Kultusministerin Theresa Schopper zeigt bei der Grundschulempfehlung schlechtes Krisenmanagement. Foto: dpa/Marijan Murat

Sprachförderung für die Kleinen, neunjähriges Gymnasium für ältere Schüler – was im Bildungspaket fürs Land fehlt und was die Politik richtig schlecht gemacht hat, analysiert Bärbel Krauß.

Mit der Reform von Schule wird die Politik nie fertig. Das kann man der grün-schwarzen Koalition in Baden-Württemberg gleich hinterher rufen, die an diesem Mittwoch mit preisend viel schönen Reden ihr Bildungspaket beschlossen hat. Für die aktuellen Schulreformen gilt das besonders, so vielteilig sie nun auch ausgefallen sind. Das ist noch lange kein Schlusspunkt. Weitere Reformschritte zur Bereinigung der nach wie vor zu komplizierten Schulstrukturen müssen zügig folgen.

 

Gut an den Weichenstellungen ist, dass die Landesregierung die Sprachförderung für einige Kitakinder und Grundschüler in den nächsten Jahren Zug um Zug zur Pflicht macht – nämlich für alle Jungen und Mädchen, deren Defizite im Deutschen so groß sind, dass sie keine Chance haben, im Unterricht mitzukommen. Diese Problematik belastet das ganze Schulsystem im Südwesten. Sprachförderung ist mithin ein wichtiger Schritt, damit alle Kinder im Land wieder aus dem Effeff Lesen, Schreiben und Rechnen lernen. Nur so können sie darauf aufbauend, auch Kenntnisse und Fähigkeiten in allen Fächern erobern.

Hanebüchener Fehler

Gut ist auch die Rückkehr zum Abitur nach neun Jahren, die die Landesregierung nur auf Druck von unten vollzieht. Die große Mehrheit der Bürger wünscht Kindern und Jugendliche mehr Zeit fürs Lernen. Viele finden die längere Schulzeit zudem gerechter, weil sie anderswo in Deutschland ebenfalls wieder eingeführt wurde. Das ist in Ordnung, solange die Leistungsstandards im Gymnasium hoch bleiben und die Bildungsinhalte etwa im Blick auf die Digitalisierung modernisiert werden.

Auch die Rückkehr zu einer Grundschulempfehlung, bei der die Schule mehr mitbestimmt und die Eltern nicht mehr alleine über die Bildungslaufbahn entscheiden, genießt im Grundsatz hohe Akzeptanz bei den Bürgern. Umso unglücklicher ist es, dass das Kultusministerium das neue Übergangsverfahren in die weiterführenden Schulen mit einem in Teilen viel zu schwierigen Test in den Sand gesetzt hat. Nicht nur haben die Frühwarnsysteme ihres Hauses komplett versagt, auch auf Krisenbewältigung hat die grüne Ministerin Theresa Schopper verzichtet. Im Grunde tut sie, als sei der Fehler egal. Das Ergebnis sind Nervosität, Unruhe und Unsicherheit bei fast 100 000 Viertklässlern und deren Eltern. Bei den Kindern mit Gymnasialambition und ohne entsprechende Empfehlung ihrer Lehrer dürften diese Gefühle nun noch Monate andauern.

Orientierungslosigkeit und Vertrauensverlust

Es ist ein schlechter Witz, dass das Ministerium dem neuen Übergangsverfahren den gefälligen Namen „Navi 4“ verpasst hat. Denn dank des verfehlten Tests leistet es den Viertklässlern und ihren Eltern eben keine Navigationshilfe bei der Suche nach der passenden Bildungslaufbahn. Ob das im nächsten Jahr besser läuft, und ob das neue Verfahren den Geburtsfehler abstreifen kann, kann man derzeit nur hoffen.

Das Kultusministerium hat bei der Umsetzung der Reformen die Orientierung verloren. Ohne Not hat man das ohnehin umfangreiche Paket mit nebensächlichen Verordnungen – vom Hausunterricht über Ganztagsstatistik bis zu Ferienregeln und digitalen Gremiensitzungen – befrachtet, und im Ergebnis Wichtigem wie der Grundschulempfehlung zu wenig Sorgfalt gewidmet. Diese handwerklichen Mängel in der Vorbereitung werden ergänzt durch mangelnde Leidenschaft beim Vertreten der Reform und die angeödete Wurschtigkeit, mit der der Landtag das Vorhaben durchwinkt. So wird zwar eine der umfangreichsten Bildungsreformen der vergangenen 15 Jahre jetzt Wirklichkeit. Aber eines entsteht nicht: Vertrauen in die Schulpolitik Baden-Württembergs.