Es sind die alten Probleme, die die Coronakrise verschärft, meint Daniel Gräfe. Dazu zählen zu viele Minijobs und zu hohe Mieten in Stuttgart und anderen Städten. Dagegen taugt die Zahl der Privatinsolvenzen nicht als Krisenbarometer.
Stuttgart - Als Folge der Coronakrise werden mehr Menschen zum ersten Mal den Gang zur Schuldnerberatung antreten müssen. Wer schon vor der Pandemie wenig Einnahmen erzielte und dennoch einen Kredit für Haus oder Auto aufnahm, für den wird es in Zeiten der Kurzarbeit knapp. Schon jetzt haben etliche Verbraucher und Soloselbstständige Rücklagen aufgebraucht, Werte veräußert oder sich bei Familie und Freunden Geld geliehen.
Ob sie noch einmal aus den Schulden kommen, hängt von der Kooperation der Banken, der staatlichen Unterstützung, aber auch von den Erfolgen beim Impfen ab. Bei so vielen Variablen ist es ein Ausgang mit offenem Ende. Klar ist, dass die psychische Belastung wächst und darunter die Beziehung zu dem Partner oder der Familie leidet. Was wiederum oft den Weg in die Schuldenfalle beschleunigt.
Geschäfte schließen auch, ohne in Insolvenz zu gehen
Ob deshalb der Weg in der Privatinsolvenz endet, ist eine andere Frage. Um das tatsächliche Ausmaß der Krise zu erfassen, taugen diese Insolvenzen nicht als Gradmesser. Einerseits lässt sich die aktuelle Zahl der Insolvenzen wegen der Reform des Insolvenzrechts, das die Privatinsolvenz seit Kurzem auf drei statt sechs Jahren verkürzt, nicht seriös beurteilen. Andererseits ziehen viele Soloselbstständige derzeit die Reißleine, weil die Verluste ihre persönlichen Rücklagen aufgebraucht haben.
Das heißt, dass Geschäfte auch ohne Insolvenzen schließen und immer mehr Läden leer stehen. Und es heißt, dass die Krise viel mehr Menschen auch wirtschaftlich ins Taumeln bringt, ohne dass dies je eine Insolvenzstatistik erfasst. Deshalb ist es zu kurz gegriffen, nur über eine Welle bei den Privatinsolvenzen zu spekulieren. Zum einen könnte sie sich viel flacher und damit unspektakulärer aufbauen, dafür aber weiter reichen. Zum anderen lenkt die Diskussion von den grundlegenden, strukturellen Problemen ab.
Es rächt sich jetzt, dass so viele Menschen auf Nebenverdienste angewiesen sind
So rächt es sich schon jetzt, dass die Mieten stark gestiegen sind, während der Niedriglohnsektor und die Zahl der Zweitjobs und Nebenverdienste zugenommen haben. Das Gros der Minijobs wurde in der Krise bereits gestrichen, Kurzarbeitergeld gibt es für die Betroffenen nicht. Die Zahl der verschuldeten Studenten, aber auch der Rentner, die auf ein Extraeinkommen angewiesen sind, wird deshalb stark steigen. Das sind die Nachrichten jenseits der Insolvenzen.