"Mit 66 Jahren fängt das Leben an…": Der ehemalige evangelische Stadtpfarrer Schwenningens, Dieter Brandes, ist bereits zehn Jahre über dieses Alter hinaus und noch immer äußerst aktiv. Seit ein paar Tagen hat er die Doktorwürde inne: Ende Mai wurde ihm dieser akademische Grad für eine 600 Seiten starke Dissertation verliehen.
VS-Schwenningen - Auch das schwierige Verhältnis Russlands und der Ukraine ist in dem umfangreichen Werk beschrieben. Zufälligerweise durch den Überfall Russlands auf dessen Nachbarstaat erhielt das Werk damit eine ganz besondere Aktualität.
Brandes ist der Thematik schon seit Jahrzehnten auf der Spur
Die Thematik der Versöhnung gesellschaftlicher Gruppen, Völker oder gar Länder beschäftigt Brandes schon seit Jahrzehnten. Immer wieder flog er beispielsweise nach Ruanda, um dort als Koordinator moderierend den verfeindeten Tutsis und Hutus nach deren gegenseitiger extremer Gewalt 1993 Möglichkeiten zu eröffnen, wieder friedlich miteinander zu leben.
Versöhnungskonzept "Healing of Memories"
Seine internationale Versöhnungsarbeit im Rahmen des von ihm in Südafrika entstandenen Versöhnungskonzepts "Healing of Memories" und dessen nunmehr vorliegende ausführliche schriftliche Dokumentation könnte, wenn der Krieg in Europa irgendwann beendet sein wird, besonders relevant werden. Brandes ist realistisch: "Ohne Verständnis für den jeweils anderen wird es nicht gehen!" Verfeindeten Parteien von außen Frieden aufzuzwingen, gelinge nicht. Es benötige einen inneren Prozess, der offen, sich selbst hinterfragend, auch die Geschichte der jeweilig als Gegner gesehenen Partei einbezieht.
Ausgangspunkt für die Studie war 2004 Brandes Beauftragung durch den Weltkirchenrat zur Koordination des Prozesses "Healing of Memories" in Südost-Europa. Weitere folgten. Innerhalb seiner praktischen Arbeit vor Ort konnte Brandes viele wissenschaftliche Erkenntnisse gewinnen. Der 76-Jährige betrachtet in seiner Dissertation viele ehemalige Konfliktgebiete, in welchen die Lösungsansätze von "Healing of Memories" angewendet wurden. Dabei gehe es konzeptuell jeweils um christliche Versöhnungsarbeit ohne jedoch als besserwisserischer Außenstehender aufzutreten.
Ein Abbild des Lebenswerks
Die Zusammenfassung liegt mit der Doktorarbeit nun vor und bildet indirekt ein Abbild des Lebenswerks von Brandes. Grundthese stellt ein Zitat des spanischen Philosophen George Santayana dar: Brandes ist sich durch die Erfahrung seiner Arbeit sicher: "Wer sich nicht seiner Vergangenheit erinnert, ist verurteilt, sie zu wiederholen." Egal, ob in den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens, Südafrika, dem Nord-Irland-Konflikt, nach Bürgerkriegen und Genoziden und auch aktuell, im Krieg nahe der EU: Ohne den Dialog mit radikalem Respekt vor dem anderen werde Versöhnung nicht gelingen.
Aufarbeitung von Konflikten
Hierzu brauche es die Aufarbeitung teilweise Jahrhunderte zurückliegender Konflikte. Argumente, vermutlich auch im aktuellen Streit, seien oftmals nur vordergründig, im Hintergrund schwelten oft Probleme mit der kulturhistorischen Identität. Brandes sieht ein Zusammenspiel zwischen persönlichen, kollektiven, individuellen, familiären, kulturellen, nationalen, religiösen wie auch ideologischen und gesellschaftlichen Anteilen. Ein Ungleichgewicht könne zu Depression, fanatischer Überbetonung, Nationalismus oder auch religiösem Fanatismus führen, so der Theologe.
