Im Unterricht an einer Stuttgarter Grundschule sind die Viertklässler voll konzentriert. Foto: dpa/Marijan Murat

Nächste Woche geht die Schule los. Um die Bildungschancen für 1,5 Millionen Schüler im Land zu verbessern, muss die Politik wichtige Aufgaben lösen. Worauf es jetzt ankommt.

Die 4500 Schulen im Land so zu organisieren, dass möglichst gute Lern- und Lehrbedingungen für 1,5 Millionen Schüler und 130 000 Pädagogen herauskommen, ist alle Jahre wieder die dringendste Aufgabe der Schulpolitik. Noch wichtiger ist es, Weichen für die Zukunft zu stellen.

 

Herausforderung: Grundschule

Die Grundschulen in Baden-Württemberg müssen besser werden – und das möglichst schnell. Weil jeder fünfte Grundschüler nicht einmal die Mindeststandards beim Lesen, Schreiben und Rechnen erreicht, hat Kultusministerin Theresa Schopper diese Schulart ins Zentrum ihrer Politik gestellt. Das ist bitter nötig, denn seit mehr zehn Jahren verschlechtert sich das Lernniveau der Grundschüler im Land. Weil das Lesen der Schlüssel zu allem Wissen ist, wird nach den Ferien in allen Grundschulen zweimal wöchentlich Laut-Lesen nach einer wissenschaftlich erprobten Methode geübt werden. Das ist jetzt Pflicht, und die Reform ist generalstabsmäßig geplant. Die Schulen sollen sich in zwölf Regionalverbünden vernetzen und von sechs Koordinatoren und fünfzig speziellen Sprachbildnern unterstützt werden. Im Lauf des Schuljahrs gibt es 90 Fortbildungskurse für Lehrkräfte, damit sie ihre Schüler individuell und zielgenau fördern können.

Es kommt nicht nur auf das Lesen an

Das Lesetraining ist wichtig. Aber es ist nicht die einzige Herausforderung, die Kultusministerin Schopper bei den Grundschulen stemmen muss: 2026 wird der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung an der Grundschule umgesetzt. Im Anfangsjahr gilt das Recht für alle Erstklässler; 2030 soll er für alle Grundschüler eingeführt sein.

Die Reform hat es in sich. Bisher sind im Südwesten 784 von 2400 Grundschulen Ganztagsschulen. Dazu kommen kommunale Betreuungsangebote an den allermeisten Grundschulen im Land. Insgesamt sind bereits 57 Prozent der Grundschüler in unterschiedlichem Umfang in der Betreuung. Das Problem: Die bisherigen Angebote decken den künftigen Rechtsanspruch nicht ab. Der garantiert acht Stunden Betreuung an fünf Tagen pro Woche und das in 48 Wochen jährlich. Allein die Betreuung in den Ferien zu sichern ist organisatorisches Neuland.

Strategische Steuerung

Experten gehen davon aus, dass der Rechtsanspruch die Nachfrage bis 2026 noch einmal um zehn bis zwanzig Prozent steigen lässt. Aber die Gretchenfrage, wie viele Eltern die maximale Betreuung für ihre Kinder wahrnehmen wollen, kann niemand beantworten.

In Baden-Württemberg sind bisher vor allem Betreuungsangebote beliebt, die wenig Verbindlichkeit und maximale Flexibilität auszeichnet. Klar ist: Nicht jede Grundschule wird 2026 den Rechtsanspruch einlösen. Trotzdem muss sichergestellt sein, dass prinzipiell jeder Erstklässler von jedem Wohnort aus ein maximales Betreuungsangebot in zumutbarer Entfernung erreicht. Mit welchen Steuerungsmechanismen Kultusministerin Schopper dies sicherstellen will, ist offen. Die Frage muss bald geklärt werden. Klar ist, dass es eine strategische Abstimmung zwischen Land, Kommunen und Landkreisen braucht. Die Zeit drängt. Die Schulträger brauchen ausreichend Vorlauf. Sie müssen Betreuungspersonal ausbilden und genügend Räume bereitstellen.

