Bloß nicht in die Schule müssen! Foto: / /mstockstudio

Schulangst hat vor allem unter Grundschülern stark zugenommen. Wie Eltern sich richtig verhalten.

Den Ranzen aufziehen und zur Schule laufen? Beim bloßen Gedanken daran wird es Max, 8, total übel. Der Zweitklässler, der eine Grundschule in der Region Stuttgart besucht und eigentlich auf einen anderen Namen hört, war seit vielen Wochen nicht mehr in seiner Klasse. Er hat Angst davor, große Angst.

 

Bislang ist er immer gern zu Schule gegangen. Warum ihm jetzt morgens immer der Bauch wehtut, sobald er seine Sachen richten soll? Das kann er nicht so genau in Worte fassen. Aber er wehrt sich mit Händen und Füßen dagegen, das Schulgebäude zu betreten.

Schulangst ist eine der häufigsten Gründe für Schulabsentismus, also dem Fernbleiben des Unterrichts. „In den letzten Jahren sind die Zahlen massiv in die Höhe gegangen“, sagt Maren Wolber von der schulpsychologischen Beratungsstelle in Böblingen. Offiziell erhoben werden die Zahlen dazu bislang zwar nicht. Aber es gibt kaum Lehrer, Kinderärzte oder Schulpsychologen, die nicht von diesen Entwicklungen berichten, so Wolber.

Und noch etwas fällt auf: die Kinder, die unter dieser Angststörung leiden, werden immer jünger. Früher, erzählt Maren Wolber, meldeten sich häufig Lehrer oder Eltern mit Kindern zwischen 6. und 8. Klasse wegen dieser Problematik. In einem Alter also, in dem soziale Vergleiche mit Mitschülern immer wichtiger werden und man beginnt, sich von Eltern und Lehrern abzunabeln. Tiefgreifende Veränderungen also, die Angst machen können. „Jetzt haben wir ganz viele Grundschulkinder und vor allem auch ganz viele Erstklässler mit Angst vor der Schule“, sagt Maren Wolber.

Ist Corona schuld?

Woran das liegt? Dazu können die Experten nur Mutmaßungen anstellen, weil das Phänomen noch zu wenig erforscht ist. Maren Wolber sieht einen Zusammenhang mit der Coronapandemie. Die Kinder, die in den vergangenen zwei Jahren in die Grundschule gekommen sind, haben die Lockdowns im Kindergarten erlebt.

„Manche haben dabei sicher gemerkt, wie nett es zu Hause sein kann“, sagt Maren Wolber. Hätten diese Kinder nach den Lockdowns mal keine Lust auf den Kindergarten gehabt, hätten viele Eltern sie – auch wegen der neuen Homeoffice-Möglichkeiten – eher mal zu Hause gelassen als früher.

Wer weniger Zeit im Kindergarten verbringt, hat auch weniger Gelegenheiten, sich im Sozialverhalten zu üben. Wie reagiert man, wenn andere Kinder einen ärgern? Wie findet man Anschluss an eine Gruppe? Wie verschafft man sich Aufmerksamkeit bei den Erziehern, wenn es Probleme gibt? Oder auch einfach: Wie zieht man sich alleine an?

Dass die Themen Selbstständigkeit, Selbstwirksamkeit und Selbstbewusstsein bei Kindern mit Schulangst eine große Rolle spielen, fällt Irène Fontanilles schon länger auf. Sie ist Schulleiterin der Klinikschule an der Universitären Psychiatrischen Klinik Basel und beschäftigt sich schon seit vielen Jahren mit Schulabsentismus. Sie sieht die Coronapandemie lediglich als Verstärker für eine Entwicklung, die sie in Familien schon seit etwa zehn Jahren beobachtet.

„Viele Eltern behüten und kontrollieren ihre Kinder heute sehr stark. Sie trauen ihnen zu wenig zu, lösen für den Nachwuchs soziale Probleme oder die Hausaufgaben“, sagt Irène Fontanilles. Und sie lebten ständig in der Angst, dass dem Kind etwas zustoßen könnte. „Und Angst ist etwas sehr Ansteckendes, sie überträgt sich auf die Kinder.“

Gerade für solche Eltern ist es Fontanilles’ Erfahrungen nach oft besonders schlimm, wenn ein Kind plötzlich nicht mehr zur Schule gehen möchte. Denn einerseits sorgen sie sich um die Zukunft ihrer Kinder und wissen, wie wichtig dafür auch der Schulbesuch ist. Andererseits wollen sie dem Kind nur Gutes tun – und es nicht gegen seinen Willen zur Schule zwingen. Ganz schleichend fängt es dann an, dass die Eltern den Kindern für einzelne Tage eine Entschuldigung schreiben und sie zu Hause lassen.

