Geschichten jenseits des Bollenhut-Klischees erzählt Rudolf Schlenker in seinem neuen Schwarzwaldbuch. Foto: Silberburg-Verlag

Autor Rolf Schlenker spürt mit seinem Buch "Geheimnisvoller Schwarzwald" Besonderheiten der Region nach. Und Kuriositäten.

Kreis Freudenstadt - Zwar ist der Schwarzwald ein Mittelgebirge. Aber in dieser Region ist so gut wie nichts "mittel". Das sagt der Autor Rolf Schlenker im Vorwort seines Buches "Geheimnisvoller Schwarzwald". Den Schwarzwald betrachtet der Journalist, Autor und Fernsehredakteur als "einen faszinierenden Mix aus Abgeschiedenheit und Weltläufigkeit". Und wie zum Beweis dessen spürt er in 19 Geschichten und weiter ausholenden Anekdoten Besonderheiten des Landstrichs nach.

Gratis-Mokka jedes Jahr am 11. Juli

Das reich bebilderte Werk führt dem Lesepublikum sowohl Bekanntes, Vergessenes als auch bislang kaum Beachtetes vor Augen, und das in einem ebenso mitunter saloppen wie ernsthaften unterhaltsamen Erzählstil, der Lust darauf weckt, von Kapitel zu Kapitel lesend fortzuschreiten. Mit Schlagwörtern wie "Fememord im Schwarzwald", "Lynchmord und Skigaudi", "höchstes Bildungsniveau", "weißer Tod" oder "Hexenzauber" – um nur einige Inhalte aufzulisten – wird die Richtung vorgegeben.

Von besonderem Interesse für die Leserschaft im Nordschwarzwald dürften Geschichten und Porträts sein wie beispielsweise jene, die Rolf Schlenker mit "Warum es am Euting-Grab immer am 11. Juli kostenlos Mokka gibt" betitelt hat. Kennern ist der Sachverhalt natürlich geläufig – der 11. Juli ist der Geburtstag Eutings. Aber der Autor vermittelt in lockerer Diktion nicht nur Fakten um das "Sechzehnsprachenmännle" Julius Euting (1839 bis 1913), sondern steigt darüber hinaus ein in die Persönlichkeit des Wissenschaftlers, Forschungsreisenden, Förderers des Schwarzwaldvereins und leidenschaftlichen Mokka-Genießers. Sein Grab auf etwa 1000 Metern über dem Meeresspiegel im Wald zwischen Darmstädter Hütte und Ruhestein wird einmal im Jahr zur Pilgerstätte, nämlich am 11. Juli zwischen 14.30 und 17 Uhr, wenn die Euting-Gesellschaft zum Gedenken an den Orientalisten und zur Erfüllung von dessen testamentarischer Bestimmung Mokka ausgibt.

"Flaschnerkarle" staunt

In einem größer angelegten Aufsatz greift Schlenker Adolf Hitlers achttägige Stippvisite im Sommer 1940 auf dem Kniebis auf: "Tannenberg", das Schwarzwälder "Führerhauptquartier". Hitler besuchte unter anderem Freiburg, Freudenstadt und Oppenau und empfing hochrangige Besucher aus seinem Nazi-Führungsstab. Weniger bekannt dürfte eine Äußerung des "Flaschnerskarle" aus dem Dorf Kniebis gegenüber seinem Helfer sein. Der Meister war zu einer Reparatur des Führer-Waschbeckens gerufen worden und staunte über die asketische Ausstattung: "I han älleweil glaubt, dem seine Sache seie älle aus Gold." Was er zu sehen bekam, erschöpfte sich in Billigrasierer, Schmuddelwaschlappen und Zahnbürste mit Haarausfall.

Schlenker verdankt diese Anekdote dem Bad Rippoldsauer Historiker Ralf Bernd Herden. Im Übrigen hat sich auch unter anderem der Heimatgeschichtler Friedrich Wein aus Horb Verdienste um die Erforschung der regionalen ehemaligen Wehranlagen erworben.

"Die Story der Schwarzwaldhochstraße" ist Anlass für eine Zeitreise, die im Jahr 1896 beginnt. Hoch gelegen und "mit vielen Tiefs belastet", ist die heutige B 500 mit ihrer Entstehungsgeschichte ein Paradebeispiel für Aufstieg und Niedergang des sie umgebenden Tourismus. "Der Nordschwarzwald war ein place to be im späten 19. und beginnenden 20. Jahrhundert", stellt Rolf Schlenker fest. Das Schicksal des Kurhauses Hundseck, vormals einer "Perle in einer ganzen Kette von mondänen Absteigen", zeigt nicht nur die Bedeutung des Hauses auf touristischem Gebiet, sondern auch seine Funktion zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs.

Tolle Panoramastrecke

Mit der Machtergreifung Hitlers wurde die Schwarzwaldhochstraße als Teil des Westwalls in die Kriegspläne der Nazis aufgenommen. Als Zubringerin zu touristischen Zielen, Skigebieten und Wanderrevieren genießt sie heute hohe Anziehungskraft. Die 60 Kilometer lange Strecke zwischen Baden-Baden und Freudenstadt gehört, so Schlenker, "immer noch zu den schönsten Panoramastrecken Deutschlands". Links und rechts davon, so fügt er allerdings hinzu, sei "kaum etwas mehr so, wie es einmal war. Zumindest im Hinblick auf die militärischen Anlagen kann man sagen: Gott sei Dank."