Wie weit gehen Menschen, um geliebt zu werden, fragt Bruno Klimek in seiner Inszenierung der dunklen Komödie „Das Maß der Dinge“ am Theater der Altstadt.
Vokuhila, Kassenbrillengestell, die olle Cordjacke vom Flohmarkt und mindestens fünfzehn Kilo zu viel auf den Rippen: Das Äußere des Literaturstudenten Adam ist alles andere als sexy. Trotzdem erregt er die Aufmerksamkeit der extrovertierten Kunststudentin Evelyn. Eines Tages steht sie mit einer Farbsprühdose bewaffnet im Museum, wo Adam im Nebenjob als Wachmann arbeitet.
Adam will Evelyn erst bloß freundlich auf das Abstandsgebot zu den Kunstwerken hinweisen, die verwickelt den schüchternen Spätzünder aber erst in eine für ihn denkwürdige Konversation und anschließend in eine sehr spezielle Romanze.
Abgründe in der alltäglichen Normalität
Denn ganz so beiläufig, wie es zuerst erscheint, läuft diese erste Begegnung der beiden Endzwanziger nicht ab in Neil LaButes dunkel schattierter Komödie „Das Maß der Dinge“, die aktuell in der Regie von Bruno Klimek am Theater der Altstadt zu sehen ist.
Der amerikanische Dramatiker und Regisseur LaBute ist bekannt dafür, in der alltäglichen Normalität Abgründe zu entdecken. Einer seiner in Deutschland bekanntesten Theatertexte „Bash – Stücke der letzten Tage“ handelt von grausamen Morden, verübt von Menschen aus der Mitte der Gesellschaft. Ganz so düster geht es im 2003 von LaBute selbst 2003 auch fürs Kino adaptierten Drama „Das Maß der Dinge“ nicht zu, doch auch hier thematisiert der Schriftsteller eindrucksvoll, zu welchen Bosheiten Menschen fähig sind.
Die Konfrontationen werden immer heftiger
Bruno Klimek inszeniert die aufkeimende Romanze zwischen Adam und Evelyn auf nackter weißer Bühne, im Winkel zwischen zwei Wänden und mit nur wenigen Requisiten. Ruben Dietze spielt Adam als steif-linkischen Seminarprimus, der sein Glück bei Evelyn (Dorothea Förster) kaum fassen kann und sich deshalb müht, den eigenen, bisher geringen Coolness-Faktor möglichst schnell zu steigern. Bemerkt werden Adams äußere Veränderungen von dessen Kumpel Phil (Christian Werner) und Phils besserer Hälfte Jenny (Farina Violetta Giesmann), die bald Evelyns resolute Geringschätzung zu spüren bekommen.
In kurzen Szenen zeigt Bruno Klimek, wie die vier Figuren in alltäglichen Situationen aufeinanderprallen, von Mal zu Mal werden die Konfrontationen heftiger, bis zur finalen Klimax. Dem sich stufenweise vollziehenden Bruch der Freund- und Liebschaften zuzusehen ist so schrecklich faszinierend wie ein sich in Zeitlupe entfachender Flächenbrand. Farina Violetta Giesman und Christian Werner verkörpern nachvollziehbar schockiert die Opfer von Evelyns übler Manipulation, während dem Spiel von Ruben Dietze und Dorothea Förster die Zwischentöne fehlen.
Konformitätsdruck und der Wert der Individualität
Dass Evelyn bei Adam kaum auf Gegenwehr trifft, wirkt aufgrund ihrer allzu offensichtlich polternden Art nicht immer glaubwürdig. Den pointierten, alltagsnahen Dialogen fehlt es im Spiel manchmal an Dynamik und Natürlichkeit, deshalb braucht es eine Weile, bis die Charaktere voll ausgeformt auf der Bühne erscheinen. Trotzdem: „Das Maß der Dinge“ ist ein spannendes Theaterereignis, das zum Nachdenken anregt über sozialen Konformitätsdruck und den Wert der Individualität.
Termine: 29.–31.3., jeweils 19.30 Uhr. 1.4., 19.30 Uhr, 2.4., 17 Uhr, 6. + 7.4., 19.30 Uhr.