Das Foto an der wiederentdeckten Fassaden-Kunst zeigt (von links) Fabienne Janz von der Stadtverwaltung, Schulleiterin Daniela Friedrich, Oberbürgermeister Adrian Sonder, Peter Hauser vom Baubetriebsamt der Stadt, Bürgermeister Wolfgang Fahrner sowie Nils Krieger, Jürgen Schnurr und Peter Glitza vom Vorstand des Heimat- und Museumsvereins. Foto: Niklas Henne

Zum Jahrestag der Zerstörung von Freudenstadt wurde die Geschichte der Theodor-Gerhardt-Schule in den Fokus gerückt.

Zahlreiche Freudenstädter haben an den Gedenkfeiern zum Jahrestag der Zerstörung der Stadt am 16. April 1945 teilgenommen. Das geht aus einer Pressemitteilung der Stadt hervor.

 

Dem ökumenischen Gedenkgottesdienst und der Feier in der evangelischen Stadtkirche vorangegangen war die Enthüllung der Gedenktafel an der Theodor-Gerhardt-Schule. Rund 50 Teilnehmer waren dazu gekommen.

In die Fassade ist ein großes Betonrelief eingelassen, das an die Zerstörung und den Wiederaufbau des Zentrums erinnert. Das großflächige Kunstwerk von Hermann Goppelt war lange Zeit in Vergessenheit geraten. Selbst ältere Freudenstädter wussten bis dahin nichts von der Existenz des Werks. Beim Abholzen von Bäumen und Büschen durch das städtische Baubetriebsamt auf dem Gelände der 1968 eingeweihten Schule war es wieder aufgetaucht.

Kunstwerk als Symbol

Kunstwerk als Symbol „Das ist eine wunderbare Symbolik“, sagte Oberbürgermeister Adrian Sonder bei der Enthüllung der Erklärtafel, die der Heimat- und Museumsverein Freudenstadt gestaltet hatte. Geschichte könne zeitweise in Vergessenheit geraten, aber irgendwann tauche sie immer wieder auf. Dass das Kunstwerk jetzt entdeckt worden sei, passe gut in die Zeit. Demokratie und freiheitliche Grundordnung würden derzeit von vielen Seiten herausgefordert.

Dass die damaligen Verantwortlichen der Stadt das Kunstwerk an der Schule angebracht haben, sei sehr weitsichtig gewesen: „Geschichte ist auch ein Lernfeld. Das Kunstwerk zeigt Kindern und Jugendlichen, dass Frieden, Freiheit und Demokratie nicht selbstverständlich sind, sondern dass man sich für diese Werte ständig einsetzen muss.“

Geschichte des Kunstwerks

Geschichte des Kunstwerks Nils Krieger vom Vorstand des Heimat- und Museumsvereins interpretierte das Kunstwerk, das in vier Motiven die alte Stadt, die Zerstörung und den Wiederaufbau zeigt. Überspannt wir die Szenerie von Strukturen, die an schützende Engelsflügel erinnern. Diese Fassadenkunst, auch Spiegel der seinerzeitigen Architektur, setze handwerkliches Können voraus. „Sie ist als Negativform in die Verschalung eingelassen worden und wurde zusammen mit der Außenwand in einem Zug gegossen. Das muss man können“, so Krieger.

Bemerkenswert sei der Umstand, dass sich die Stadt das Kunstwerk geleistet habe. Um die öffentlichen Finanzen sei es auch damals nicht sehr üppig bestellt gewesen. Das historische Vermächtnis sei es Stadt und Gemeinderat dennoch Wert gewesen.

Name der Schule

Name der Schule Auch der Name der Schule sei sehr gut gewählt. Theodor Gerhardt war in der Zeit des Zweiten Weltkriegs evangelischer Dekan. Bei der Zerstörung der Stadt kam auch seine Frau ums Leben. Trotz seines Verlustes habe er in diesen schweren Tagen mitgeholfen, das Leid der Zivilbevölkerung zu lindern und beispielsweise die Verteilung von Lebensmitteln mitorganisiert.

„Er war schon während der Nazi-Zeit einer der mutigeren Menschen, die sich kritisch zu Wort gemeldet haben, im Rahmen der damaligen Möglichkeiten“, so Krieger. Daher könne sein Leben „nicht hoch genug gewürdigt werden“.

Gedenkfeier in der Kirche

Gedenkfeier in der Kirche An die schicksalhaften Tage in den letzten Kriegswochen, die rund 60 Menschen das Leben kosteten und viel Leid und Zerstörung in die Stadt brachte, erinnerte Oberbürgermeister Sonder in der Gedenkfeier in der Stadtkirche, die seinerzeit ebenfalls vernichtet worden war.

Er rief die Gedenkwoche 2025 zum 80. Jahrestag der Zerstörung ins Gedächtnis. Was ihm unvergessen bleibe und bis heute berühre, sei die Aussage einer Zeitzeugin, die ihm gesagt habe: „Für mich fühlt es sich so an, als wäre das alles erst gestern geschehen.“ Die Gedenkwoche habe er als heilsam für Freudenstadt empfunden; Leid und die Leistung der Bürgerschaft beim Wiederaufbau seien unglaublich groß gewesen. Es gelte, beides durch ein stilles Gedenken zu würdigen.

Freundschaft mit Frankreich

Freundschaft mit Frankreich Die enge Partner- und Freundschaft mit Courbevoie, die auf den Trümmern dieser Tage aufgebaut worden sei, sei „ein großes Geschenk für die Stadt Freudenstadt“.

Daran knüpfte der Vortrag von Kai-Michael Sprenger, Leiter und Gründungsdirektor der Stiftung „Orte der deutschen Demokratiegeschichte“ mit Sitz in Frankfurt. Sein Thema lautet „Die deutsch-französische Freundschaft – ein Erinnerungsort der Demokratiegeschichte“.

Oberbürgermeister Adrian Sonder (links) und Kai-Michael Sprenger im Gottesdienst in der Stadtkirche mit dem Kranz, der im Gedenken an die Opfer vor der Kirche niedergelegt wurde Foto: Niklas Henne

Er rief einige historische Meilensteine der Aussöhnung und Partnerschaft beider Länder in Erinnerung, darunter Ereignisse wie den St. Germanshofer Studentensturm; am 6. August 1950 hatten rund 300 Studenten und jungen Erwachsene friedlich die Schlagbäume zwischen beiden Ländern gestürmt, um symbolisch die Grenzen zwischen beiden Ländern einzureißen. „Die Aussöhnung und Zusammenarbeit beider Länder nach Jahrhunderten der Feindschaft, der Kriege und des gegenseitigen Misstrauens ist eine unglaubliche Leistung, die sich bis dahin keiner vorstellen konnte. Das kann nicht genug gewürdigt werden“, sagte Sprenger.

Kranzniederlegung

Kranzniederlegung Zum Abschluss der Feier legten Sonder und Sprenger einen Kranz am Kreuz vor der Kirche nieder, der an die Opfer des 16. April 1945 erinnert.