Immer mehr Schüler und Eltern kritisieren das gegenwärtige Schulsystem. Eine Elterninitiative startet nun eine zweite Petition.
Villingen-Schwenningen. - An allen staatlichen Gymnasien in Villingen-Schwenningen ist das G8-System gängig. Eine weitere, von der Elterninitiative G9, gestartete Petition brachte erneut die Frage auf ob ein acht- oder neunjähriges Gymnasium besser sei. Wir haben am Gymnasium am Romäusring gefragt und die Meinung scheint eindeutig.
Vieles kommt zu kurz
Die Schülersprecher Julian Wursthorn (16) aus Weilersbach, Franka Greimel (15) aus Villingen und Sarah Wehrle (16) aus Rietheim sind einer Meinung. Die Schule stresse sie, und die Freizeit komme zu kurz. "Vor allem die Zeit zwischen den Herbst- und Weihnachtsferien ist besonders anstrengend", sagt Sarah Wehrle. "Für den Ausgleich nach der Schule hätte ich gerne mehr Zeit", schließt sich Franka Greimel an. Julian Wursthorn berichtet aus seinem Alltag: "Ich bin in keinem Verein, weil ich dreimal in der Woche Mittagsschule habe. Wenn ich mehr Zeit hätte würde ich gerne in einem Verein außerhalb der Schule sein." Die Schüler sind sich einig, dass sie durch ein weiteres Jahr entlastet werden würden.
Es ist eine Herausforderung für Lehrer und Schüler
Auch die Eltern haben von der Petition gehört und viele stimmen den Bedenken zu. "Das Sozialleben ist ein Thema, welches in der Schule untergeht", sagt Diana Seewald, ein Mitglied im Elternbeirat. Der Lehrermangel solle ein Problem sein, so können es sich, laut Seewald, sowohl die Lehrer als auch die Schüler nicht erlauben krank zu werden, "denn der Stoff muss sitzen". "Es ist eine Herausforderung für Lehrer und Schüler." Aus diesem Grund hat Laura Vugrinec, die Schulsozialarbeiterin des Caritas-Verbandes, ihre Tochter nicht auf ein Gymnasium geschickt, trotz Empfehlung, erzählt sie.
Gefahr eines Burn-in
Als Schulsozialarbeiterin wisse sie wie anstrengend die Schüler die stressigen Phasen empfinden. "Sie stehen immer unter Strom, das bezeichnet man auch als Burn-in." Wenn die Schüler ständig unter Druck stehen, immer funktionieren müssen und dann keinen Ausgleich haben, dann kommen sie in einen psychischen Zustand, den man als Burn-in bezeichnet. Weit entfernt von einem Burn-out, sie dieser nicht, erklärt Frau Vugrinec. Die Gefahr bestehe, dass solche Belastungen bis in das Erwachsenenalter mitgenommen werden.
Nicht alle Schüler kommen mit diesem System zurecht
Jochen von der Hardt, der seit fünf Jahren das Gymnasium leitet, hat auch Sorgen und Bedenken. "Wir machen das Beste aus den Voragaben, die wir haben." Für Überflieger und Hochbegabte sei das G8 genau das Richtige, doch nicht alle Schüler kommen mit diesem System zurecht, gibt von der Hardt zu bedenken.
Turbo G8
Am Romäusgymnasium (damals regulär G9) solle es früher eine "Turbo-G8 Klasse" gegeben haben, welche denjenigen freistand, die sich sonst unterfordert gefühlt hatten. Zwischen der G8 Klasse und den G9 Klassen, solle es keine besonderen Reibungen gegeben haben, meint das Kollegium.
Im Schnitt sollen die Schüler eine 37-Stunden-Woche haben – nur mit Schularbeit. Hobbys, Vereine, Familie und Freizeit komme da gar nicht mehr unter, erzählt Seewald und wird von den Anderen bestätigt. "Schule ist wie ein unbezahlter Vollzeitjob", meint Hummler. Für Nebenjobs, um Geld zu verdienen, bleibe kaum Zeit, berichtet Julian. "Auch in den Ferien wird von den Kindern viel verlangt. Wenn ich in der Firma Urlaub nehme, wechsel ich auch nicht ins Homeoffice", sagt Seewald.
Viele machen ein FSJ um fehlendes Jahr nachzuholen
Karin Haß, die stellvertretende Schulleiterin hat das Gefühl, "dass immer mehr Schüler nach dem Abitur ein FSJ machen, weil ihnen das eine Jahr an Reife fehlt." Ihr selber habe das FSJ viel gebracht und sie sei froh es gemacht zu haben, denn es präge sie noch heute.
Die Kinder bräuchten mehr Zeit in der Kindheit und Jugend um ihre Persönlichkeit zu festigen. "Gut Ding will Weile haben", sagt von der Hardt, "ein Kuchen, den man bei 180 Grad eine Stunde backen muss, wird auch nicht besser schmecken, wenn man ihn bei 230 Grad für eine halbe Stunde in den Ofen macht.", meint er. "Ein G9-Gymnasium gibt Kindern eine Kindheit und Jugendlichen eine Jugend", sagt sein Kollege Tobias Hummler, ein Lehrer an der Schule.
Eine individuelle Wahlmöglichkeit solle die beste Lösung sein, so können Schüler und Eltern das Lerntempo selbst bestimmen.