Nach über 70 Jahren verlässt die Narrenzunft Schwenningen vertraute Pfade: Die Schlüsselübergabe wird künftig bereits zur Mittagszeit des Schmotzigen Dunnschtig stattfinden.
Am Donnerstag, 12. Februar, ruft der Narrenpolizist gegen 12.15 Uhr vom Balkon des Schwenninger Rathauses die Fasnet mit einer närrischen Proklamation aus. Die gesamte Bevölkerung ist eingeladen, diesen neuen Auftakt der Hohen Tage gemeinsam zu feiern und den Rathaussturm mitzuerleben.
Der Brauchtumsausschuss der Narrenzunft hatte sich über einen längeren Zeitraum intensiv mit der Zukunft der Veranstaltung beschäftigt. Immer deutlicher zeigte sich, dass das bisherige Abendmodell nicht mehr den heutigen Abläufen der Schwenninger Fasnet entsprach.
Die Zunft möchte mit der Verlegung in die Mittagszeit nicht nur organisatorisch reagieren, sondern auch ein sichtbares Zeichen setzen: Die Fasnet beginnt in Schwenningen dort, wo sie hingehört – mitten im Tagesgeschehen.
Wie es früher war
Ein Blick in die Geschichte zeigt, warum die Schlüsselübergabe ursprünglich am Abend stattfand. Als die Narrenzunft vor über sieben Jahrzehnten mit dieser Tradition begann, war sie der einzige Akteur der Schwenninger Fasnet. Tagsüber waren die Narren bei der Arbeit, erst nach Feierabend konnten sie in Häs und Maske erscheinen.
Am Schmotzigen prägten tagsüber vor allem die Kinder das Bild, die in den Geschäften zum Betteln unterwegs waren. Die ersten Hästräger sah man erst in den Abendstunden – und damit war der Abendtermin für die Schlüsselübergabe naheliegend und funktional.
Fasnet entwickelt sich
Doch die Fasnet entwickelte sich weiter. Mit der Einführung der Schülerbefreiungen 1984 verschob sich der Schwerpunkt erstmals deutlich in den Vormittag. Die Schulen wurden morgens befreit, die Narren zogen früh durch die Stadt, und Besuche in den Altenheimen kamen hinzu. Gleichzeitig entstanden neue Narrenvereine, die das närrische Treiben über den gesamten Tag hinweg prägten. Schwenningen wurde zu einem Ort, an dem man vom Morgen bis in den Abend hinein auf Hästräger traf.
Der Kinderumzug
Ein weiterer wichtiger Schritt folgte vor über 25 Jahren mit der Einführung des Kinderumzugs der Ziegel-Buben. Dieser entwickelte sich rasch zu einem festen Bestandteil des Schmotzigen und sorgte dafür, dass Familien, Kindergruppen und viele Hästräger bereits tagsüber aktiv waren. Diese Entwicklung hatte jedoch auch Folgen: Viele Hästräger waren am Abend schlicht erschöpft oder hatten bereits abgelegt, so dass die Beteiligung an der traditionellen Schlüsselübergabe spürbar zurückging.
Die Zunft beobachtete diese Entwicklung über Jahre hinweg und entschied schließlich, die Veranstaltung an die heutige Realität anzupassen. Der neue Ablauf am Schmotzigen Dunnschtig spiegelt diese Überlegungen wider.
Der Schmotzige im Überblick
Bereits am Morgen fordern die Kinder der Gartenschule stellvertretend für alle Schwenninger den Stadtschlüssel beim Oberbürgermeister im Rathaus. Anschließend ziehen die Kinder gemeinsam mit den Narren zur Schülerbefreiung weiter – ein Bild, das längst fest zur Schwenninger Fasnet gehört.
Neu ist nun, dass um die Mittagszeit der gemeinsame Sturm der Narren und der Bevölkerung aufs Rathaus erfolgt. Dieser soll bewusst offen, einladend und mitten im Stadtleben stattfinden. Der Narrenpolizist wird vom Rathausbalkon aus die Fasnet offiziell ausrufen und damit die Hohen Tage feierlich eröffnen.
Die Narrenzunft erhofft sich davon nicht nur mehr Beteiligung, sondern auch eine stärkere Sichtbarkeit und eine Rückbesinnung auf den ursprünglichen Charakter der Fasnet: ein Fest, das die Menschen zusammenbringt – mitten am Tag und mitten in der Stadt.