Fabian Joosten (links) im Gespräch mit dem Intendanten und Dirigenten Mark Mast. Foto: Günther

Mit einem brillanten Konzert und einem dreifachen Paukenschlag wurde am Freitagabend das 24. "Schwarzwald Musikfestival" (SMF) eröffnet.

Freudenstadt - Intendant Mark Mast kündigte den zahlreich erschienenen Konzertbesuchern in der Freudenstädter Stadtkirche in seiner Begrüßungsrede ein Konzert voller Superlative an. Dass er sein Versprechen mehr als erfüllte, zeigte sich sowohl im geradezu visionär zusammengestellten Programm als auch in der durchgängig brillanten musikalischen Umsetzung und am Ende in den begeisterten Reaktionen des spürbar zufriedenen Publikums.

Drei "Sahnestücke"

Kein Wunder, wurden doch in der Freudenstädter Stadtkirche gleich drei musikalische "Sahnestücke" präsentiert: die Uraufführung der symphonischen Dichtung "Der Hirschsprung" des jungen Baden-Badener Komponisten Fabian Joosten, die von der Philharmonie Baden-Baden gespielte Komposition "Aus der Neuen Welt" von Antonín Dvorák sowie – als Fortsetzung und Schlusspunkt des Beethoven-Zyklus – das Klavierkonzert Nr. 2, B-Dur, op 19.

Dargebracht wurde Beethovens Werk von dem in der Ukraine geborenen international erfolgreichen Pianisten Alexej Gorlatch. Der auf den großen Konzertbühnen der Welt gefeierte und mit vielen Preisen ausgezeichnete 33-jährige Künstler bewies mit seiner Interpretation einmal mehr und eindrücklich seine Extraklasse. Mit seiner sensiblen und zugleich kraftvoll-virtuosen Brillanz versetzte er seine Zuhörer erst in andächtiges Schweigen und riss es abschließend zu Begeisterungsstürmen hin.

Die Tiefe des Werks

Dabei hatte Gorlatch bereits in der Konzerteinführung mit seinem geschichtlichen Exkurs zu Beethovens Werk die Herzen der Besucher erreicht – und diesen hierdurch den Weg geebnet, beim Zuhören die ganze Bandbreite und Tiefe des ersten von Beethoven komponierten Klavierkonzerts zu erfassen.

Was bei Gorlatchs Spiel auch deutlich wurde: Im Unterschied zur Uraufführung dieses Klavierkonzerts im Jahr 1795 in Wien, bei der laut Gorlatch in seiner Einführungsrede "der Notenwender nicht immer wusste, wo er für den selbst am Flügel sitzenden Beethoven umblättern musste", stellte sich für ihn dieses Problem in der Stadtkirche nicht. Gorlatch spielt seine Konzerte ohne Noten, und agierte trotzdem oder gerade deshalb völlig souverän und zudem im perfekten Einklang mit den Baden-Badener Philharmonikern. Als Zugabe hatte er Chopins Etüde Nr. 10, Opus 10 mitgebracht. Wobei Gorlatch "seinen" Chopin einfach nur meisterhaft interpretierte. Kein Wunder, dass hinterher in der Pause viele Zuschauer sich wünschten, dass das SMF zum anstehenden 25. Jubiläum diesen Komponisten spielt. Einig waren sich dabei alle, dass die Troika Mast, Gorlatch und Philharmonie Baden-Baden, die seit 1998 gleichfalls regelmäßig beim SMF auftritt, überragende musikalische Leistungen hervorbringt. Denn auch die Baden-Badener Philharmonie lieferte beim Eröffnungskonzert ein beeindruckendes Zeugnis ihrer Klasse.

Mit Antonín Dvoráks 9. Symphonie "Aus der Neuen Welt" mit den Sätzen Adagio- Allegro molto, Largo, Scherzo und Allegro con Fuoco verzauberte sie ihr Publikum geradezu.

Mit diesem, so Mast, ganz großen symphonischen Wurf des tschechischen Komponisten, einem "Meisterwerk der Instrumentation", wurden die Konzertbesucher in die 1890er-Jahre der USA hineinkatapultiert. Eine Symphonie, die Dvorák während seines dreijährigen Amerikaaufenthalts schrieb und die heute zu dessen populärstem Werk und den meistgespielten Symphonien weltweit zählt.

Furioser Gleichklang

So galt es während der rund 45 Minuten, sich mit geschlossenen Augen in die Neue Welt entführen zu lassen, und den mal furiosen und gewaltigen, mal ruhigen, innigen und fast schon meditativen Klängen zu lauschen; und die überragenden Soli – ob Oboe, Querflöte, Violine oder Trompete – zu genießen. Ob bei der geradezu wehmütigen, langsamen Einleitung, dem darauf folgenden mitreißenden Schwung des Allegros, dem auf einer amerikanischen Dichtung basierenden Largo bis zum Festtanz bei einer Indianerhochzeit und dem Orchestertutti, hier war einfach nur Genießen angesagt. Angesichts dieses, im furiosem Gleichklang aller Agierenden, gewaltigen Klangkörpers folgte nach dem Schlussakkord erst einmal Stille, ehe frenetischer Beifall aufbrandete.

Uraufführung inklusive

Mit "Der Hirschsprung" von Fabian Joosten durften die Besucher des Eröffnungskonzerts des "Schwarzwald Musikfestivals" (SMF) am Freitag in der Freudenstädter Stadtkirche eine Uraufführung erleben.

Der junge Komponist Fabian Joosten – Vater Arndt Joosten hatte bereits beim ersten SMF als Musiker mitgewirkt – ließ sich von seinen Kindheitserinnerungen zu einer symphonischen Dichtung inspirieren. Bereits als Kind habe ihn, so Joosten in der Konzerteinführung, bei Urlauben am Schluchsee die engste Stelle des Schwarzwälder Höllentals, der Hirschsprung, fasziniert. Vor allem die Sage vom Hirschsprung hatte es ihm damals angetan.

Der Legende nach entkam einst ein prächtiger Hirsch seinem Jäger, indem er in Todesangst mit einem gewaltigen Satz über diese Schlucht sprang. Der Jäger sprang hinterher, und damit in seinen eigenen Tod.

Aus dieser Vorlage komponierte Joosten eine symphonische Dichtung. Im ersten Bild seines Werks beschreibt er musikalisch diesen Jäger, ein Ritter der Burg Falkenstein; geheimnisvoll, laut und gewaltig. Zu hören sind Fanfaren und trabende Pferde. Völlig anders stellt er demgegenüber den majestätischen Hirsch dar. Dieser verkörpert die Natur, die Szene wirkt ruhig und angenehm. Bei einem grandiosen Violinsolo sieht man den Hirsch, ein wunderbares Geschöpf, förmlich durch sein Revier schreiten. Doch dann beginnt die Jagd. Laute Pauken ertönen, Röhrenglocken schallen, das Halali erklingt. Der Spannungsbogen bleibt bis zum Sprung erhalten, den der Hirsch schließlich mit ganzem Körpereinsatz schafft.

Komposition in Pandemie

Joosten hatte sein Werk während der Corona-Zeit komponiert. Der Uraufführung voraus gingen intensive Orchesterproben. Er sei sehr angespannt gewesen, wie sein Werk beim Publikum ankommt. Wie die vielen begeisterten Rückmeldungen bewiesen, konnte der junge Künstler mit dem Ergebnis mehr als zufrieden sein. Wurde ihm da doch bescheinigt, man habe den Hirsch buchstäblich über die Höllenschlucht springen sehen und sei erleichtert, dass er es geschafft habe.