Besuch im Fahrradladen (von links): Geschäftsführer Ralph Uth, Bürgermeister Bernhard Haas, Jörg Riethmüller, Leiter der Abteilung "Rad & Tat", Bundestagskandidatin Sara Haug und Grünen-Mitglied Frank Ritthaler. Foto: Weinbrecht

Die boomende Fahrradbranche, Radwege in Dornstetten sowie gelebte Inklusion waren Themen beim Besuch der Bundestagskandidatin Sara Haug (Bündnis 90/Die Grünen) in der Schwarzwaldwerkstatt Dornstetten und dem Inklusionsunternehmen Intra-Mechanik.

Dornstetten - Empfangen wurde Sara Haug vom Geschäftsführer der Schwarzwaldwerkstatt, Ralph Uth, und dem Prokuristen Friedhelm Maier im Fahrradgeschäft Rad & Tat. Jörg Riethmüller, der diese Abteilung leitet, kam gleich auf den auffällig leeren Verkaufsraum zu sprechen: So verzeichnet "Rad & Tat" eine hohe Nachfrage nach Fahrrädern, die besonders durch das Leasingmodell Jobrad noch verstärkt wird, heißt es in der Mitteilung von Sara Haug. Immer mehr Firmen und Behörden leasen für ihre Mitarbeiter ein Fahrrad, das sie zu einem reduzierten Preis auf dem Weg zur Arbeit und auch privat nutzen können.

"Rad & Tat" bietet drei Menschen mit Beeinträchtigungen einen Arbeitsplatz in der Reparaturwerkstatt. Modernste hydraulische Hubeinrichtungen erleichtern die Arbeit, denn inzwischen sind rund 80 Prozent aller verkauften Räder E-Bikes, die deutlich mehr wiegen. Besonders stolz ist Riethmüller darauf, dass sich aus dem Konzept des inklusiven Fahrradladens inzwischen die Genossenschaft der Werkstätten Somo (Soziale Mobilität) entwickelt hat, die diese Idee nun auch in anderen Städten durch deren Partner umsetzt.

Radwege: Haas hofft auf Hilfe vom Kreis

Bürgermeister Bernhard Haas, der Sara Haug bei ihrem Besuch in Dornstetten begleitete, würde Fahrradleasing auch für die Angestellten der Stadt befürworten. Was die Radwege in und um Dornstetten angeht, hofft Haas auf Hilfe des Landkreises und sieht als wichtigstes Projekt die Erschließung eines Radwegs von Aach nach Glatten. Innerhalb der Stadt seien Radwege kein Thema. Einig war sich die Runde darüber, dass besonders E-Bikes ein erhöhtes Unfallrisiko zeigen, weshalb Jörg Riethmüller für eine Helmpflicht plädiert.

Nach dem Gespräch im Radladen besuchte Sara Haug die Intra-Mechanik gGmbH im selben Haus. In diesem gemeinnützigen Inklusionsunternehmen der Schwarzwaldwerkstatt arbeiten fast 50 beeinträchtigte Menschen, die auf dem sogenannten ersten Arbeitsmarkt aktuell nicht unterkommen. Auch wenn manche dauerhaft bei der "Intra" bleiben, ist es das Ziel des Inklusionsunternehmens, Menschen für den ersten Arbeitsmarkt zu qualifizieren. Hier sind sie sozialversicherungspflichtig angestellt, erhalten den Mindestlohn plus eine Zulage – gestaffelt nach individuell erreichten Kompetenzpunkten.

Sara Haug wollte ihrer Mitteilung zufolge auch wissen, wie sich die Erhöhung des Mindestlohns auf zwölf Euro, wie es die Grünen vorschlagen, auf die "Intra-Mechanik" auswirken würde. Ralph Uth und Friedhelm Maier erläuterten, dass die "Intra" im Wettbewerb zu ausländischen Unternehmen, insbesondere in Fernost, wirtschaften muss und durch häufigere Lohnfortzahlungen im Krankheitsfall ohnehin schon hoch belastet werde. Nur wenn ein höherer Mindestlohn durch zusätzliche finanztechnische Maßnahmen begleitet werde, könne die Wirtschaftlichkeit des Inklusionsunternehmens erhalten bleiben. Beispielsweise könnte man die erhöhten Krankheitstage durch Fördermittel ausgleichen.

Weiter erkundigte sich die Bundestagskandidatin, wie das Unternehmen die Corona-Krise gemeistert hat. Auch die "Intra" musste im vergangenen Jahr Kurzarbeit anmelden, was insbesondere für die psychisch kranken Angestellten eine große Belastung war. Friedhelm Maier erläuterte, wie wichtig Verlässlichkeit und Regelmäßigkeit für die Menschen in der "Intra" sind und dass statt wochenlanger Schließungen auf verkürzte Arbeitstage gesetzt wurde.

Der Gang durch die Werkhalle zeigte, dass die "Intra" jetzt wieder volle Auftragsbücher hat. 300 Industriekunden lassen hier die verschiedensten Metallteile fertigen und bearbeiten. Mit Freude und Konzentration waren die Werker und die vier auszubildenden Metallfeinbearbeiter im Maschinensaal mit Drehen, Fräsen, Bohren und Gewindeschneiden beschäftigt.

Bundesteilhabegesetz stößt auf Kritik

Sara Haug erkundigte sich auch nach den anderen Einrichtungen der Schwarzwaldwerkstatt. Neben den Inklusionsunternehmen Intra, Rad & Tat und Cafesito, wo Haug zu Mittag gegessen hatte, gehören in der Siemensstraße und der Riedsteige noch zwei Werkstätten für mehr als 300 Menschen mit geistiger und psychischer Beeinträchtigung dazu. Dort gehen sie individuell 20 unterschiedlichen Beschäftigungsarten nach.

Ralph Uth gab Sara Haug eine Aufgabe für ihre mögliche Arbeit im Bundestag mit auf den Weg: Menschen mit Beeinträchtigung bräuchten besondere Unterstützung und Begleitung. Der Sprung von der Betreuung in die Eigenständigkeit – wie er im Bundesteilhabegesetz (BTHG) vorgesehen ist, vernachlässige jedoch, dass dieser für viele Menschen mit geistiger Behinderung nicht ganz einfach sei. Viele wollten gerade nicht individuelle Leistungen, wie es das BTHG vorsieht, sondern pauschal versorgt werden. Wie Geschäftsführer Uth sieht auch Sara Haug ein großes Problem darin, dass momentan Nachhaltigkeitsprojekte, die gemeinnützige Unternehmen umsetzen, nicht gefördert werden.

Dornstetten habe Menschen mit Behinderungen schon immer stark unterstützt, betonte Bürgermeister Haas. In den Sportvereinen, beim Stadtfest, auf der Straße begegneten sich Menschen mit und ohne Beeinträchtigung. Man kenne sich, und die Wohnheime und Außenwohngruppen gehörten einfach dazu. Haug freute sich zu hören, dass die Boccia-Spieler aus Dornstetten bei den Special Olympics regelmäßig hervorragend abschneiden.

Weitere Themen im Gespräch mit Bürgermeister Haas waren die hohen bürokratischen Hürden bei der Vergabe und Verlegung des Glasfasernetzes, die Ausschreibung für die Sanierung der Stadthalle nach dem VGV-Verfahren sowie die gute Kooperation von Schwarzwaldwerkstatt und DRK im Corona-Testzentrum.