Viele kennen das Grummeln im Bauch, bevor die Schule anfängt. Bei manchen Kindern geht es so weit, dass sie sich nicht mehr in die Schule gehen. Für solche und auch verhaltensauffällige Schüler gibt es die Schulen des Lebens im Kreis Rottweil.
Ein Haus mit großem Garten in Rottweil. Im Eingangsbereich sieht man ein paar Kratzer auf dem Boden. Ein Hinweis, dass hier Kinder unterwegs sind und es lebendig zugeht. Hier ist ein Standort der „Schule des Lebens“. Diese Schule unterscheidet sich von „normalen“ Regelschulen. Das ist auch so gewollt. Denn für die Kinder, die hier hinkommen, ist es oft die einzige Chance beschult zu werden.
Sechs solcher Schulen betreibt Mutpol, die Diakonische Jugendhilfe Tuttlingen. Drei davon befinden sich im Landkreis Rottweil: eine in der Kreisstadt selbst, je eine in Oberndorf und in Schramberg. In Rottweil gibt es sie schon seit fast einem Vierteljahrhundert.
Mutpol kann insgesamt auf eine lange Tradition zurückblicken und feiert in diesem Jahr das 200-jährige Bestehen. Das wird in einem großen Festakt am 16. Mai gefeiert. Zu den geladenen Gästen zählen neben dem Landesbischof auch die Sozialministerin.
Immer weniger Rückführungen gelingen
„Corona hat viel verändert“, erzählt Bereichsleiterin Ernestine Fröhlich, zuständig für die Schulen des Lebens, über die Herausforderungen. Die Problemlagen hätten sich verschärft oder seien stärker zu Tage getreten. Es gebe immer weniger gelungene Rückführungen in Regelschulen. Auch die Anfragen zu stationären Aufnahmen nähmen seit der Pandemie zu.
Schule und Tagesbetreuung verbinden
Die Ziele, die das multi-disziplinäre Team aus Lehrern, Sozialpädagogen und Therapeuten verfolgt, werden immer schwerer zu erreichen. Es gehe darum, das Sozialverhalten und das schulische Leistungsvermögen der Kinder und Jugendlichen zu stärken. Dies geschehe durch die Verbindung von Schule und Tagesbetreuung in den gleichen Räumlichkeiten.
In Rottweil gibt es zwei Klassenzimmer: einen Raum für die Grundschüler und einen für die älteren Schüler. Ab der dritten Klasse wird dort unterrichtet. Einer der Lehrer ist Fabian Weisser. Was ihm besondere Freude bereitet: „Jeden Tag hat man ein Erfolgserlebnis“.
„Wir halten dich aus“
Zum Team in Rottweil gehört auch die Schulsozialpädagogin Sina Melzer. Ihr ist viel Einfühlungsvermögen im Umgang mit den Kindern und Jugendlichen wichtig. Man müsse den Schülern das Gefühl geben, willkommen zu sein, und ihnen klarmachen: „Wir halten dich aus“.
Auch sie berichtet von den positiven Ereignissen, die es trotz aller Herausforderungen immer wieder gibt. Viele ehemalige Schüler kämen ganz stolz vorbei und erzählten von der begonnen Ausbildung oder der bestandenen Führerscheinprüfung.
Schon 200 Jahre in der Kinder- und Jugendarbeit
Der Gesamtleiter von Mutpol, Dieter Meyer, sieht die Ursachen dafür, dass es die Schulen des Lebens braucht, in der Gesamtstruktur. Es fange schon im Kindergarten an, wo es an Fachkräften mangele. Auch seien Kinder, die nicht zumindest das letzte Jahr im Kindergarten verbracht haben, oft mit der Situation, plötzlich Teil einer Klassengemeinschaft zu sein, überfordert.
Struktur wiedergeben
In manchen Fällen kommen Probleme in einem Umfeld mit Gewalt, psychischen Krankheiten oder Drogen dazu. Den Kindern und Jugendlichen fehle Struktur, und es könne zu auffälligem Verhalten und auch Aggressionen gegen sich selbst und Andere kommen. In den Schulen des Lebens möchte man den Schülern eine gewisse Grundstruktur mit an die Hand geben. Gemeinsames Einkaufen, Kochen und andere Aktivitäten sollen dabei helfen.
Auch Ausflüge sind wichtig, da sich die Kinder dort austoben und angestaute Energie loswerden können. Viele der Aktivitäten für die Schüler, wie ein Ausflug ins Hallenbad, werden dabei über Spenden finanziert.
Insgesamt sei eine Kooperation und eine Vernetzung innerhalb der Stadt wichtig – nicht nur mit den Jugendämtern, sondern auch zum Beispiel mit den örtlichen Vereinen. So unterstützt der Lions-Club Rottweil die Schule des Lebens in Oberndorf regelmäßig. Über weitere Unterstützung würde man sich freuen, denn den Engagierten ist wichtig, dass, wie Dieter Meyer es sagt, „keiner verloren geht“.