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Schwarzwald-Baar-Kreis 99 Tage Mafia-Prozess: eine Bilanz

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Deutsche und italienische Behörden im Juli 2017 bei einer Pressekonferenz. Der eigentliche Prozess startete erst ein Jahr später. Foto: Marc Eich

Schwarzwald-Baar-Kreis - 19 Monate lang verhandelte das Landgericht Konstanz gegen neun Angeklagte einer Bande von italienischen Drogenhändlern aus dem Kreisgebiet. Wann flog die Bande auf? Wie lief der sogenannte Mafia-Prozess? Wer waren die Haupttäter? Und warum wurde der Verteidigung feindseliges Agieren vorgeworfen? All das erfahren Sie in unserem (SB+)-Artikel.

Über viele Monate hinweg beschäftigten die Machenschaften der mittlerweile verurteilten Verbrecher, denen Verbindungen zur italienischen Mafia nachgesagt wurde, die Ermittlungsbehörden.

Die Chronik

Bereits ab Oktober 2013 hatte sich Nicolo M. dazu entschlossen, Drogen zu verkaufen, um sich – so die Staatsanwaltschaft – "eine fortlaufende Einnahmequelle von einiger Dauer und einigem Umfang zu verschaffen". Auch Giovambattista S. stieg voraussichtlich im November 2015 in den Rauschgifthandel ein. Für Juni 2016 kann Placido A. ein Waffenschmuggel von Deutschland in sein Heimatland nach Italien nachgewiesen werden. Laut Staatsanwaltschaft sei man schließlich im November 2016 über eingekommen, als Bande zu agieren. Zu diesem Zeitpunkt wurde auch die Polizei auf das Agieren der Drogenhändler aufmerksam. Die polizeiliche Operation erhielt den Namen "Safran" – angelehnt an das Restaurant von Placido A. in Villingen-Schwenningen: "Il Zafferano". Im großen Stil sollten mit Betäubungsmittel im Großraum Villingen-Schwenningen und Donaueschingen gedealt werden. Dazu baute sich das Trio ein Netzwerk aus italienischstämmigen Zwischenhändlern auf, die in der Region den Stoff unters Volk brachten. Im Fokus stand dabei insbesondere Marihuana, teilweise aber auch Kokain. Die Betäubungsmittel schmuggelte man dabei unter anderem von Italien nach Deutschland. Zwischenzeitlich waren aber auch größere Kokain-Lieferungen aus Holland geplant. Unter anderem soll mit 440 Kilogramm Marihuana und Haschisch gedealt worden sein.

Am 27. Mai 2017 kam es dabei zu einer der brutalsten Handlungen im Zuge der Machenschaften der Bande. Dabei hatte sich Nicolo M. gegen 5 Uhr zu einer Kneipe in Hüfingen chauffieren und einen Revolver reichen lassen, um anschließend über den Fahrer gebeugt insgesamt fünf Schüsse auf den Innenraum abzugeben. In diesem saß neben dem Wirt auch noch ein weiterer Gast. Beide kamen mit dem Schrecken davon. Mit dem Anschlag sollten Verleumdungen gegen seinen 27-jährigen Sohn im Zusammenhang mit den Drogengeschäften geahndet werden. Im Juni 2017, so ist sich die Staatsanwaltschaft sicher, stand darüber hinaus ein bewaffneter Überfall auf einen Juwelier in Verona auf dem Plan der Bande. A. und M. hätten demnach beschlossen, mit drei weiteren Beteiligten das Geschäft zu überfallen, um eine Beute von schätzungsweise fünf bis sechs Millionen Euro zu ergaunern. Das Eingreifen der italienischen Polizei in Zusammenarbeit mit den deutschen Behörden verhinderte diese Tat.