Schule nein, zu Hause lernen ja

So ähnlich war es auch bei den Eltern von Max. Erst dachten sie, das Kind braucht einfach eine kleine Pause von der Schule. Max lernte zu Hause gern weiter, hatte auch Kontakt zu Mitschülern. Zum Schulbesuch aber konnten die Eltern ihn dennoch tagelang nicht bewegen. Sie begannen, sich Sorgen zu machen, mussten Urlaub nehmen, um den Sohn zu betreuen. Und sie suchten den Kontakt zu den Lehrern.

„Da fühlten wir uns jedoch zunächst ziemlich alleingelassen. Die Schule sagte nur: wenn er länger fehlt, dann braucht er ein Attest wegen der Schulpflicht“, erzählt die Mutter von Max. Doch die Eltern hatten sich inzwischen selbst ausreichend mit dem Thema beschäftigt und mit dem Kinderarzt gesprochen. Sie wissen, dass längere Fehlzeiten bei Schulangst nicht förderlich sind.

„Das Gefährliche an Schulangst ist, dass sie immer stärker wird, je länger man die Schule meidet. Solange ich zu Hause bleibe, bleibt auch die Angst“, erklärt Irène Fontanilles. Wie jede Angst sei auch Schulangst nur dadurch zu beheben, dass man sich ihr stelle. „Ich habe so lange eine Vision im Kopf, was alles passieren könnte, wenn ich die Schule betrete, bis ich es eben wieder tue und merke: Nein, das passiert ja doch nicht“, sagt Irène Fontanilles.

Nur: Das mit dem Überwinden von Ängsten klingt so leicht. Wenn man dann aber auf dem Dreimeterbrett steht, eine Spinne den Weg blockiert oder der Zahnarzttermin ansteht, blockiert die Angst alle guten Vorsätze. Auch bei Schulangst brauchen die meisten Kinder und ihre Eltern deshalb externe Hilfe.

Erste Ansprechpartner: Lehrer und Schulsozialarbeiter

„Da das Thema oft auch schambehaftet ist, müssen sich viele Eltern aber dazu überwinden. Auch deshalb suchen sich viele oft zu spät Rat, dabei ist es immer leichter, wenn man möglichst früh kommt“, sagt Maren Wolber.

Als erste Ansprechpartner sieht auch sie die Lehrer und Schulsozialarbeiter. „Kommt man da nicht weiter, kann man sich aber auch jederzeit an eine schulpsychologische Beratungsstelle wenden. Wir versuchen, immer sehr zügig Termine zu geben, weil wir ja wissen, wie wichtig schnelle Hilfe ist“, sagt Maren Wolber.

Die Jugendämter können auch wichtige Hilfen in den Familien ermöglichen. Auch die Kinder- oder Jugendpsychiater oder niedergelassenen Psychotherapeuten sind gute Adressen, allerdings müsse man nicht selten viele Monate auf einen Termin warten. Gleiches gelte für Plätze in einer Klinik.

Max macht inzwischen eine Verhaltenstherapie. Bei der es einmal darum geht, herauszufinden, woher die Ängste kommen. Vor allem aber bekommt der Junge auch Werkzeuge an die Hand, mit denen er es schaffen soll, sich seiner Angst zu stellen. Die Eltern machen zusätzlich eine Familienberatung, in der sie lernen, wie sie mit dem Thema umgehen, das alle sehr belastet. Auch die Lehrer sind inzwischen mit im Boot.

Und weil alle an einem Strang ziehen, klappt es von Tag zu Tag besser. Die Mutter von Max ist sehr erleichtert. „Max geht wieder in die Schule. Es braucht gutes Zureden und manche Belohnung. Aber er hat tatsächlich auch wieder Spaß dort.“

Rechtliche Lage und Hilfe

Zur Schulpflicht
in Deutschland gehört auch eine Teilnahmepflicht am Unterricht. Kranke Schüler können von den Erziehungsberechtigten bis zu zehn Tage selbst krank gemeldet werden. Danach kann die Klassenlehrkraft die Vorlage eines ärztlichen Zeugnisses verlangen. Häufen sich die Fehlzeiten, kann die Schulleitung auch eine Attest-Pflicht verhängen, gegebenenfalls auch beim Amtsarzt.

Neben Lehrern,
Schulsozialarbeitern und Schulpsychologen an den Schulen gibt es in Baden-Württemberg an 28 Standorten Schulpsychologische Beratungsstellen, an denen Schüler, Eltern und Lehrer schnelle Beratung und Unterstützung durch Schulpsychologen erhalten. Die Kontaktdaten sind hier aufgelistet: https://zsl-bw.de/schulpsychologische-beratungsstellen