Bald geht der Schulhund an der Schillerschule Onstmettingen mit seinem Frauchen in Pension.
Die Glocke läutet. Die Pause ist vorbei. Im Klassenzimmer der 3a sammeln sich die Jungs und Mädels zur letzten Schulstunde an diesem Tag.
Während man auf dem Flur des Grundschulgebäudes noch Lärm hört, ist es in diesem Raum schon auffallend ruhig. Woran das liegt? An „Malik“. Die Schülerinnen und Schüler wissen, dass sie Rücksicht auf ihn nehmen müssen. Lärm mag er nicht. Dann fängt er an zu bellen. Denn Malik ist ein Schulhund. Sein Frauchen ist Klassenlehrerin Brigitte Wilke.
Es gibt Blindenhunde, Suchhunde, Rettungshunde – und Schulhunde. Allerdings ist Letzteres in Deutschland kein offizieller Begriff. Hierzulande gibt es auch keine Schulhundeausbildung oder eine Definition, was ein solcher Vierbeiner alles können muss. Dabei kann der Rüde sehr viel. Und er hatte an der Schillerschule in Onstmettingen schon zwei Vorgänger.
Gegenseitige Rücksichtnahme
Alles begann im Jahr 2008, als die ausgebildete Lehrerin für Mathematik und Sport einen Schäferhund-Husky-Mischling besaß. „Sly“ war äußerst sensibel, wie Brigitte Wilke feststellen konnte. Der Hund reagierte auf die verschiedenen Stimmungen von Personen, und so kam seine Besitzerin auf die Idee, er könne hilfreich im Umgang mit den Schülern sein. In Amerika gab es zu jener Zeit schon Schulhunde. Die Ausbildung absolvierte die Hundeführerin schließlich in Österreich – auf eigene Kosten.
Ein Tier, das quasi durch seine Gegenwart Menschen dazu bringt, dass sie ruhig und entspannt werden, ist das eine. Die Steigerung liegt darin, dass der Hund, wie damals „Sly“, auf die Gefühlswelt der Menschen reagiert. Egal, ob jemand traurig ist oder wütend, ob ängstlich oder hyperaktiv. „Wer sich mit Hunden auskennt, weiß, was ich meine“, lächelt Brigitte Wilke.
Ja, Hundebesitzer können die Verhaltensweisen ihrer Vierbeiner deuten. Wenn sich ein Hund an die Füße einer Person hinlegt, seinen Kopf auf den Oberschenkel ablegt oder sich vor jemanden hinsetzt. Das alles hat eine Bedeutung. Und man muss eben selbst sensibel sein, um diese Hundesprache verstehen zu können.
Die Drittklässler in Onstmettingen können das. Für sie gehört Malik einfach mit dazu. Sie wissen, dass sie in gewisser Weise Rücksicht nehmen müssen oder, dass da jemand ist, der sie bedingungslos annimmt und Liebe schenkt. Unabhängig davon, wie gut die Noten sind.
Aber zurück zu „Sly“ und den Anfängen. Bevor er täglich mit zum Unterricht durfte, galt es, einige Hürden zu nehmen, erinnert sich Brigitte Wilke. Zum einen gibt es Tierschutzauflagen, die etwa die Größe des Raumes oder die Möglichkeit des Rückzugs betreffen. Die noch höhere Hürde, die es zu nehmen galt, war das Wohlwollen der Eltern. „Wenn auch nur einer dagegen ist, darf es in der Klasse keinen Schulhund geben“, erklärt die Lehrerin. Außerdem müssen alle ihre Kolleginnen und Kollegen einverstanden sein.
Er gehört einfach dazu
An Schulen in benachbarten Orten kam immer mal wieder die Idee eines Schulhundes auf. Oft ist es am Veto einzelner Eltern gescheitert. Deren Gründe sind oft Hygienefragen oder Angst vor den Vierbeinern. „Sly“ hat es dann doch in die Klasse geschafft. Und kurz darauf hätte ihn keiner mehr missen wollen. Als er aus dieser Welt geschieden ist, weil er einen Giftköder gefressen hatte, machte sich Nachfolger „Alberich“ bei den Jungen und Mädchen beliebt. Er war ein Welpe. Ein Terrier. Auch wenn man dieser Hunderasse nachsagt, dass sie einen eigenen Willen haben und schwer zu erziehen seien, hat sich Brigitte Wilke für den Terrier entschieden, da er nicht haart. Seinen Job hat er wunderbar gemacht. Und auch „Malik“ weiß, was es im Klassenzimmer zu tun gibt. Wenn die Glocke schrillt, geht er ruhig in seine Ecke und die Schüler stürmen ins Zimmer.
Wobei sie „Malik“ ohnehin niemals schubsen würden. Es geht einfach gesitteter zu – sozialer. Vieles, was es im Umgang mit Mitmenschen braucht, lernen die Drittklässler ganz automatisch durch den Schulhund. Sie kennen ihn seit der ersten Klasse und er wird sie bis zur vierten begleiten. Ein Gruppenfoto mit „Malik“? Alles kein Problem. Ohne großes Theater stehen die Schülerinnen und Schüler in null Komma nichts wie eine Eins und lächeln in die Kamera. Das kennt man sonst nur von Feuerwehrleuten.
Die Kinder sind trotzdem noch Kinder. Sie lachen und toben und rennen. Aber sie können sich einfach besser konzentrieren. Sie sind ausgeglichener. Das merkt man. Selbst wenn man nur kurz in der Klasse vorbeischaut. Beim Lob, welch tolle Schüler sie sind, tönt es aus der Gruppe: „Weil Frau Wilke eine ganz tolle Lehrerin ist.“ Und gleich danach heißt es: „Deshalb sind wir auch so gut.“ So sieht Selbstbewusstsein und Zusammenhalt aus. Man kann wieder nur staunen.
Es hat sich längst herumgesprochen und im Alltag der Klasse bewährt: „Malik“ sorgt dafür, dass sich alle besser konzentrieren, ein soziales Verhalten an den Tag legen, Rücksicht auf andere nehmen, aufmerksam zuhören können und eine ruhige Atmosphäre schaffen.
Schulhund gewünscht
Noch ein Schuljahr, dann wird Brigitte Wilke altersbedingt aus dem Schuldienst ausscheiden und in Pension gehen. Und mit ihr „Malik“. Beide werden eine große Lücke hinterlassen. Bleibt zu hoffen, dass ein neuer Schulhund – nicht nur in Onstmettingen – eingestellt wird. Denn inzwischen wollen sogar Eltern, die eigentlich selbst Angst vor Hunden haben, dass ihre Kinder in die Klasse mit dem Schulhund kommen.