Am 21. Juni 2017 flog die gesamte Bande schließlich auf. In mehreren Orten im Schwarzwald-Baar-Kreis sowie im Landkreis Rottweil nahmen Spezialkräfte der deutschen Polizei in Zusammenarbeit mit italienischen Behörden sowie Beamte der Steuerfahndung und des Zolls 17 Tatverdächtige fest. Auch in Italien kam es zu Durchsuchungen. Dabei stellte die Polizei Drogen, Bargeld, Fahrzeuge und Schusswaffen sicher. Videoaufnahmen der "Guarda Di Finanza Palermo", die in Italien ausgestrahlt wurden, zeigten dabei eindrucksvoll die Maßnahmen der schwer bewaffneten Spezialkräfte. Insgesamt durchsuchte die Polizei 30 Objekte gleichzeitig.

Am 4. Juli 2017 äußerten sich die Behörden erstmals in Deutschland im Rahmen einer Pressekonferenz zu dem Schlag gegen die international agierende Drogenbande. Zuvor kam es zu einer Pressekonferenz in Italien, bei der die Ermittlungserfolge präsentiert wurden. Bei beiden Gelegenheiten zeigten die Behörden auf, dass von einer Verbindung zum weltweit agierenden Mafia-Zweig Casa Nostra ausgegangen wird. Am 14. und 16. August 2018 verhandelte das Landgericht Konstanz bereits gegen zwei Drogenhändler der Bande, die in Villingen-Schwenningen agierten und deren Verfahren vom Mammut-Prozess abgetrennt wurde. Beide verurteilte das Landgericht zu Haftstrafen, sie kamen aufgrund deren Aussagen als Kronzeugen gegen die Köpfe des Drogenhändlerrings aber mit einem blauen Auge davon.

Unter strengen Sicherheitsvorkehrungen begann am 21. September 2018 schließlich der Mammut-Prozess gegen neun Angeklagte. Da beim zuständigen Landgericht Konstanz keine Räumlichkeiten zur Verfügung standen, wurden die ersten beiden Sitzungstage im Landgericht Karlsruhe abgehalten. Anschließend stand ein Umzug in extra eingerichtete Räume der ehemaligen Siemens-Kantine in Konstanz auf dem Plan. Während der 99 Verhandlungstage wurden zahlreiche Beweismittel in das Verfahren eingeführt – darunter auch fünf Monate lang Abhörprotokolle, die von den Übersetzerinnen aus dem Italienischen ins Deutsche übersetzt werden mussten.

Die Verteidigung der meisten Angeklagten wurden dabei nicht müde, immer wieder Nebenkriegsschauplätze zu eröffnen, um für Verfahrensfehler und Verwirrung zu sorgen. Nicht selten prasselten zahlreiche Anträge auf das Gericht nieder, während Zeugen, Polizeibeamte oder Gutachter als voreingenommen betitelt wurden. Nach und nach trennte das Landgericht zunächst die Verfahren von mehreren Angeklagten, die insbesondere als Nebenfiguren galten, ab oder führte sie vorzeitig zu Ende.

Am 28. Mai 2019 kam es im Zuge der Beweisführung zu einem Vor-Ort-Termin mit den Angeklagten bei der beschossenen Kneipe in Hüfingen. Dabei sollte insbesondere festgestellt werden, ob der Angeklagte Nicolo M. erkennen konnte, dass in dem Gastraum Licht brannte und der Anschlag damit als versuchter Mord gewertet werden kann.

In einer vorläufigen Einschätzung am 15. August 2019 wurden die Weichen für einen Deal zwischen Staatsanwaltschaft, Gericht und Verteidigung gestellt. Für die verbliebenen sechs Angeklagten gaben die Richter eine vorläufige Einschätzung hinsichtlich der möglichen Strafe. Dabei trennte man auch das Verfahren gegen Nicolo M. und seinen Sohn Giacomo ab, die sich nicht geständig zeigten.

Nachdem die Plädoyers gesprochen wurden, kam es am 25. September 2019 – der 73. Verhandlungstag – zur Verurteilung von Placido A. (acht Jahre und zehn Monate), einem der Köpfe der Bande, Giovambattista S. (acht Jahre und drei Monate) als weitere Führungsfigur sowie zwei weiteren Mitgliedern der Bande (zwischen sechseinhalb und sieben Jahre).

