Noch vor der Sommerpause will Kultusministerin Schopper die geplanten Schulgesetzänderungen vorlegen. Foto: dpa/Christoph Schmidt

Der Realschullehrerverband kritisiert die grün-schwarzen Schulreformen scharf. Andere Verbände und Kultusministerin Schopper reagieren.

Der Realschullehrerverband befürchtet, dass die Realschulen im Land durch die von der Koalition geplanten Bildungsreformen geschwächt werden und reibt sich vor allem am Konzept der neuen Grundschulempfehlung. Sie soll allein für die Gymnasien verbindlich sein. Wenn es Differenzen zwischen Empfehlung und Elternwunsch gibt, soll ein „Potenzialtest“ an einer weiterführenden Schule den Ausschlag geben. Das wünscht sich Karin Broszat, die Vorsitzende des baden-württembergischen Realschullehrerverbands (RLV), für alle weiterführenden Schulen.

 

„Das macht keinen Sinn“

Im Kultusministerium hält man derartige Änderungen für unnötig. „Die Realschulen sollen weiterhin wie bisher auch sowohl M- als auch G-Niveau anbieten. Insofern macht eine verbindliche Grundschulempfehlung für die Schularten jenseits des Gymnasiums keinen wirklichen Sinn“, erklärte Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) auf Anfrage. „M“ und „G“ stehen für das mittlere und grundständige Leistungsniveau der Schüler, die die mittlere Reife beziehungsweise den Hauptschulabschluss ansteuern. Die auf ein Jahr verkürzte Orientierungsstufe biete den Realschulen die Möglichkeit, die Schüler in getrennten Klassen auf beiden Niveaus zu unterrichten. „Die Differenzierung kann damit sogar von den Realschulen selbst vorgenommen werden und zwar mit einem ausreichend langen Beobachtungszeitraum von einem Jahr“, ergänzte Schopper.

Schoppers Logik folgt dem Ziel der grün-schwarzen Reformen, die weiterführenden Schulen auch durch den Wegfall des Werkrealschulabschlusses näher zusammen zu rücken und eine Lenkung der Schülerströme zu erreichen, damit die Gymnasien nach der Rückkehr zu G9 im Schuljahr 2025/26 nicht überlaufen, während andere Schularten ausbluten. Die bisherige – seit einer Entscheidung der grün-roten Landesregierung von 2012 unverbindliche – Grundschulempfehlung legt Viertklässlern im unteren Leistungsspektrum entweder den Übergang an eine Werkreal-, Haupt- oder Gemeinschaftsschule nahe, wo sie den Haupt- oder Realschulabschluss ablegen können. Schüler auf mittlerem Leistungsniveau wird analog der Übergang auf eine Real- oder Gemeinschaftsschule empfohlen, während leistungsstarke Schüler an Gymnasien und Gemeinschaftsschulen verwiesen werden.

Philologen springen Realschulverband bei

Insgesamt ist das Meinungsbild zur künftigen Grundschulempfehlung vielfältig. Der Philologenverband gibt RLV-Chefin Broszat in zwei Punkten recht: Auch er befürwortet ein klar nach Leistungsniveaus gegliedertes Schulsystem und gleichartige Empfehlungen für alle Schularten. „Warum eine aussagefähige Grundschulempfehlung nur für das Gymnasium gelten soll, nicht aber für die anderen weiterführenden Schularten, ist pädagogisch in einem mehrgliedrigen Schulsystem nicht begründbar“, so der Verband der Gymnasiallehrer.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft im Land (GEW), die Lehrkräfte aller Schularten in ihren Reihen hat, sieht das komplett anders. Sie votiert dafür, bei der jetzigen Grundschulempfehlung zu bleiben und den Eltern die Entscheidung über die weiterführende Schule ihrer Kinder zu überlassen. „Aus unserer Sicht sollte man die Beratung der Eltern optimieren. Aber wir sehen die Grundschulempfehlung nicht als Instrument zur Steuerung der Schulstruktur und der Schülerströme“, betonte GEW-Hauptgeschäftsführer Matthias Schneider.

VBE hält Regierungskonzept für stimmig

Gerhard Brand vom Verband Bildung und Erziehung (VBE) hält die Pläne des Kultusministeriums dagegen für stimmig und lobt vor allem die große Flexibilität bei der Bildung von Schulverbünden. „Dass die Grundschulempfehlung für die Schularten neben dem Gymnasium nicht verbindlich ist, ergibt sich aus der Logik, dass alle Schulen auf unterschiedlichen Niveaus unterrichten müssen“, sagte Brand auf Anfrage. „Das können Realschulen je nach Lage vor Ort im Verbund mit anderen Realschulen, oder in Kooperation mit einer Haupt- oder Gemeinschaftsschule oder unter dem eigenen Dach realisieren.“

Dieses Maximum an Flexibilität wertet er als echtes Pfund, zumal das Kultusministerium zusichere, sich aus den Entscheidungen vor Ort herauszuhalten. Auch dass jede Realschule künftig durch Kooperationen mit beruflichen Gymnasien oder Gemeinschaftsschulen einen Pfad bis zum Abitur vorzeichnen soll, ist in Brands Augen eine strukturelle Verbesserung. „Daraus leitet sich für jeden Schüler, der auf erweitertem Niveau in der Realschule lernt, ein Rechtsanspruch auf den Platz an einem verbundenen beruflichen Gymnasium ab“, betont er.