Zwei voll besetzte Kirchenschiffe belohnen mit minutenlang stehendem Applaus das mutige Eröffnungskonzert des Schwarzwald Musikfestivals.
Nicht enden wollende Standing Ovations, Bravorufe, anerkennende Pfiffe, Begeisterung, Blumen und Künstler, die sich glücklich in die Arme fallen. Sehr viel besser kann ein Musikfestival kaum eröffnet werden. Doch genau so war es am Freitagabend in der ausverkauften Stadtkirche in Freudenstadt zum Start des 28. Schwarzwald Musikfestivals.
Das Konzert wurde über das Wochenende noch zweimal wiederholt: am Samstag in der mächtigen Stadtkirche in Schiltach und am Sonntagabend in der Trinkhalle in Bad Wildbad, jeweils vor großem Publikum.
In seinen knapp 30 Jahren hat sich das Schwarzwald Musikfestival den Ruf erworben, ganz schön frech und experimentierfreudig zu sein, auch mal neue Wege zu gehen. Dabei spannt Intendant Mark Mast gerne zwei extrem gegenläufige Musikstile – wiederholt auch aus verschiedenen Epochen – in ein Programm zusammen, um daraus Parallelen zwischen beiden heraus zu arbeiten. Diesmal hat er es toll getrieben.
240 Jahre nach Vivaldi
Den „Le quattro stagioni“ (Die vier Jahreszeiten) von Antonio Vivaldi, eines der meist gespielten klassischen Musikstücke aus dem Barock, stellte er „La Cuatro Estaciones Portenas“ (Die vier Jahreszeiten) entgegen, die der Argentinier Astor Piazzolla 240 Jahre nach Vivaldi komponiert hat. Piazzolla (1921 bis 1992) gilt als Begründer des Tango Nuevo, der den klassischen Tango mit Mitteln des Jazz zu konzertanten Musik erweitert hat. In seinen um 1930 komponierten „Jahreszeiten“ greift er direkt auf Vivaldis Vorbild zurück.
Und als ob das noch nicht genug gewagt sei, baute Mast ins Programm noch Robeat (Jahrgang 1989) ein, den mehrfach ausgezeichneten Mundwerker und Soundeffekt-Künstler, der Musik mit Mund, Stimme und Mikrofon macht und schon mehrfach im Festival zu hören war.
Die vier Jahreszeiten beider Komponisten
„Heute hören Sie etwas, das hat die Welt noch nie gehört“, stimmte Mast seine Zuhörer in der stark besuchten musikalischen Einführung vor dem Konzert ein. Dabei stellte er Werke und Sologeiger Tassilo Probst vor, garniert von persönlichen Anekdoten.
Das 2007 von Mast gegründete, mit hervorragenden Solisten gespickte Kammerorchester der Bayerischen Philharmonie spielte die vier Jahreszeiten beider Komponisten abwechselnd unter dem einfühlenden und dynamischen Dirigat von Mark Mast.
Das Orchester legte Vivaldis „Frühling“ schwebend-luftig, fast tänzerisch an. Dann schienen sich Saiten und Geigenhälse im Orchester störrisch zu wehren, als nach nur kurzer Pause auf den flüsternd ausgehauchten italienischen Frühling ein praller, schwüler, heißer argentinischer Sommer mit schrägen, harten, schrillen Geigenstrichen und Rhythmen folgte. Welch ein Gegensatz.
Schunkelnder Bauerntanz
Das Orchester meisterte dies mit professioneller Souveränität, engagiert in den leidenschaftlichen Passagen des verjazzten Tango ebenso überzeugend wie traumverloren in der flimmernden Hitze des Sommers von Vivaldi oder lustvoll in dessen schunkelndem Bauerntanz beim Erntefest.
Der junge, mehrfach ausgezeichnete Geigensolist Tassilo Probst (Jahrgang 2002) war schnell Liebling des Publikums. Er erinnert mit seinem energischen kompromisslosen Strich gelegentlich an Nigel Kennedy, entwickelte aber seine ganze Virtuosität in gefühlsgeladenen, zarten Klangbildern.
Kunst an Mundakrobatik
Weit mehr als ein musikalisches Augenzwinkern steuerte Robeat mit seiner fantastischen Kunst an Mundakrobatik bei. Seine akustischen Einwürfe wirkten zunächst verblüffend, fast störend, wuchsen sich dann als bereichernd und wertvoll aus. Ein durchaus gelungenes Experiment.
Nach sieben musikalisch erlebnisreichen Jahreszeiten entließ ein filigraner Tango-Frühling von Piazzolla das Publikum in die Freudenstädter Frühlingsnacht. Für den herzlichen Applaus bedankten sich die beiden jungen Solisten mit atemberaubenden Kabinettstücken. Als Robeat sein Solo beendete, meinte man, er habe ein ganzes Schlagzeug im Bauch.
Weiterer Festival-Spielort denkbar
Jetzt auch Pforzheim
Regionale Prominenz aus Politik und Gesellschaft, langjährige Partner und wertvolle Sponsoren begrüßte Julian Osswald zur Eröffnung des Schwarzwald Musikfestivals 2026. Osswald, Aufsichtsratsvorsitzender der Schwarzwald Musikfestival gGmbH und früher Oberbürgermeister in Freudenstadt, tat dies bereits zum 15. Mal. Das Festival sah er als mutige Reise durch die Region: „Wir schaffen Exzellenz für den ländlichen Raum“, meinte er überzeugt. Diese Exzellenz wird wohl auch demnächst aus der Nachbarschaft strahlen. Die Anwesenheit von Tobias Volle, Oberbürgermeister in Pforzheim, wertete Osswald als gutes Zeichen dafür, dass das langjährige Werben um Pforzheim als weiteren Festival-Spielort wohl von Erfolg beschieden sei.
Tickets
Das Schwarzwald Musikfestival bietet bis 25. Mai noch zahlreiche Konzerte an einem guten Dutzend von Spielorten in der Region. Weitere Auskünfte, Spielpläne und Kartenvorbestellungen: www.schwarzwald-musikfestival.de.