Der scheidende Lehrerpräsident Heinz-Peter Meidinger warnt: Deutschland drohe dauerhaft zum Bildungsabsteiger zu werden. Er appelliert eindringlich an die Politik, in Deutschlands Schulen etwas zu ändern.
Er ist die wohl bekannteste Stimme aus der deutschen Lehrerschaft. Heinz-Peter Meidinger, der auch 17 Jahre lang als Schulleiter gearbeitet hat, hört nun als Präsident des Deutschen Lehrerverbands auf. Im Interview zieht der 68-Jährige Bilanz und blickt nach vorn – mit einem eindringlichen Appell an die Politik.
Herr Meidinger, was ist das Verrückteste, das Sie in Ihren Jahren als Lehrerpräsident erlebt haben?
Ich habe mich mal breitschlagen lassen, mit dem Comedian Mario Barth für eine Fernsehsendung gemeinsam eine Unterrichtsstunde zu geben. Die hatten da aber gar keine richtige Klasse, sondern haben lauter Kinder von Menschen aus der Produktionsfirma dahingesetzt. Das würde ich nicht noch mal machen. Verrückt war aber vor allem die Coronazeit.
Weil Schule da im Ausnahmezustand war?
Mir war beides wichtig: guter Schutz vor Corona, aber auch, dass so viel Unterricht wie möglich stattfindet. Mit dieser mittleren Position bin ich von denen attackiert worden, die nur noch von der Angst vor der Pandemie getrieben waren – und ich habe zugleich mit voller Breitseite den Hass der Coronaleugner abbekommen.
Erst Corona, jetzt die Integration der geflüchteten Kinder aus der Ukraine: Dass es besondere Herausforderungen gibt, ist für viele Schulen mittlerweile eine Art Dauerzustand. Dazu kommt der Lehrermangel. Müssen wir uns auf schlechte Ergebnisse bei der Pisa-Studie einstellen?
Ja. Deutschland wird bei der Pisa-Studie, die Ende des Jahres vorgestellt wird, sehr ernüchternde Ergebnisse haben. Das ist aber gar nicht das größte Problem.
Sondern?
Deutschland droht dauerhaft zum Bildungsabsteiger zu werden. Wir müssen fürchten, es mit einer verlorenen Generation zu tun zu bekommen. Eine Generation, in der ein Viertel der jungen Menschen grundlegende Fähigkeiten für die Arbeitswelt nicht erlernt hat. Davor warnt uns jedenfalls auch die letzte Grundschulleseuntersuchung Iglu.
Wenn die Politik jetzt nicht entschieden gegensteuert, wird es immer schwieriger werden, aus der Abwärtsspirale herauszukommen. Ich kann die Politik nur eindringlich bitten: Schaut nicht länger weg!
Was muss geschehen?
Bund und Länder müssen sich gemeinsam zu einer gigantischen Anstrengung aufmachen, das deutsche Bildungssystem besser zu machen. Wir müssen mehr in die frühkindliche Bildung noch vor der Grundschule investieren – damit alle Kinder mit ausreichenden Deutschkenntnissen in die Schule kommen. Die Grundschulen brauchen mehr Mittel und müssen sich auf das Wesentliche konzentrieren: Am Ende der vierten Klasse müssen alle Kinder wirklich lesen, schreiben und rechnen können.
Beobachten Sie auch jenseits der Bildungsstudien, dass die Schülerinnen und Schüler immer schlechter geworden sind?
Das ist mir zu pauschal. Ich habe große Freude daran, dass die junge Generation wieder politscher ist als in vergangenen Jahrzehnten. Dass viele sich für Klimaschutz einsetzen, ist doch toll. Gleichzeitig gilt: Die Deutschaufsätze sind über die vergangenen Jahre immer schlechter geworden. Kinder und Jugendliche lesen zu wenig – und wenn, dann zu oft nur kurz irgendeine Nachricht am Bildschirm. In Ruhe einen Roman lesen: das können viele Jugendliche nicht mehr. Viele Eltern leben es ihnen auch nicht mehr vor.
Was erwarten Sie jeweils vom Bund und von den Ländern?
Der Bund muss Geld in die Hand nehmen, sehr viel Geld. Ein Sondervermögen für die Bildung wäre mehr als angebracht. Hier haben sich – wie bei der Bundeswehr – Mängel aufgestaut, für die 100 Milliarden Euro in Wirklichkeit eine überschaubare Summe sind. Die Länder müssen sich in allen Fragen schnell und effektiv untereinander und mit dem Bund abstimmen.
Die Botschaft hör ich wohl . . .
Allein, auch mir fehlt der Glaube. Vielen Ländern ist es wichtiger, in jeder Einzelheit darauf zu beharren, dass sie nach der Verfassung für die Schulen zuständig sind – statt gemeinsam mit allen nach einer Lösung zu suchen. Der Bildungsföderalismus wird bleiben. Das finde ich auch nicht verkehrt. Aber er muss schneller und flexibler entscheiden. Mir fehlt die Aufbruchstimmung bei Bund und Ländern.
Lassen sich die Probleme mit Geld überhaupt lösen? Den Lehrermangel gibt es ja auch dann noch, wenn alle Schultoiletten saniert sind und alle Schulen digital aufgerüstet sind.
Das stimmt. Und deshalb müssen wir alles tun, um den Beruf attraktiver zu machen. Lehrerinnen und Lehrern können wir – anders als in anderen Berufen – nicht anbieten, den Kern ihrer Arbeitszeit im Homeoffice zu verbringen. Umso wichtiger wäre es, ein neues System der Flexibilität zu schaffen, dass es Lehrern leichter als bislang ermöglicht, auch mal ein, zwei Jahre etwas anderes zu machen. Jedenfalls, wenn sie das wollen. Vor allem müssen wir Lehrkräfte so gut es geht von Verwaltungstätigkeiten entlasten. Damit sie Zeit haben für das, was wichtig ist: für guten Unterricht und Kontakt zu den Kindern und Jugendlichen.
Würden Sie denn selbst noch mal in den Beruf gehen?
Ja, unbedingt! Man kann als Lehrerin oder Lehrer so viel Positives für junge Menschen bewegen. Das ist sinnstiftend. Deshalb müssen wir in den Abschlussklassen auch ganz aktiv für den Beruf werben. Werdet Lehrer! Es ist ein toller Beruf. Das ist meine Botschaft.
Lehrer, Schulleiter und Präsident
In der Schule
Heinz-Peter Meidinger (68) war Lehrer am Gymnasium und hat für das Fach Deutsch auch Referendare ausgebildet. Er hat 17 Jahre lang das Robert-Koch-Gymnasium im bayerischen Deggendorf geleitet.
In den Verbänden
Von 2004 bis 2017 war Meidinger Bundesvorsitzender des Deutschen Philologenverbands, danach wurde er Präsident des Deutschen Lehrerverbands. Da er als Lehrer in Pension ist, tritt Meidinger nun ab. Sein Nachfolger Stefan Düll tritt das Amt zum 1. Juli an.