Unverkennbar schlammig ist es derzeit im Schwenninger Moos. Weil das Wasser fehlt, ragen viele Pflanzen über die Wasseroberfläche hinaus. Foto: Kratt

Anhaltende Hitze, extreme Trockenheit und Rekord-Dürre – die negative Seite des Sommers hat auch negative Auswirkungen auf das Schwenninger Moos. Unsere Redaktion begibt sich mit einem Moosführer auf Tour – und erhält erschreckende und aufschlussreiche Einblicke in diesen Ausnahmezustand.

VS-Schwenningen - Die beiden Enten wühlen unentwegt im Wasser, um in ihrem Lebensraum, dem Schwenninger Moos, auf Futtersuche zu gehen. "Glücklicherweise haben sie einen breiten Schnabel, da ist es kein Problem, sich durch den Schlamm zu kämpfen", sagt Michael Rüttinger, Moosführer vom Umweltzentrum Schwarzwald-Baar-Neckar. Denn ein problemloses Fortbewegen im Wasser ist derzeit zumindest am Uferrand nicht möglich. "Sie sitzen fast fest", beschreibt Rüttinger.

 

Pflanzen ragen aus Wasseroberfläche heraus und verrotten

Man braucht in diesen Tagen kein Experte wie der Moosführer zu sein, um zu erkennen, dass im Moos etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist. Bereits beim ersten Anblick des Naturschutzgebiets rund um den Neckarursprung fällt sofort auf, dass eine gehörige Menge Wasser fehlt. Nicht nur das schlammige Ufer ist Zeugnis dafür, auch die Vegetation, die normalerweise gar nicht zu sehen wäre und oberhalb der Wasseroberfläche herausguckt. Auf der anderen Seite des Holzstegs Richtung FSV-Rasenplatz, wo normalerweise das Wasser steht, ist jetzt gar nichts mehr an richtigem Nass übrig. Einzig trockene Geäste ragen aus dem Schlamm heraus.

Normal ist also seit einigen Wochen im Schwenninger Moos scheinbar nichts mehr. Und Rüttinger erklärt, was das fehlende Wasser für Auswirkungen hat: Das Gebiet wird rein von Regenwasser gespeist. Üblicherweise brauche ein Moor einen Jahresniederschlag von 800 Millimeter, damit es überleben kann. Das werde in Jahren mit durchschnittlicher Regenmenge gerade so geschafft. Dementsprechend dramatisch ist die Situation in diesem Sommer. Denn das Wasser hat vor allem für die Pflanzenwelt eine "segensreiche Wirkung": Das ungesättigte Pflanzenmaterial könne durch das Wasser CO2 speichern. Wenn die Pflanzen infolge der Trockenheit nicht CO2-gesättigt seien und aus dem Wasser herausragen, verrotten sie.

Bäume sind im Trockenstress

Und auch bei den übrigen Pflanzen, die sich außerhalb des Wassers befinden, mache sich die Dürre bemerkbar. "Sie brauchen auch Wasser zum Verdunsten und somit zum Überleben", sagt Rüttinger, als er an einer großen Birke vorbeigeht. "Sie ist im Trockenstress", kommentiert er. Ebenso müssten die Tiere unter der Dürre im Moos leiden – Fische würden sogar infolge sterben. Die Ausnahmesituation erinnert Rüttinger an den "Jahrhundertsommer 2003", damals sei es noch trockener gewesen. Doch die Prognosen für die kommenden Wochen verheißen auch für das Gesamtfazit des Sommers 2022 nichts Gutes: Noch vor ein paar Tagen sei die Meldung veröffentlicht worden, dass das Grundwasser stark abgesunken sei und dass sich auch in der nächsten Zeit nichts an der Trockenheit ändern werde.

Etwas weiter oben im Moos zeigt Rüttinger den sogenannten Hauptentwässerungsgraben, der in den Achtzigerjahren mit Sperren zugemacht worden ist. Gut erkennbar ragen die aufgereihten Holzpfähle an mehreren Stellen heraus. "Normalerweise sieht man sie nicht. Ich sehe sie hier zum zweiten Mal."

Wasserstand kann nicht mehr hochgesetzt werden

Die Frage, ob konkret für das Schwenninger Moos Maßnahmen ergriffen werden könnten, sei eigentlich mit Nein zu beantworten, sagt der Moosführer schonungslos. In den Jahren 2010 und 2011 sei der Wasserstand zwar präventiv etwas höher gesetzt worden – das aber wahrscheinlich zum letzen Mal. "Mehr Wasser im Gebiet zu halten geht nicht", sagt der Experte. Denn drumherum gebe es Infrastruktur, unter anderem die Sportplätze der Vereine, die sonst unter Wasser stehen würden. Die Flächenversiegelung sei zudem ein Problem: Das Wasser laufe ab – ungenutzt, in den Kanal, "aber nicht dorthin, wo es gebraucht wird."

Es fängt im Kleinen an

Und was nun? Die Trockenheit und Dürre seien ein gesamtgesellschaftliches Problem. "Das Klima ist uns über", beschreibt es Rüttinger. Man könne nur längerfristig Maßnahmen ergreifen, aber "man muss sich auf jeden Fall etwas überlegen, gegen die Klimaerwärmung ankämpfen und versuchen, die Symptome zu reduzieren", warnt er. Das fange bereits im Kleinen an, und zwar jetzt. Fast alle Landratsämter in der Umgebung hätten bereits verboten, in Privathaushalten Wasser zum Gießen zu verwenden. Auf die Ausnahmesituation hinzuweisen, zu sensibilisieren und zu ermahnen, darin sieht Rüttinger auch seine Aufgaben und die seiner Kollegen bei den Moosführungen. Und was können die Bürger konkret dazu beitragen? "Den CO2-Ausstoß reduzieren und Wasser sparen!"

Info: Die Moosführungen

Weitere Informationen zu den Moosführungen und zu den Aktivitäten des Umweltzentrums gibt es unter http://www.umweltzentrum-sbn.org/.