Ärzte hantieren an dem modifizierten Schweineherz, das später dem Patienten eingesetzt wurde. Foto: dpa/Tom Jemski

Ein 57-Jähriger hat in den USA als erster Mensch ein tierisches Herz eingesetzt bekommen. Ein solcher Eingriff sei auch in Deutschland schon denkbar, sagt ein Experte der Deutschen Herzstiftung. Ob das Herz dauerhaft funktioniert, ist aber noch unklar.

Baltimore/Frankfurt - Ich will leben. Ich weiß, es ist ein Schuss ins Blaue, aber es ist meine letzte Wahl.“ Mit diesen Worten erklärte der 57-jährige US-Amerikaner David Bennett seine Entscheidung, sich ein Schweineherz transplantieren zu lassen – und somit für eine Operation, die niemals zuvor an einem Menschen vorgenommen worden ist. Offensichtlich mit Erfolg: Dem Patienten gehe es drei Tage nach dem Eingriff gut, erklärte die medizinische Fakultät der Universität des Bundesstaates Maryland am Montag. Ein Überblick, was dieser Schritt für künftige Transplantationen bedeutet.

 

Handelt es sich um einen Durchbruch für die Transplantation tierischer Organe?

Ja, heißt es seitens der Universität Baltimore. Denn die Organtransplantation hat erstmals gezeigt, dass das Herz eines gentechnisch veränderten Tieres ohne sofortige Abstoßung durch den Körper wie ein menschliches Herz funktionieren kann. Der Chirurg Bartley Griffith, der das Schweineherz eingesetzt hat, erhofft sich durch diese Operation zum einen eine neue Behandlungsoption für Herzkranke und zum anderen einen Lösungsansatz, die Krise des Organmangels zu bewältigen. Experten in Deutschland wie Friedhelm Beyersdorf, Ärztlicher Direktor der Klinik für Herz- und Gefäßchirurgie am Universitätsherzzentrum Freiburg sind da vorsichtiger: „Es ist in jedem Fall ein wichtiger und richtiger Schritt in der Transplantationsmedizin, um in der Entwicklung neuer Therapien voranzukommen.“ Allerdings seien noch viele Fragen zu klären. Einige benennt sein Kollege Jan Gummert, Ärztlicher Direktor des Herz- und Diabeteszentrum NRW, Bad Oeynhausen: „Werden die notwendigen Medikamente zur Schwächung der Abstoßungsreaktion gut vertragen? Wie lange überleben Spenderherzen im Menschen?“, so das Vorstandsmitglied der Deutschen Herzstiftung.

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Boostern auch nach Herzmuskelentzündung?

Wie gut sind Organe tierischen Ursprungs für Transplantationen geeignet?

Es gibt nur zwei Tierarten, deren Organe in puncto Größe und Funktion mit denen des Menschen vergleichbar sind: Schweine und Primaten. Letztere scheiden aufgrund des Artenschutzes aus. Schweine werden gesellschaftlich als Spendertiere eher akzeptiert, da sie bereits zu Nahrungszwecken geschlachtet werden, erklärt Hermann Reichenspurner, Klinikdirektor am Universitären Herz- und Gefäßzentrum Hamburg. So werden bereits Herzklappen von Schweinen und Schweinehaut bei Verbrennungsopfern genutzt. Auch versuchen Forscher seit geraumer Zeit, Organe in Schweinen zu züchten, die für Menschen geeignet sind – etwa Herzen, Nieren oder Lungen. Auch hierzulande befasst sich ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderter Forschungsbereich mit der Xenotransplantation, also der Verpflanzung tierischer Organe in Menschen.

Das Schweineorgan wurde gentechnisch verändert. Was bedeutet das?

Bei dem Schwein, von dem das Herz stammt, wurde ein Gen eliminiert, das einen bestimmten Zucker bildet. Dieser Zucker hätte sonst eine starke Immunreaktion des Patienten ausgelöst, was zu einer Abstoßung des Organs geführt hätte. „Dazu kamen weitere sechs menschliche Gene, die die Immunabstoßung des Schweineherzens verhindern sollen“, sagt Joachim Denner, Leiter der Arbeitsgruppe Virussicherheit der Xenotransplantation der Freien Universität Berlin. Zusätzlich wurde ein Gen inaktiviert, das zu einem zu starken Wachstum des Schweineherzens führen würde. „Diese Schweine sind das Produkt der Forschungen der Firma Revivicor, über deren genaue Eigenschaften aber bisher wenig bekannt ist“, sagt Denner. Auch wurde das Tierorgan vor der Implantation in einer Konservierungsmaschine aufbewahrt. Beim Eingriff verwendeten die Mediziner dazu ein experimentelles Medikament zur Unterdrückung der Immunabwehr.