Die Methodik des "Healing of Memories" ähnelt letztlich im Großen mit Versöhnung ganzer gesellschaftlicher Gruppen jener von Einzelnen in Paartherapien oder gar Persönlichkeitsanteilen mit sich selbst. Es gelte, die Unterschiede der Identität nicht zu beseitigen, sondern sie mit Respekt zu akzeptieren. Absolute Sieger und gedemütigte Besiegte solle es nicht geben.
Bogen zum christlichen Kontext
Hier schlägt Brandes in seiner theologischen Doktorarbeit einen Bogen zum christlichen Kontext. Versöhnung geschehe im Neuen Testament ohne Klärung der Schuldfrage und Ausschluss aus der Gesellschaft. Zur Ermöglichung eines gesellschaftlichen Rekonstruktionsprozesses bedürfe es der meist schmerzlichen Aufarbeitung des Vergangenen. Der ehemalige Stadtpfarrer Schwenningens betrachtet in seinen Ausführungen zur Konfliktforschung auch bereits Vorläufer körperlicher Gewalt – beispielsweise die Sprache: Nicht erwähnt, wohl aber thematisch äußerst passend, könnte damit auch der gesellschaftliche Polarisierungsprozess zwischen Impfgegnern und -befürwortern unter die Lupe genommen werden.
Doktorarbeit nicht an deutscher Universität
Ganz bewusst reichte der Schwenninger seine Doktorarbeit nicht in einer deutschen theologischen Fakultät ein, sondern am der Universität der rumänischen Stadt Sibiu (Hermannstadt). Dort hatte er bereits 2008 das interreligiöse Institut "Versöhnung in Südosteuropa" gegründet.
Was das friedliche Zusammenleben und die gegenseitige Akzeptanz unterschiedlicher Volksgruppen anbelangt, sieht der Pfarrer im Ruhestand Rumänien offener an als Deutschland: "Das interkulturelle Miteinander ist besser als bei uns." Ohne Hürden konnte die Dissertation nicht eingereicht werden.
Doktorvater ist halb so alt
Zustimmen musste der Bukarester Patriarch als Oberhaupt der rumänisch-orthodoxen Kirche, in der die christlich-orthodoxe Fakultät integriert ist. Ein weiteres Ja war auch vom dortigen Kultusministerium notwendig, wie auch die Anerkennung des Jahrzehnte alten Theologie-Diploms als heute international geltender Master of Science-Abschluss. Im Prozess der Promotion benötigt ein Doktorand einen Doktorvater. Den fand der heute 76-Jährige in Professor Daniel Buda, ein früherer Assistent des Schwenninger Theologen und derzeit Dekan der theologisch-orthodoxen Fakultät in Sibiu/Hermannstadt. "Buda ist halb so alt wie ich, er könnte mein Sohn sein", so Brandes lächelnd. Auch in der Textlänge musste Brandes Vorgaben erfüllen und seine Arbeit auf maximal 600 Seiten begrenzen.
Wozu eine Doktorarbeit mit 76 Jahren? Für den Altpfarrer geht es nicht um Karriere. Die Arbeit stellt eine Ausweitung eines ehedem geplanten Buches über die Versöhnungsarbeit dar. Außerdem "just for fun", so Brandes, Autor von bereits rund einem Dutzend Bücher und rund 60 publizierten Fachaufsätzen. Auf das sogenannte Rigorosum, einer Art mündlicher Prüfung, die sich Doktoranden nach Verfassung ihrer Dissertation zu stellen haben, hatte sich Brandes nicht zusätzlich vorbereitet. "Ich erlebte dieses eher als einen wissenschaftlichen Workshop."
Folgt eine Habilitation?
Womöglich geht die wissenschaftliche Karriere sogar noch weiter: Eine Ausweitung der wissenschaftlichen Arbeit hinsichtlich einer Habilitation, also einer wissenschaftlichen Schrift, die eine Professur ermöglicht, ist laut Brandes ebenfalls angedacht worden. Aber vorerst gibt es für den bald 77-Jährigen anderes zu tun. In einem Monat übernimmt er die Präsidentschaft des Schwenninger Lions Clubs. Auch soll das in den vergangenen Jahren "teilweise vernachlässigte Familienleben", so der frisch Promovierte – Brandes ist verheiratet, hat zwei Kinder und drei Enkelkinder –, wieder stärker in den Mittelpunkt treten.