Es war eine besondere Form des Erzählcafés, zu dem das Projekt „Heimatgeschichte International – Auf den Spuren von NS-Zwangsarbeit in VS“ in den Karl-Haag-Saal eingeladen hatte.
In kleinen, moderierten Gesprächsrunden an vier Tischen tauschten sich rund 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmer verschiedener Generationen strukturiert über ihre Familiengeschichten aus.
Zu den Moderatorinnen und Moderatoren gehörten Florian Kemmelmeier und Lisa Schank vom Projekt „Heimatgeschichte International“, Markus Teubert, der Leiter des Stadtarchivs, sowie Lisa Schmied, wissenschaftliche Mitarbeiterin der städtischen Museen. Sie begleiteten die Gespräche, stellten Leitfragen und sorgten für einen geordneten Ablauf.
Florian Kemmelmeier erläuterte zu Beginn, dass es kein festes Programm und kein vorgegebenes Thema gebe. Ziel sei es, persönliche Erinnerungen und Erfahrungen zu sammeln, unabhängig davon, ob die Teilnehmenden konkrete Geschichten mitgebracht hätten oder zunächst nur zuhören wollten. Er betonte, dass unterschiedliche Sichtweisen erwartet würden, ein respektvoller Umgang jedoch Voraussetzung für den Austausch sei.
Zu Beginn wurden die Anwesenden gebeten, Angaben zu Herkunftsort, Geburtsjahr, dem Aufenthaltsort ihrer Angehörigen während des Zweiten Weltkriegs sowie zum Umgang ihrer Familien mit der NS‑Zeit und dem Thema Zwangsarbeit zu machen.
Bürger zusammenbringen
Das Erzählcafé diente dazu, Bürgerinnen und Bürger zusammenzubringen, um individuelle Familiengeschichten zur NS‑Zeit und zum Zweiten Weltkrieg zu dokumentieren. Die gesammelten Berichte sollen in eine Ausstellung einfließen, die im Sommer geplant ist. Das Projekt verfolgt das Ziel, die historische Forschung durch lokale Perspektiven zu ergänzen und die vorhandenen Archivbestände um persönliche Erzählungen zu erweitern.
In den Gesprächsrunden zeigte sich, dass der Umgang mit der NS‑Zeit in den Familien sehr unterschiedlich war. Einige berichteten von offener Kommunikation über Kriegserlebnisse, Vertreibung oder Kontakte zu Zwangsarbeitern. Andere schilderten, dass diese Themen innerhalb der Familie kaum oder gar nicht angesprochen wurden. Während die ältere Generation noch direkte Kriegserfahrungen hatte, verfügen jüngere Generationen häufig nur über fragmentarische Informationen, die aus Erzählungen, Dokumenten oder vereinzelten Hinweisen stammen.
3900 Namen in VS
Viele Teilnehmende gaben an, keine konkreten Kenntnisse über Zwangsarbeit zu haben, obwohl in Villingen‑Schwenningen rund 3900 Namen von Betroffenen dokumentiert sind.
Einzelne berichteten von polnischen Zwangsarbeitern, die auf landwirtschaftlichen Höfen eingesetzt wurden, über deren Lebensumstände jedoch selten gesprochen wurde. Die Veranstaltung machte deutlich, dass die vorhandenen Wissenslücken oft auf fehlende familiäre Überlieferung oder bewusste Verdrängung zurückzuführen sind.
Die Gespräche zeigten insgesamt, dass die Aufarbeitung der NS‑Zeit in den Familien sehr unterschiedlich verläuft – von offener Auseinandersetzung bis hin zu vollständigem Schweigen.
Die Bereitschaft, über persönliche oder familiäre Erfahrungen zu sprechen, variierte ebenfalls. Für das Projektteam bot die Veranstaltung wertvolle Hinweise darauf, welche Themen in der geplanten Ausstellung vertieft werden können und wo weiterer Forschungsbedarf besteht.
Am Ende zog Florian Kemmelmeier ein positives Fazit. „Das Konzept ist aufgegangen“, sagte der Schwenninger. Es war ein anregender Austausch, der ab den Tischen stattgefunden hatte. Eine ältere Teilnehmerin brachte es treffend auf den Punkt: „Es war keine Zeitverschwendung!“, stellte die Frau fest.