Ist der Weg nun frei für Operationen in Deutschland?

In den USA hat die dortige Arzneimittelbehörde FDA eine Notfallzulassung für den Eingriff erteilt: Der Patient Bennett, der an einer Herzkrankheit im Endstadium litt, war nicht für eine herkömmliche Organtransplantation zugelassen worden. Dennoch ist sich der Hamburger Herzexperte Reichenspurner sicher: „Theoretisch ist eine solche Operation auch schon jetzt in Deutschland denkbar“, sagt der Herzchirurg, der im wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Herzstiftung sitzt. Sein Kollege Jan Gummert, Vorstandsmitglied der Herzstiftung, hält es allerdings für unbedingt notwendig, „dass eine solche Operation auf der Basis von öffentlich zugänglichen Ergebnissen im Tiermodell sorgfältig geplant wird“. Hier sei die Münchner Arbeitsgruppe um Reichart schon sehr weit fortgeschritten und habe vielversprechende Daten veröffentlicht.

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Frau kann mit neuer Hornhaut wieder sehen

Wie steht es derzeit um die Entwicklung von Kunstherzen?

Um den Mangel an menschlichen Spenderorganen zu beheben, hat sich neben der Xenotransplantation ein weiterer Forschungsbereich ergeben: Die Entwicklung von Kunstherzen. Allerdings gibt es auch hier viele Hürden, erklärt der Herzexperte Jan Gummert: „Künstliche Herzen auf der Basis von gezüchteten Zelle sind aus meiner Sicht eine Zukunftsvision, die noch in sehr weiter Ferne liegt.“ Stattdessen sind mechanische Kunstherzen auf dem Markt, die allerdings eher zu Überbrückung der Wartezeit bis zur Transplantation genutzt werden. „Eine Dauerlösung ist das noch nicht“, sagt Gummert.

Derzeit werden hierzulande pro Jahr rund 1000 Herzunterstützungssysteme in Patienten eingesetzt. In der Regel handelt es sich um elektrisch angetriebene Pumpen, die das geschwächte Organ unterstützen sollen. Es gibt auch komplette Kunstherzen, die vor allem für Schwerstherzkranke entwickelt worden sind, sagt der Freiburger Herzchirurg Friedhelm Beyersdorf. „Allerdings bestehen hierbei immer noch gesundheitliche Risiken.“ So sind Patienten mit Kunstherz auf Medikamente angewiesen, die die Bildung von Blutgerinnseln verhindern. Auch drohen Abwehrreaktionen gegen das körperfremde Material. Und es besteht eine Infektionsgefahr, weil die Energieversorgung bislang durch Leitungen von außen erfolgt. „Noch kommt ein künstliches Herz dem natürlichen in Funktion und Leistung nicht nach“, sagt auch der Hamburger Herzchirurg Reichenspurner. Und sein Kollege Jan Gummert ergänzt: Die Vision von Spenderherzen vom Schwein wäre daher eine wichtige Alternative.

Info: Organspende von Tieren

Mangel
 Im Jahr 2020 wurden in Deutschland 339 Herzen transplantiert. An Silvester 2020 standen 700 Patienten auf der Warteliste für eine Herztransplantation.

Tierspende
 Seit dem 17. Jahrhundert, als mit Tiertransfusionen experimentiert wurde, hoffen Mediziner menschliches Leid durch Transplantationen von Tier zu Mensch zu lindern. Experten nennen die Übertragung von Zellen oder Organen von einer Spezies auf eine andere Xenotransplantationen.

Versuche
 Erste Versuche einer Herztransplantation vom Tier auf den Menschen gab es schon 1984: Das Baby Fae bekam in Kalifornien ein Pavianherz. Es starb drei Wochen nach der OP. Im Oktober 2021 hatten Ärzte in New York eine Schweineniere für mehr als zwei Tage an eine Hirntote angeschlossen. Das Organ sei für 54 Stunden außerhalb des Körpers mit dem Blutkreislauf verbunden worden und habe dort fast sofort angefangen zu arbeiten und das Stoffwechselprodukt Kreatinin gebildet.