seit seiner Errichtung 1927 prägte er das Bild im Schwenninger Westen und wurde zum Wahrzeichen.
Als er 1976 – vor 50 Jahren – abgetragen wurde, verschwand ein Stück Identität aus dem Stadtteil. Doch die Erinnerung an den markanten Turm ist bis heute lebendig.
Dabei hatte es durchaus Überlegungen gegeben, das Bauwerk am Kesselbergweg zu erhalten und einer neuen Nutzung zuzuführen. Gedacht wurde an Büros, ein Café oder sogar eine kleine Sternwarte. Auch der Heimatverein setzte sich für den Erhalt ein.
Dennoch entschied der Gemeinderat 1975, den Turm aufzugeben. Die Unterhaltungskosten erschienen zu hoch, und so wurde das Bauwerk 1976 endgültig abgebrochen.
Wachsende Bevölkerung
Seine Geschichte reicht zurück in eine Zeit, in der die Wasserversorgung Schwenningens an ihre Grenzen stieß. Schon in den 1920er‑Jahren war klar, dass die wachsende Bevölkerung und die zunehmende Industrialisierung neue Lösungen erforderten. Der Wasserturm auf dem Sauerwasen war eine der ersten Maßnahmen des damals neuen Oberbürgermeisters Ingo Lang von Langen. Er sollte die hochgelegenen Bereiche der Siedlung zuverlässig mit Trinkwasser versorgen.
Für Turm entschieden
Der Schwenninger Gemeinderat entschied sich 1926 für einen Turm mit 100 Kubikmetern Fassungsvermögen – größer als ursprünglich geplant, um der erwarteten Ausdehnung des Neubaugebiets gerecht zu werden. Wegen des frühen Wintereinbruchs verzögerte sich der Baubeginn bis ins Frühjahr 1927. Erst Ende April konnten die Arbeiten starten.
Trotz kalter Witterung wurde der Bau bis Ende August abgeschlossen. Die Kosten lagen rund 750 Reichsmark über dem Ansatz. Mitte Juli 1927 ging der Turm in Betrieb.
Siedlung entsteht
Parallel zum Turmbau entstand die Siedlung Sauerwasen, ein Projekt, das stark auf Selbsthilfe setzte. Nach den wirtschaftlichen Turbulenzen der Inflationsjahre sollten Beamte, Angestellte und Arbeiter durch Eigenleistung einen Teil der Baukosten erbringen. Für eine 57‑Quadratmeter‑Wohnung mit drei Zimmern, Küche, Veranda, Abort und Kammer waren 7000 bis 9000 Reichsmark zu leisten.
Um Kosten zu sparen, konzentrierte man sich auf einen einheitlichen Haustyp mit zwei Drei‑Zimmer‑Wohnungen auf 85 Quadratmetern Grundfläche. Ab 1927 wurde das Angebot durch kleinere, eingeschossige Häuser ergänzt, die vor allem für einkommensschwache und kinderreiche Familien gedacht waren. Die Baukosten lagen bei etwa 6000 Reichsmark. Auch diese Häuser folgten einem standardisierten Grundriss, der sich an der ersten Siedlungsphase orientierte.
Während die Siedlung wuchs, verschärfte sich in den 1950er‑Jahren die Wassersituation im ganzen Südwesten. 1951 warnte eine Studienkommission des württemberg‑badischen Städteverbands mit dem Ruf „Südwest braucht Wasser!“ vor einer drohenden Versorgungskrise. In vielen Regionen herrschte Wassermangel, nur der Bodensee bot ausreichende Reserven.
Bodenseewasser fließt
Die Wassertechniker planten eine 150 Kilometer lange Hauptleitung von Sipplingen nach Stuttgart. Schwenningen trat 1953 dem Zweckverband bei, Villingen folgte 1954. Am 22. Oktober 1958 floss erstmals Bodenseewasser über den Hochbehälter Türnleberg in die Region. Weitere Anlagen wie der Hochbehälter Reute folgten.
Abriss des Turms
Schließlich wurde der Sauerwasen‑Turm stillgelegt. Der markante Wasserturm hatte in dieser modernen Infrastruktur keinen Platz mehr.
1975 beschloss der Gemeinderat seinen Abriss. 1977 war das Bauwerk schließlich verschwunden.
Geblieben ist die Geschichte eines Turms, der einst als technisches Herzstück einer neuen Siedlung begann und über Jahrzehnte ein vertrauter Orientierungspunkt im Westen Schwenningens war.