Wie in mehr als 100 anderen deutschen Städten gingen am Donnerstag auch in Hechingen Schülerinnen und Schüler auf die Straße, um gegen Wehrpflicht und Militarisierung zu demonstrieren. Foto: Hardy Kromer

Hechingen ist eine von mehr als 100 Städten in ganz Deutschland, in denen Schüler am Donnerstag gegen die Wehrpflicht, Aufrüstung und Militarisierung demonstrierten.

Es ist ein kleines Grüppchen von Jugendlichen, das sich an diesem sonnigen Donnerstagmorgen auf dem Hechinger Obertorplatz trifft.

 

Allzu viele Schülerinnen und Schüler haben offenkundig nicht den Mut aufgebracht, den Unterricht zu schwänzen, um an diesem erneuten bundesweiten „Schulstreik gegen Wehrpflicht“ teilzunehmen. Eine Polizeistreife beobachtet das Treiben, hat aber keinen Anlass, tätig zu werden.​

Der volljährige Schüler Linus Lamparter vom Beruflichen Schulzentrum Hechingen, der die Kundgebung angemeldet hat und verantwortet, hat eine Ahnung, warum die Resonanz eher mäßig ist. „Wir haben“, erzählt er, „bei der Organisation die meiste Energie ins Gymnasium gesteckt. Aber dort hat die Schulleitung gestern eine Mail an die Eltern geschickt“. Der Verweis auf die schulrechtlichen Vorgaben und der Hinweis darauf, dass Streikteilnahme als unentschuldigtes Fehlen gewertet werde, hätten offenkundig „viele Schüler verunsichert“.​

„Dynamische Schülerbewegung“

​Die Streikenden selbst waren umso motivierter. Ihr Protest, erläuterte Linus Lamparter, richte sich nicht allein gegen die drohende Wehrpflicht, sondern auch gegen den laufenden Prozess der Militarisierung der Gesellschaft: „Wir sind Teil einer dynamischen Schülerbewegung, die sich darauf vorbereitet, auch auf kommende Krisen reagieren zu können.“​

Weil es dafür auf Vernetzung ankommt, waren Hechinger Schüler auch bei der Schülerkonferenz in Göttingen vertreten, auf der die bundesweiten Forderungen der Organisation „Schulstreik gegen Wehrpflicht“ ausformuliert wurden. Und deshalb fuhr die Delegation aus der Zollernstadt am Donnerstagvormittag auch mit dem Zug nach Tübingen, um sich an der dortigen Demonstration zu beteiligen. Da sollte die Gruppe dann deutlich größer werden.​

Empathie mit den Opfern

​Zunächst wollten die Streikenden jedoch mitten in Hechingen „Präsenz zeigen“. Also griff Linus Lamparter zum Megaphon und ließ über den Platz schallen, er stehe hier „aus Frustration und Empathie“. Seine Frustration gelte einer Bildungspolitik, die „wenig mit Bildung und Selbsterfahrung zu tun“ habe, dafür umso mehr mit „Abrichtung auf messbaren Erfolg“. Seine Frustration gelte auch dem Umstand, „dass wir Jugendlichen einem Land dienen sollen, dessen Außenpolitik Genozide finanziert, zum Beispiel den in Gaza“. Die Empathie gelte „den Opfern der allgegenwärtigen Ausbeutung und Ausgrenzung“.​

Die zweite Rede hielt Aron („meinen Nachnamen will ich nicht nennen“) aus dem Raum Tübingen. Er verwahrte sich dagegen, einen Krieg „mit kaputten Schulen, niedrigen Löhnen und Perspektivlosigkeit“ zu finanzieren. Wenn mit Wehrpflicht und Aufrüstung Kriege vorbereitet würden, werde Widerstand zur Pflicht. „Kein Blut für Öl“, lautete ein Slogan, den der Redner bemühte. Denn in Venezuela und aktuell im Iran gehe es eben nicht um Freiheit oder Menschenrechte, sondern um Öl, Macht und größtmöglichen Profit.​

Deutschland, so sein Vorwurf, wolle selbst Großmacht werden und stehe dafür an der Seite der USA und deren „völkerrechtswidrigen Angriffskriege“. Im Namen der Streikenden wehrte sich Aron dagegen, „für die Profite von Rheinmetall, Siemens und der Deutschen Bank“ in den Schützengraben zu gehen und dort zu sterben. Er schloss: „Die Reichen wollen Krieg, die Jugend eine Zukunft – ohne Krieg und Wehrpflicht.“