Weitere 26 Verhandlungstage dauerte es, bis am 20. April 2020 Nicolo M. (neun Jahre) und sein Sohn Giacomo (zwei Jahre und fünf Monate) verurteilt wurden. Es ist das Ende des Mammut-Prozesses.

Die Täter

Placido A., 54 Jahre alt, Tuningen: Der Gastronom, der in Rottweil und Villingen-Schwenningen Restaurants führte, war einer der schillernsten Figuren des Prozesses. Aufgrund seiner öffentlichkeitswirksamen Tätigkeit in der Stadiongaststätte in Rottweil, geriet er schnell in den Fokus.

Am Anfang des Prozesses genoss er dabei sichtlich die Aufmerksamkeit, die ihm zuteil wurde. Lächelnd und in die Kameras winkend präsentierte er sich gegenüber der Medien. Über seinen Verteidiger ließ er verlauten, dass man seinen vollständigen Namen und sein unverpixeltes Gesicht in der Zeitung zeigen könne. Denn sobald er wieder auf freiem Fuß sei, möchte er die Artikel in seinem Restaurant aufhängen. Seine Verteidiger präsentierten sich beim Prozessauftakt siegessicher. So war die Rede davon, dass A. ein "unbescholtener Pizzabäcker" sei und mit den Straftaten nichts zu tun hätte.

Im Laufe des Prozesses war es jedoch der 54-Jährige, der recht schnell zugab, mit nicht unerheblichen Mengen Drogen gehandelt zu haben. Klar wurde auch, dass er seinen Neffen (verurteilt zu zwei Jahren auf Bewährung) mit in die Geschäfte hineinzog. Letztendlich konnte ihm anhand des Prozesses nicht nur nachgewiesen werden, dass er mit über 140 Kilogramm Marihuana und Haschisch sowie zwei Kilogramm Kokain gedealt hatte, sondern dass er – wie bereits vermutet – einer der Köpfe der Bande war. Laut Gericht sei er der "Mann der Tat" gewesen, der auch Beschaffungsfahrten organisierte.

A. zeigte sich am Ende des Prozesses erleichtert und schimpfte gar gegen Nicolo M. und Giovambattista S., die sich wenig kooperativ zeigten. Das Gericht rechnete ihm die frühen Angaben zu den Taten an und verurteilte ihn zu einer Haftstrafe von acht Jahren und zehn Monaten.

Nicolo M., 51 Jahre alt, Donaueschingen: Als ehrlicher Geschäftsmann, der sein Geld mit dem Aufstellen von Spielautomaten und dem Vermieten von Gaststätten verdiente, stellte sich M. dar. Doch während des Prozesses konnte ein gänzlich anderes Bild von ihm gezeichnet werden.

Denn M. war derjenige der Bande, der vor teils brutalem Vorgehen nicht zurückschreckte. Im Rahmen einer Auseinandersetzung in einem Club in Donaueschingen schlug er – nachdem ihm der Zutritt verwehrt wurde – sowohl einem Gast, als auch der Wirtin mit der Faust ins Gesicht. Er ist zudem für Schüsse auf eine Kneipe in Hüfingen veranwortlich. Den Gastwirt bedrohte er zuvor mit dem Satz: "Ihr werdet nicht mehr ruhig schlafen können, bis ihr im Blut badet."

Abgesehen von der Tatsache, dass sich M. bis zum Ende des Prozesses nicht geständig zeigte, machte er vor allem durch seine gesundheitliche Lage auf sich aufmerksam. Häufige Schwindelanfälle und Kopfschmerzen wurden vorgebracht und sorgten immer wieder für Unterbrechungen.

Das Gericht spricht ihm die Rolle des Organisators und Mitveranwortlichen zu und verurteilte ihn zur höchsten Haftstrafe aller Angeklagten: neun Jahre. Auch sein Sohn Giacomo (27) wurde im Rahmen des Prozesses zu einer Haftstrafe verurteilt.

Giovambattista S., 51 Jahre alt, Donaueschingen: Überaus unauffällig präsentierte sich der Gastwirt eines italienischen Restaurants in Donaueschingen vor dem Landgericht. Er zählte als Handlanger aber wichtiges Bindeglied der Bande – hierarchisch jedoch unter A. und M. angesiedelt.