Herausforderung: Gymnasium

Acht oder neun Jahre – was ist die richtige Lernzeit für das Gymnasium? Der Zuspruch für die Bürgerinitiative, die das neunjährige Gymnasium per Volksantrag durchsetzen will, hat das Thema auf die Agenda der Landesregierung gespült – entgegen den ursprünglichen Plänen von Grün-Schwarz. Jetzt gibt es ein Bürgerforum dazu, das in den nächsten Wochen die Beratungen aufnimmt. Ministerin Schopper hätte gerne auf das Thema verzichtet. Die Debatte bindet Kapazität und Ressourcen. Falls G9 wieder zur Regel in den allgemeinbildenden Gymnasien werden sollte, hat das zudem Auswirkungen auf alle anderen Schularten.

Der Fluch der hohen Zahl

Es lohnt sich deshalb ein Schlaglicht auf die Gymnasien werfen. Der Blick in die Statistik zeigt, dass Baden-Württemberg im Vergleich zu den anderen Bundesländern überreich mit ihnen ausgestattet ist. Für gut 260 000 Schüler gibt es laut dem Statistischen Bundesamt im Südwesten 376 allgemeinbildende Gymnasien. Dass das Land mit der drittgrößten Schülerzahl (260 186 Gymnasiasten) nach Nordrhein-Westfalen und Bayern bei der Zahl der Gymnasien auf Platz zwei liegt, klingt noch harmlos. Doch die Gymnasien im Südwesten liegen mit im Schnitt nur 692 Schülern im Größenranking auf Platz 10. Zum Vergleich: Bremen ist mit 1014 Schülern Erstplatzierter, gefolgt von Niedersachsen mit 929.

Das ist aber noch nicht die ganze Wahrheit. Zusätzlich zu den allgemeinbildenden kommen die 275 beruflichen Gymnasien (mit 52 807 Schülern). Davon hat der Südwesten noch vor Nordrhein-Westfalen (238) die meisten. De facto befinden sich in Baden-Württemberg 30,7 Prozent der beruflichen Gymnasien Deutschlands. Mit einer Durchschnittsgröße von 192 Schülern rangieren sie im Bundesvergleich auf Platz acht; Hessen hat die größten beruflichen Gymnasien mit 261 Schülern.

Die Größe ist wichtig, weil kleinere Schulen teurer im Unterhalt und mit Blick auf Lehrerversorgung und Unterrichtsangebot ungünstiger sind. Dass die Wissenschaft der Kultusministerkonferenz im Kampf gegen den Lehrermangel deshalb zu Schulfusionen rät, stößt bisher auf taube Ohren – auch in Baden-Württemberg. Womöglich gewinnt das Thema im Zuge der G8/G9-Debatte an Fahrt.

Ertrag der üppigen Struktur

Einen Erfolg kann das Land mit seiner üppigen Gymnasialstruktur reklamieren: Aktuell führen Baden-Württembergs Schulen mehr als die Hälfte der jeweiligen Altersgruppe zur Studienberechtigung. Mit 51,6 Prozent hat das Land die höchste Quote aller großen Flächenländer. Im Wettstreit um einen Spitzenplatz liegt Baden-Württemberg dabei seit mehr als 15 Jahren stabil auf Platz eins oder zwei.

Allerdings gibt es einen weiteren Trend, der in der G8/G9-Debatte von Interesse ist: Die Quote war schon mal höher. Nach dem doppelten Abi-Jahrgang 2012, als zum letzten Mal flächendeckend Gymnasiasten nach neun Jahren das Abitur ablegten, ist die Zahl ziemlich stetig gesunken. 2013 verließen 58,2 Prozent der Altersgruppe mit einer Studienberechtigung die Schule.