Die Polizei würde niemals unter der Telefonnummer 110 anrufen. Foto: Pixabay

Falsche Polizeibeamte operieren im Ausland. Delikte von 355 auf 2300 gestiegen.

Schwarzwald-Baar-Kreis - Die Täter suchen gezielt im Telefonbuch nach altdeutschen Vornamen. Die mutmaßlichen Senioren werden dann angerufen und so unter Druck gesetzt, dass sie Betrügern hohe Geldbeträge aushändigen.

Max Bammert vom Weißen Ring Schwarzwald-Baar weiß ein Beispiel: Eine ältere Dame aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis bekam beängstigende Telefonanrufe. Ihr Geld wäre auf der Bank nicht sicher. Sie solle es statt dessen den Anrufern aushändigen, die sich als Polizeibeamte ausgaben und tatsächlich im Polizeijargon, oder was man sich darunter vorstellt, sprachen.

"Die Polizei würde niemals unter der Telefonnummer 110 anrufen", sagt Tobias Weiler, seit Juni 2018 Leiter der Zentralen Ermittlungsgruppe Senioren beim Polizeipräsidium Tuttlingen. Die Ermittler wollen speziell Straftaten zu Lasten alter Menschen aufklären. Spezialeinheiten dieser Art sind im gesamten Bundesgebiet gebildet worden. "Wir stehen in regelmäßigem Austausch", sagt der Ermittler. Denn die Tricks sind überall gleich. Und die Täter sitzen in Callcentern im Ausland

Delikte von 355 auf 2300 gestiegen

Betrugsfälle, bei denen betagte Mitbürger Opfer von raffinierten Betrügern werden, haben stark zugenommen. In Baden-Württemberg stiegen Delikte dieser Art von 355 im Jahr 2016 auf 2300 ein Jahr später, sagt Michael Göbel vom Referat Einbruchsschutz beim Polizeipräsidium Tuttlingen. Vor allem Senioren haben falsche Polizeibeamte im Visier. Mit der scheinbaren Autorität der Polizei wiegen sie die betagten Mitbürger im Glauben, ihnen gelte die spezielle Sorge der Ordnungshüter. Wie bei dem Paradebeispiel der betagten Dame, die stundenlang angerufen wurde und schließlich sogar die Nummern der Geldscheine durchgeben sollte. Gerade das überzeugte sie, tatsächlich mit Polizeibeamten zu sprechen. Und schließlich händigte sie gegen Abend einem Boten den sechstelligen Betrag aus. Erst fünf Minuten später rief sie die Polizei an. Der Bote wurde gefasst. Das Geld ist weg, längst ins Ausland transferiert, wo die Drahtzieher und Callcenter sitzen.

Der Weiße Ring im Schwarzwald-Baar-Kreis hat den Tag des Kriminalitätsopfers am 22. März bewusst den Senioren gewidmet, die Opfer von Verbrechen werden. "Ältere haben höhere Vermögenswerte", weiß Jochen Link, Leiter der Außenstelle im Kreis einen Grund. Ein weiterer ist, dass ältere Menschen leichter überrumpelt werden können. "Und sie schämen sich, wenn sie überrumpelt worden sind", sagt Link. Unter anderem durch sogenannte "Enkeltricks".

Der Schaden, der durch falsche Polizeibeamte im Jahr 2018 so entstanden sei, liege bundesweit bei 100 Millionen Euro. Die Vereinsamung spiele eine Rolle, sagt Michael Göbel. Die Senioren seien erfreut über freundliche Anrufer, die Zeit hätten, mit ihnen zu sprechen. Die Taten gibt es auch im kleinstädtischen oder ländlichen Bereich. "Ab dem Zeitpunkt, wo der Senior angebissen hat, versuchen die Täter, das zuhalten und rufen immer wieder an", berichtet Tobias Weiler.

Täter gehen psychologisch raffiniert vor

Es empfehle sich ein Eintrag ins Telefonbuch nur mit Abkürzung des Vornamens. Am besten werden sogar zwei Personen eingetragen. Und ein Anrufbeantworter sollte eingeschaltet sein. "Lassen Sie sich am Telefon nicht unter Druck setzen. Legen Sie sofort den Hörer auf", rät die Polizei, die niemals Schmuck, Geld oder Wertgegenstände abholen würde. "Wir sind auf die Mithilfe der Bürger angewiesen. Mitarbeiter von Banken und Taxifahrer zum Beispiel sollten uns informieren, wenn sie Verdacht schöpfen, weil Senioren ihr ganzes Vermögen abholen wollen."

Auch an der Haustür versuchen falsche Handwerker, Polizeibeamte und Stromableser, sich Zutritt zu den Wohnungen zu verschaffen und die Senioren um ihre Werte zu erleichtern. Gleiches gilt für falsche Gewinnversprechen. "Wenn Sie an keiner Lotterie teilgenommen haben, können sie auch nicht gewonnen haben", sagt Michael Göbel. Keinesfalls sollte man Geld ausgeben, um den angeblichen Gewinn abzuholen. Weder sollen gebührenpflichtige Sondernummern angerufen noch irgendwelche Zusagen gemacht werden. Die Nummer 110 sollte man aber sofort anrufen, wenn man sich von raffinierten Kriminellen unter Druck gesetzt fühlt.

Bei den Tätern handelt es sich um Deutsche oder sehr gut deutsch sprechende Personen, die psychologisch sehr raffiniert vorgehen. Tobias Weiler ist zuversichtlich, auch den Drahtziehern im Ausland auf die Spur zu kommen.

Weitere Informationen: Referat Prävention, Standort VS, Waldstraße 10/1. Telefon 07721/60 12 52 oder -253,. Referat Prävention Tuttlingen, Telefon 0741/94 11 52

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