Abtreibung ist kein Verbrechen, schreibt unsere Autorin Lea Krug. Es sei absurd, in der Reform des Abtreibungsrechts einen Skandal zu sehen.
Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) warnt vor einer schnellen Änderung des Abtreibungsrechts. Denn erstmals haben Abgeordnete über einen Reformentwurf der SPD, Grünen und der Linken dazu im Bundestag beraten. Kritisiert hatte den Vorschlag zuvor schon der CDU-Chef und Kanzlerkandidat der Union, Friedrich Merz. „Skandalös“ nennt er das Vorhaben.
Im Kern geht es im Antrag darum, den Abbruch bis zur zwölften Schwangerschaftswoche zu legalisieren und aus dem Strafgesetzbuch zu entfernen. Außerdem soll die Wartezeit zwischen dem verpflichtenden Beratungstermin und dem Eingriff entfallen. Die Kosten – immerhin meist zwischen 300 und 700 Euro – sollen von der Krankenkasse übernommen werden. Und was genau ist jetzt der angebliche Skandal?
Es ist schlicht absurd: Seit Jahrzehnten wird über die Legalisierung oder Kriminalisierung von Abtreibungen offen gestritten – egal ob zum Weltfrauentag oder mit Hinblick auf die US-Wahl. Regelmäßig kommt das Thema wieder auf, fast schon ermüdend. Denn tatsächlich ist die Gesellschaft viel weiter als die Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger im Bundestag. Immer wieder zeigen Umfragen, dass die Deutschen längst bereit sind für einen neuen Kompromiss.
So ist eine Mehrheit der Meinung, dass der Schwangerschaftsabbruch aus dem Strafgesetzbuch verschwinden sollte. Wenn überhaupt etwas skandalös ist, dann das ausgerechnet eine grünsozialliberale Regierung es in den vergangenen Jahren nicht geschafft hat, die Entkriminalisierung anzugehen.
Der eigentliche Skandal
Besonders abwegig wird es, wenn die ZdK-Präsidentin dann auch noch davon spricht, die politische Debatte habe nichts mit dem echten Leben von Frauen zu tun. Gut, wer ungewollt schwanger ist und einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen lassen will, interessiert sich in dem Moment wohl herzlich wenig für die alten Kleinkriege innerhalb der ehemaligen Ampel oder Wahlkampfstrategien eines Friedrich Merz.
Für sexuell aktive und heterosexuelle Frauen im entsprechenden Alter ist das Thema aber ein höchst persönliches. Jede dritte Frau wird einmal in ihrem Leben ungeplant schwanger, jede fünfte sogar ungewollt.
Für viele ist das eine echte Notlage und neben körperlicher und finanzieller auch schlicht eine emotionale Herausforderung. Frauen, die sich für einen Abbruch entscheiden, haben dafür ernsthafte Gründe.
Noch immer verboten
Legal, illegal, scheißegal? Natürlich nicht. Es macht einen Unterschied, ob der Abbruch erlaubt ist oder – wie derzeit in Deutschland – verboten und nur unter bestimmten Bedingungen straffrei. In ihrer Not haben Frauen bis heute auch noch die Last zu tragen, Unrecht zu begehen und etwas Verbotenes zu tun. Der Paragraf 218 führt zu einer Stigmatisierung, nicht nur auf der Seite der Schwangeren.
Auch einige Ärztinnen und Ärzte fühlen sich von der rechtlichen Lage eingeschüchtert. Medizinerinnen und Mediziner, die den Eingriff durchführen, bleiben daher gern möglichst unbemerkt von der Öffentlichkeit. Betroffene Frauen müssen oft lange suchen, bis sie überhaupt eine Praxis finden. Vor allem in ländlichen Teilen des Landes gilt die Versorgungslage als teils desaströs. Und es geht auch ums Geld. Mit Ausnahmen müssen Frauen den Eingriff selbst bezahlen. Mit dem interfraktionellen Vorschlag liegt daher nun ein moderater Kompromiss vor, der den Frauen ganz praktisch helfen würde.
Abtreibung oder nicht? Diese Frage ist im Zweifel aus ethischen Gesichtspunkten schwierig zu beantworten. Ein freiheitlicher Staat sollte sie den betroffenen Schwangeren überlassen.