Schüler, die mit dem Taxi zum Sportunterricht gefahren werden? Was nach einem schlechten Fasnets-Gag klingt, ist in Nagold Realität. Eltern der Burgschule bezeichnen die Entwicklungen rund um den Schulsport als „untragbare Situation“.
Der Protest der Eltern richtet sich dabei weder gegen die Schule noch die Lehrer. Im Gegenteil. In einem Schreiben des Elternbeirats an die Redaktion heißt es: „Die engagierten Sportlehrerinnen und Sportlehrer versuchen mit aller Kraft, Alternativen zu finden.“
Doch Alternativen sind meist nur Provisorien, frei nach dem Motto: Besser als gar kein Sportunterricht.
Dabei ist die Burgschule von zwei grundsätzlichen Problemen betroffen: Zum einen fehlt es in der Nagolder Innenstadt an Sportstätten. Zum anderen fehlt es an Busunternehmen, die die Schüler zu anderen, freuen Sporthallen fahren könnten, in diesem Fall nach Iselshausen oder zum Lehrschwimmbecken auf dem Lemberg.
Eltern: „Die Folgen sind gravierend“
„Mit großer Besorgnis verfolgen wir die aktuellen Entwicklungen bezüglich des Schulsports in unserer Schule“, heißt es in einem Leserbrief des Elternbeirats. Seit Beginn des Schuljahres könnten zahlreiche Kinder der Burgschule nicht mehr wie gewohnt an Sport- und Schwimmunterricht teilnehmen, da die Busbeförderung zur Sporthalle Iselshausen und zum Lembergbad eingestellt worden sei. Weiter heißt es in dem Schreiben: „Die Folgen sind gravierend: Für sechs Sportgruppen entfallen diese essenziellen Bewegungsangebote – eine untragbare Situation.“
Die Eltern loben ihre Sportlehrer an der Burgschule für ihre alternativen Angebote, jedoch: „Improvisierte Lösungen wie lange Fußmärsche, komplizierte Fahrten mit öffentlichen Bussen oder Unterricht auf Spielplätzen sind keine nachhaltige Lösung. Die wenigen verfügbaren Hallen sind entweder belegt oder aufgrund ihrer Beschaffenheit nicht für einen vollwertigen Sportunterricht geeignet.“
Der Elternbeirat sieht das Hauptproblem in der allgemeinen Sportstättensituation in Nagold. „Es ist seit Jahren bekannt, dass die Innenstadt über zu wenige Sportstätten verfügt. Dennoch wurde die Situation nicht entschärft – im Gegenteil, mit der Sperrung der ABG-Halle hat sich das Problem weiter verschärft.“ Leidtragende seien vor allem die Jüngsten, die nun teilweise ohne ausreichende Sportmöglichkeiten dastehen. Die Eltern verdeutlichen: „Dass Erst- bis Drittklässler bei Wind und Wetter im Freien oder gar auf der Straße warten müssen, ist schlichtweg inakzeptabel.“
„Die Stadtverwaltung muss dringend handeln“
Dabei sei Sport nicht nur im Bildungsplan fest verankert, sondern auch essenziell „für die gesunde Entwicklung unserer Kinder“. Bewegungsmangel habe nachweislich negative Auswirkungen auf Konzentration, Lernverhalten und die körperliche Fitness. Deshalb sind die Eltern überzeugt: „Die aktuelle Lage widerspricht allen pädagogischen und gesundheitlichen Erkenntnissen.“
Die Forderung der Eltern: „Die Stadtverwaltung muss dringend handeln und langfristige Lösungen schaffen. Provisorische Maßnahmen wie Taxifahrten sind keine echte Alternative. Wir brauchen mehr Sportstätten und ein tragfähiges Konzept für den Schulsport, damit unsere Kinder die Bewegung bekommen, die sie dringend benötigen.“
„Der Stadt ist dieser Mangel sehr bewusst“
Bei der Stadt Nagold weiß man um das Problem. Doch gelöst ist es damit nicht. Es gebe keine Angebote von Busunternehmen, bestätigt Pressesprecherin Julia Glanzmann auf Nachfrage der Redaktion. Und so kommen tatsächlich Taxis ins Spiel. „Für den Sportunterricht der Burgschule konnten wir inzwischen ein Taxiunternehmen gewinnen, das die Sportfahrten an die Sporthalle Iselshausen und in Teilen an das Lembergbad nach den Faschingsferien übernimmt“, teilt die Stadt mit.
Glanzmann erörtert weiter: „Der Stadt ist dieser Mangel sehr bewusst. Darum ist im Zuge der Sanierung des OHGs auch der Ausbau der innerstädtischen Hallenkapazitäten mit einer weiteren Zweifeldhalle vorgesehen.“ Das kann freilich noch dauern. Klar ist, dass das OHG erst nach dem 35-Millionen-Umbau der Zellerschule in Angriff genommen werden kann. Und, dass der Umfang den der Zellerschule nochmal deutlich übersteigen wird. Von rund 50 Millionen Euro war vor einigen Jahren die Rede. Ein Riesenprojekt, dessen Realisierung und Finanzierung noch nicht steht.
Aus Sicherheitsgründen untersagt
Im Rathaus verweist man auf die neue Freilufthalle, die Häfele zum 100-jährigen Bestehen der Stadt geschenkt hat. „In der kann zu einem Teil des Jahres auch Sport durchgeführt werden.“ Und: „Auch gehen die Schulen im Sommer öfter ins Fleckenstein-Stadion zum Sport.“
Eine Wiederinbetriebnahme der ABG-Halle ist kein Thema. Die sei extrem baufällig und der Betrieb der Sporthalle ist bereits seit Jahren aus Sicherheitsgründen untersagt. Glanzmann dazu: „Eine Sanierung der Halle ist aufgrund der Bausubstanz nicht möglich.“
Dass aktuell die Eisberghalle mit großem Aufwand saniert wird, verstärkt den Engpass. Wobei es auch zur Fahrt auf den Eisberg ein Busunternehmen mit freien Kapazitäten braucht – oder eben weitere Taxis.