Seit dem 1. Oktober gehen 75 Arbeitslose einen anderen Weg zum Berufsziel "Erzieherin". Foto: dapd

Zwei Fliegen mit einer Klappe: Arbeitslose begegnen Fachkräftemangel. Qualifizierungsmodell.

Schwarzwald-Baar-Kreis - Der Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz für unter Dreijährige kann in ihren Augen kommen: Auf ganz eigenen Wegen begegnet man in den Landkreisen Schwarzwald-Baar, Rottweil, Lörrach und Pforzheim dem drohenden Fachkräftemangel unter den Erziehern.

 

Es muss nicht immer die insgesamt vierjährige Ausbildung sein, aus der das Fachpersonal hervorgeht. Seit dem 1. Oktober gehen 75 Arbeitslose einen anderen Weg zum Berufsziel "Erzieherin": Sie bereiten sich in speziellen Kursen eines Qualifizierungsmodells bei der Stiftung Lernen-Fördern-Arbeiten auf die Schulfremdenprüfung für Erzieher vor. Diese Prüfung sei gleichzusetzen mit der, die "normale" Auszubildende beschreiten. Am Ende seien die (noch) Arbeitslosen keineswegs Erzieherinnen zweiter Klasse, betont Sandra Bandholz, Geschäftsführerin der Stiftung Lernen-Fördern-Arbeiten.

Viele der Teilnehmerinnen seien alleinerziehend

Sie seien diesen absolut gleichzusetzen, müssten nach dem Abschluss ebenfalls ein Anerkennungsjahr absolvieren, und seien für Träger der Kindergärten und -tagesstätten im Sinne einer guten Mischung des Personalsattraktiv: Viele der Teilnehmerinnen seien alleinerziehend und hätten als solche viel Erfahrung in der Kindererziehung.

Die Stiftung treibt das ungewöhnliche Programm gemeinsam mit der Agentur für Arbeit Rottweil-Villingen-Schwenningen, den Jobcentern beider Landkreise sowie der Albert-Schweitzer-Schule Villingen-Schwenningen voran, nachdem in Pforzheim ein ähnliches Modell entdeckt worden ist. "Wir wussten nicht: können wir Teilnehmerinnen überhaupt für eine solche Idee gewinnen?", schilderte Bandholz. Später zeigte sich: Sie konnten – und zwar mehr als gedacht. Von 16 bis 18 Teilnehmern pro Kurs ging man aus, jetzt sind es 24 in Villingen-Schwenningen und jeweils nochmals so viele in Pforzheim und Lörrach, darunter auch zwei Männer.

"Agentur und Jobcenter vereint", freute sich die Agenturchefin aus Villingen-Schwenningen, Erika Faust, dennoch sei es für alle eine Kraftanstrengung gewesen. Etwa 70 Gespräche mit potenziellen Teilnehmern seien geführt worden, ehe die 24 Plätze in VS belegt waren. 18 Monate lang drücken die Frauen jetzt die Schulbank, und das, obwohl der "Wunsch nach Verdienst" sich in dieser ersten Weiterbildungsphase nicht gleich erfüllen lasse, lobte Thomas Dautel, Geschäftsführer des Jobcenters VS. Schon deshalb sei man zuversichtlich, dass die Frauen so motiviert sind, dass sie die 18-monatige Weiterbildung durchziehen. "Wenn man so etwas leistet, muss man viel Einsatz bringen und ein hohes Interesse am Berufsbild", glaubt Jasmin Springmann vom Jobcenter Rottweil.

Ist das Konzept eine Eintagsfliege, um auf einen Schwung mehrere Arbeitslose unterzubringen – darunter auch einige "Schleckerfrauen"? Das wird sich zeigen, "wir müssen sehen, wie der Bedarf in Zukunft ist", sagt Bandholz für die Stiftung Lernen-Fördern-Arbeiten. Agenturchefin Faust setzt hinzu: "Wir werden auf die Integrationshöhe schauen. Wenn von 24 Frauen 22 unterkommen, hat es sich gelohnt."

In zweierlei Hinsicht aber drückt der Schuh die Beteiligten trotz der Freude über das innovative Projekt: Die Albert-Schweitzer-Schule, so Schulleiterin Barbara Hendricks-Kaiser, nehme die Prüfungen ab und tue das gerne, aber sie erhalte dafür keinerlei Bezahlung. Und das, was Erika Faust auf dem Herzen hat, dürfte auch künftigen Erziehern der Maßnahme schwer im Magen liegen: Etwa 50 Prozent der Erzieher-Stellen tauchen in den Agentur-Angeboten gar nicht erst auf, sondern würden intern bekannt gegeben. "Man muss viel Energie investieren in das Absolventenmanagement", glaubt daher auch Peter Schuster, Geschäftsführer des Jobcenters im Kreis Rottweil.