Die vielfältige Schullandschaft in Bad Dürrheim sei ein Geschenk, dass man „nicht übereilt vergeben sollte“. Das Kollegium der Werkrealschule hat einen Brandbrief aufgesetzt. Aktuell geht es um nicht weniger als den Erhalt der Werkrealschule.
Inklusive Unterschriften der Lehrer hat der Brief an die Fraktionssprecher und die Gemeinderäte sechs Seiten. In diesem wird detailliert aufgezeigt, warum die Werkrealschule auch in Zukunft wichtig ist.
Die Krux: Für Zuschüsse eines Neubaus sind die Schülerzahlen dem Regierungspräsidium (RP) und entsprechend den gesetzlichen Vorgaben dauerhaft nicht hoch genug, aber der Standort Schulstraße ist im aktuellen Zustand nicht weiterführbar.
Im Moment habe man für die aktuell nötige Schülerzahl, um den weiteren Bestand zu sichern, allerdings nicht genügend Räume. Die Lehrer und die Schulleitung hoffen, dass die Werkrealschule in Bad Dürrheim fortbesteht.
Ursachen Schülerrückgang Als die verbindliche Grundschulempfehlung aufgehoben wurde und aufgrund der zwei verschiedenen Lehrniveaus der Realschule nahm die Schülerzahl an der Werkrealschule ab. Man dümpelte über Jahre hinweg mit um die zehn bis 15 Schüler in der Stufe fünf, spätestens zur siebten und achten Klasse stieg die Schülerzahl aufgrund von Schulwechslern von der Realschule.
Schülerzahl In den vergangenen sechs Jahren lag man wieder zwischen 16 und 20 Schülern, die Mindestanzahl beträgt 16. Auch in den weiterführenden Klassenstufen ist dem RP die Schülerzahl für einen Zuschuss zum Erweiterungsbau an der Realschule zu niedrig.
Standpunkt Lehrer Das Lehrerkollegium zeigt sich aufgrund von Investitionen in die Kita Stadtkäfer und geplante Investitionen in die Grundschule Oberbaldingen überzeugt, dass der Stadt die Bildung wichtig ist. Aber: Sollte die Werkrealschule in Bad Dürrheim abgeschafft werden, hat das weitreichende Konsequenzen vor allem für die Schüler.
Eine Auflösung der Werkrealschule sei „pädagogisch völlig unvertretbar“, äußert sich Rektorin Christiane Schell im Gespräch mit der Redaktion. Und: Hinter dem Brief an die Fraktionen stehen das Kollegium, die Elternvertreter und die Eltern.
Konsequenzen für Schüler In dem Brief zeigt das Lehrerkollegium und die Schulleitung Konsequenzen auf, die abseits von Euro und Cent liegen, sich aber auf die Gesellschaft auswirken. Die Schüler werden eher an die örtliche Realschule angemeldet, das zeige die Erfahrung aus anderen Orten, dies hat zur Folge, dass die Lernerfolge ausblieben, da keine passenden Lernangebote vorhanden seien, Frustration und sinkendes Selbstwertgefühl sind die Folge dieser ständigen Misserfolge. „Dauerhafte Überforderung kann selbst durch intensives Lernen nicht aufgeholt werden.“
In dem Brief heißt es weiter: „Passende Bildungsangebote, anschaulich gestalteter Unterricht und ein intensives Klassenlehrerprinzip ermöglichen erfolgreiches Lernen und sind ein fundamentaler Baustein einer gelingenden sozialen Integration. Dies ist für eine positive persönliche Entwicklung, motivierendes Arbeiten und den reibungslosen Eintritt in die Berufswelt unerlässlich.“
Zukunftsszenario In der Realschule sitzen die Werkrealschüler zusammen mit lernstarken Schülern im mittleren (Realschule) und erweiterten Bildungsniveau (Gymnasium), beschreiben die Verfasser in dem Brief. Diese hätten andere Lernvoraussetzungen, Begabungspotenziale und zu Hause oftmals Unterstützung. Um nun in der Realschule auf des G-Niveau (Werkrealschule) zu kommen, müssten die Schüler von Klasse sechs auf sieben nicht versetzt werden. „Eine Nichtversetzung als Voraussetzung für eine bessere Förderung erscheint uns fragwürdig, ist aber so vorgesehen“, ist in dem Brief an die Fraktionen ausgeführt.