Er wurde vom Gericht für den Verkauf von 160 Kilogramm Rauschgift verantwortlich gemacht. S. handelte wohl insbesondere aufgrund von finanziellen Schwierigkeiten, hatte zudem mit Suchtproblemen zu kämpfen. Er wurde aus der Therapie heraus verhaftet. Das Gericht verurteilte ihn zu einer Haftstrafe von acht Jahren und drei Monaten.

Die juristischen Protagonisten

Joachim Speiermann, Oberstaatsanwalt: Im Verfahren "Safran" ist Joachim Speiermann das Gesicht der Strafverfolgungsbehörde. Er trat bei den Pressekonferenzen in Italien und Deutschland nach der Festnahme der Bandenmitglieder auf und fand gleich von Anfang an deutliche Worte für die Taten des Drogenhändlerrings: "Es wurde vor nichts zurück geschreckt."

Während des Prozesses nahm Speiermann insbesondere gegenüber der Verteidigung kein Blatt vor den Mund. Als der Neffe von Placido A. verurteilt wurde, warf er deren Anwälten vor, mit der Verzögerungstaktik die Teilnahme des Angeklagten am Mammutprozess unnötig in die Länge gezogen zu haben. "So eine Verteidigung ist mir in den vergangenen 30 Jahren nicht unter gekommen", polterte damals Speiermann. Er rechnete aus, dass dem Angeklagten damit zusätzliche und unnötige Anwaltskosten in Höhe von 30.000 Euro in Rechnung gestellt wurden.

Während er beweisen konnte, dass es sich bei den Angeklagten nicht – wie anfangs von der Gegenseite vorgebracht – um "unbescholtene Pizzabäcker" handelte, sei es der Verteidigung hingegen immer nur darum gegangen, "das Gericht lahmzulegen"; und zwar mit Hilfe von zahlreichen Anträgen, die eingereicht wurden. Speiermann musste aufgrund der Länge des Prozesses gar seine Pension verschieben – ursprünglich habe sich der 62-Jährige bereits Anfang April von der Staatsanwaltschaft verabschieden wollen. Dies tat er jetzt drei Wochen später.

Arno Hornstein, Vorsitzender Richter: Kaum etwas konnte Hornstein während des Prozesses aus der Fassung bringen. Mit Ruhe, Geduld, Übersicht und einer Portion Gelassenheit, ohne dabei despektierlich zu wirken, meisterte er den Mammutprozess auf eindrucksvolle Art und Weise.

Auch die Verteidiger zollten Hornstein sowie der Kammer – insbesondere für seine Vorgehensweise, einen Zwischenstand für die verbliebenen Angeklagten zu geben – Respekt. Ein "mir stinkt es, dass man hier solche Sprüche loslässt!" gegenüber Staatsanwalt Joachim Speiermann konnte er sich aber nicht verkneifen, als dieser mehrere Taten, die im Sinne der "Prozessökonomie" eigentlich nicht mehr in eine Verurteilung einfließen sollten, berücksichtigt haben wollte.

Selbst die Mutter des Vorsitzenden Richters schaute beim Prozess vorbei um zu schauen, wie sich ihr Sohnemann schlägt.

Bernd Behnke, Strafverteidiger: Der 75-jährige Anwalt aus Löffingen verteidigte den Hauptangeklagten Nicolo M. und suchte immer wieder die direkte Konfrontation mit Kammer und Staatsanwaltschaft. "Es wird sich herausstellen, dass vieles aus der Anklage falsch ist", echauffierte er sich gleich zu Beginn des Prozesses.

Und: Er drohte mit Strafanzeige wegen unterlassene Hilfeleistung gegen die Bediensteten der JVA seines Mandanten, die seine "gesundheitliche Situation ruiniert" hätten. Behnke wurde nicht müde, Zeugen und Polizisten zu diskreditieren und zog damit selbst den Zorn seiner Verteidigerkollegen auf sich. So wurde ihm "feindseliges Agieren" vorgeworfen.

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