Mit dem Auftakt der vierten Schwenninger Geschichtswoche zeigten sich Annemarie Conradt-Mach (von links) und Hans Martin Weber vom Heimatverein sehr zufrieden. Viele Interessierte waren in den Vortragsraum in Ob dem Brückle gekommen. Foto: Jochen Schwillo

Der Schwenninger Heimatverein hat eindrucksvoll gezeigt, wie lebendig Geschichte sein kann.

Mit der Eröffnung der vierten Geschichtswoche im historischen Gebäude Ob dem Brückle 14 begann eine Reise durch mehr als ein Jahrhundert Stadtentwicklung.

 

Hans‑Martin Weber, stellvertretender Vorsitzender des Heimatvereins, führte in die Woche ein und erinnerte daran, dass alle Veranstaltungen ehrenamtlich organisiert und ausschließlich durch Mitgliedsbeiträge getragen werden. Dieses Engagement sei die Grundlage dafür, dass die Geschichtswoche stattfinden könne.

Oberbürgermeister Jürgen Roth betonte die besondere Atmosphäre des historischen Ortes und hob hervor, wie wichtig es sei, lokale Geschichte sichtbar und erlebbar zu machen. Geschichte werde hier nicht nur erzählt, sondern erfahrbar – im Zuhören, im Gehen, im Staunen.

Im Mittelpunkt des Abends stand der Vortrag von Annemarie Conradt‑Mach, Heimatforscherin und Vorsitzende des Schwenninger Heimatvereins. Unter dem Titel „Schwenningen im Königreich Württemberg“ zeichnete sie die Entwicklung des Ortes nach, der seit 1458 fest mit Württemberg verbunden ist. Diese lange Zugehörigkeit prägte Schwenningen politisch, wirtschaftlich und kulturell. Auch die Industrialisierung im 19. Jahrhundert verlief im Kontext der württembergischen Königsepoche zwischen 1800 und 1918 – eine Zeit, die sie als „für Schwenningen deutlich wichtig“ bezeichnete.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war Schwenningen noch ein „feudalistisches mittelalterliches Dorf“, geprägt von kleinbäuerlichen Strukturen und wirtschaftlicher Unsicherheit. Viele Familien konnten „von ihrem Land nicht mehr leben“. Erst die Industrialisierung eröffnete neue Perspektiven.

Epoche der Könige

Conradt‑Mach zeigte, dass sich die politische Epoche der württembergischen Könige unmittelbar in Schwenningen widerspiegelte. Während in Stuttgart Könige wie Friedrich, Wilhelm und Karl Reformen einführten, Verfassungen verhandelten oder Hofskandale auslösten, setzte in Schwenningen der industrielle Aufbruch ein. Die Zeit der Könige war damit zugleich die Phase, in der Schwenningen den Schritt vom bäuerlichen Ort zur Industriestadt vollzog.

Die Referentin stellte die vier Herrscher dieser Epoche vor: Friedrich I., Wilhelm I., Karl und Wilhelm II. Auch die Königinnen Olga und Charlotte fanden Beachtung. Sie hätten durchweg einen guten Ruf genossen und sich um soziale Belange gekümmert. Besonders eindrücklich schilderte Conradt‑Mach den Besuch von Königin Charlotte im Juni 1914 in Schwenningen, die die örtliche Rot‑Kreuz‑Arbeit unterstützte. Die Monarchin zeigte sich tief beeindruckt vom Engagement der Helferinnen und nutzte ihren Aufenthalt, um soziale Projekte zu fördern. Ihr Besuch blieb vielen Schwenningern in Erinnerung und unterstrich ihren Ruf als volksnahe, warmherzige und tatkräftige Königin.

Die Uhrmacherei

Von der politischen Ebene spannte Conradt‑Mach den Bogen zurück nach Schwenningen, wo wirtschaftliche Not, Auswanderung und Nebenerwerbe den Alltag prägten. Die Uhrmacherei entwickelte sich aus der Not heraus zu einem zentralen Wirtschaftszweig. Der Uhrengewerbeverein von 1849, technische Innovationen und die Gründung von Lehrwerkstätten legten den Grundstein für die spätere industrielle Blüte.

Eine Schlüsselrolle spielte Johannes Bürk, den Conradt‑Mach als „entscheidende Figur der frühen Industrialisierung“ bezeichnete. Mit seiner Erfindung der Nachtwächter‑Kontrolluhr schuf er ein Produkt, das weit über Schwenningen hinaus bekannt wurde. Die Uhr dokumentierte die Rundgänge von Nachtwächtern zuverlässig und wurde zu einem frühen Exportschlager. Bürks Innovationskraft, seine Teilnahme an Weltausstellungen und sein Engagement im Gemeinwesen machten ihn zu einem der prägenden Köpfe der Stadtgeschichte. Ohne ihn wäre der industrielle Aufstieg Schwenningens kaum denkbar gewesen.

Das Dreikaiserdenkmal

Im weiteren Verlauf verwies die Referentin auf das Dreikaiserdenkmal auf dem Geschwister-Scholl-Platz. Es steht symbolisch für die Zeit, in der Württemberg zwischen Preußen, Österreich und Frankreich seinen eigenen Weg suchte und lokale Geschichte eng mit europäischer Politik verwoben war.

Der Abend endete mit dem Eindruck, dass die Geschichte Schwenningens weit über eine lokale Erzählung hinausreicht. Sie spiegelt die großen Umbrüche des 19. Jahrhunderts wider – lebendig vermittelt durch eine Referentin, die historische Tiefe mit anschaulichen Details verband und das Publikum sichtbar fesselte.