Verbundschule Durch einen Schulverbund an der Realschule könne die Werkrealschule einen Aufschwung erhalten. Ebenfalls aus Erfahrung in anderen Städten weiß man, dass die Eltern in solch einer Konstellation nach einem Beratungsgespräch eher bereit seien ihre Kinder für die Werkrealschule anzumelden.
Beruf Die Schulleitung sieht weitere negative Folgen für Ausbildungsbetriebe. Man weiß von vielen Werkrealschülern, die erfolgreiche Ausbildungen in Bad Dürrheimer Unternehmen absolvierten. Der Grundstein dafür werde oftmals in den Praktika gelegt.
Regierungspräsidium Das Regierungspräsidium erteilte aufgrund der Schülerzahl der Stadt eine Absage in Sachen Förderung. Auf Anfrage erklärte die Pressestelle: „Sind weniger als 16 Schülerinnen und Schüler in der Eingangsklasse zu verzeichnen, wird ein so genanntes Hinweisverfahren in Gang gesetzt. Nach zwei aufeinanderfolgenden Schuljahren mit weniger als 16 Schülerinnen und Schülern in der Eingangsklasse droht die Aufhebung der Schule. Auch bei nur circa zwei bis drei Schülern mehr, kann noch nicht von einem dauerhaft gesicherten Bestand einer Schule ausgegangen werden.“
Stadt Bad Dürrheim Aufgrund der Entwicklung bei der Schülerzahl sieht man Handlungsbedarf und beriet die Thematik schon mehrfach in Klausurtagungen.
Nachdem das RP darüber informierte, dass es keine Förderung geben werde, schrieben die Fraktionen FW, LBU, FDP und SPD einen Brief an Regierungspräsidentin Bärbel Schäfer, sie möge die Entscheidung überdenken. Diese berief sich in ihrer Antwort vom 8. Januar jedoch auf das Schulgesetz und auf die nicht konstante Schülerzahl und dass es in zumutbarer Erreichbarkeit andere Werkrealschule gäbe. Aber: Eine Verbundschule sei grundsätzlich möglich. Hierfür bedarf es einer Zustimmung des Kultusministeriums als oberste Schulaufsichtsbehörde, zeigte sie eine Möglichkeit auf.
Die Stadt indessen zeigt auf, dass in Villingen-Schwenningen das Schulzentrum Deutenberg und in Donaueschingen die Eichendorffschule als Werkrealschule zur Verfügung stehen würde. Jedoch: Mit Donaueschingen wurden bereits Gespräche geführt, man einigte sich nicht und es sieht nicht so aus, als ob Donaueschingen Bad Dürrheim hier entgegenkommen würde.
Lösungs-Beschlussvorschläge Die Stadt führt in ihren Gemeinderatsunterlagen für Donnerstag, 18. Januar, aus, dass der Wegfall der Werkrealschule und der angenommene Zulauf zur Realschule sich für eine dortige Erweiterung positiv auswirken könnten. Das RP signalisierte in weiteren Gesprächen Schüler der Werkrealschule bei der Ermittlung der künftigen Schülerzahlen einzubeziehen, sollte es die Schulbehörde anerkennen.
Dies wiederum würde sich positiv auf das Raumprogramm und auf die Förderfähigkeit auswirken. Dies hätte möglicherweise zur Folge, ab Klasse sieben einen so genannten Lernband einrichten zu können. Hier würden die Hauptfächer Deutsch, Mathe und Englisch auf G-Niveau unterrichtet.
Konkret soll die Grundschule erhalten bleiben und die Stadt will das Aufhebungsverfahren für die Werkrealschule einleiten, was schrittweise geschehen würde. Eine Finanzierung des Neubaus einer Verbundschule oder die Verlegung der Werkrealschule an die Realschule sei aus Eigenmitteln der Stadt nicht darstellbar.