Welche Schuhe braucht ein Kind, damit sich die Füße gesund entwickeln? Foto:  

Spätestens wenn das Baby 15 Monate alt ist stellt sich Eltern die Frage: Welche Schuhe braucht ein Kind, damit sich die Füße gesund entwickeln? Experten liefern eine überraschende Antwort.

Stuttgart - Schon bei der Geburt sind die Füße äußerlich komplett ausgebildet, zum Laufen sind sie aber noch nicht bestimmt. Denn für denWeg zum Zweibeinerbraucht ein Baby zehn bis 15 Monate. Aber: „So zart sie auch aussehen mögen – Babyfüße sind schon stark genug, das Gewicht des Körpers zu tragen“, sagt Kinder- und Jugendarzt Berthold Koletzko vom Klinikum der Uni München und Vorsitzender der Stiftung Kindergesundheit. Zunächst scheinen die Füßchen flach zu sein, doch mit einem Plattfuß hat das nichts zu tun: Den Eindruck vermittelt nur ein Fettpolster an der Sohle, das vor Auskühlung, aber auch vor Überbelastung schützt. Es dauert etwa bis zum sechsten Lebensjahr, bis das Fußgewölbe komplett ausgebildet ist.

Ein echter Plattfuß, der umgangssprachlich auch als Schaukelfuß oder Tintenlöscherfuß bezeichnet wird, ist äußerst selten. Manche Kinder kommen mit einem oder zwei Sichelfüßen zur Welt, bei denen der vordere Teil des Fußes und die Zehen nach innen gerichtet sind. Eine andere Fehlstellung stellt der Hackenfuß dar, bei dem der Vorfuß steil nach oben zeigt. Esther von Richthofen, Fachärztin für Unfallchirurgie und Orthopädie und Leitende Ärztin der Kinderorthopädie am Fußzentrum der Sana Klinik Bethesda in Stuttgart empfiehlt dann einen Arztbesuch. „Je kleiner die Kinder sind, umso besser ist die Fehlstellung zu behandeln. Meist reicht eine Weichteilbehandlung mit einer speziellen Wickeltechnik.“

Ein Klumpfuß muss ernst genommen werden

Eine ernst zu nehmende Fußfehlform ist dagegen der Klumpfuß. Er kommt statistisch gesehen drei Mal unter tausend Babys vor, wobei doppelt so viele Jungen wie Mädchen betroffen sind. Es handelt sich dabei um eine komplexe, dreidimensionale Fehlbildung des Fußes. Die Behandlung sollte schon kurz nach der Geburt einsetzen.

Der weit verbreitete Glaube, dass gerade die allerersten Schuhe für Kinder besonders wichtig sind, ist aber ein Irrtum: „Für eine gesunde Entwicklung der Füße sind Schuhe nicht erforderlich“, sagt Berthold Koletzko. Eher sei das Gegenteil der Fall: „Schuhe hindern die Füße am Tasten und Greifen. Dadurch bleiben dem Kind wichtige sensorische Reize und Empfindungen und damit zusätzliche Wahrnehmungsimpulse für sein Gehirn vorenthalten.“

Am besten das Kind barfuß durch die Wohnung laufen lassen

Lauflernschuhe braucht es daher nicht, auch keine Hausschuhe: Kinderorthopäden plädieren dafür, das Kind auf eigenen Sohlen, also barfuß, durch die Wohnung laufen zu lassen. Bei kalten Fußböden bieten sich Socken mit Gumminoppen an, um das Rutschen zu verhindern.

Tatsächlich verschlechtert sich der Zustand der Füße bei vielen Kindern erst, wenn sie laufen lernen und anfangen, Schuhe zu tragen: Bis zum Erwachsenenalter haben sich bei rund 60 Prozent der Menschen Fuß- und Haltungsschäden eingestellt. In einer österreichischen Studie wurde beispielsweise die Stellung der Zehen bei Kindergartenkindern begutachtet. Die Forscher stellten dabei fest, dass nur noch 24 Prozent der untersuchten Kleinkinder gerade Großzehen hatten.

Beim Großteil waren die Großzehen bereits in Richtung der anderen Zehen abgeknickt. Im fortgeschrittenen Stadium kann dies zu einem schmerzhaften Schiefstand der Großzehe führen, medizinisch Hallux valgus genannt. Dieser kann oft nur noch operativ korrigiert werden. Die Autoren der Studie hatten auch bald den Grund gefunden: Sie sahen einen eindeutigen Zusammenhang zwischen zu kleinen Schuhen und schrägen Zehen.

Schuhe müssen weich, leicht und biegsam sein

Doch Schuhe müssten nicht nur passen, sondern auch weich, leicht und biegsam sein, sagt die Stuttgarter Kinderorthopädin Esther von Richthofen. Keinesfalls dürften sie die Füße einengen: „Auch die richtige Breite ist wichtig. Ein eher fleischiger Fuß braucht beispielsweise einen anderen Schuh als ein schmaler, zierlicher Fuß.“

Für die Eltern ist der Schuhkauf keine leichte Aufgabe, denn auf die Angaben des Kindes ist kein Verlass: Kinderfüße sind noch sehr flexibel und lassen sich auch in Schuhe zwängen, die fünf Nummern zu klein sind. Kinder merken auch häufig nicht, wenn sie den rechten Schuh am linken Fuß tragen und umgekehrt. Das tut ihnen nicht weh, weil die Nerven in ihren Füßen noch nicht so entwickelt sind wie im Erwachsenenalter.

Keine gute Idee: das Kind in Schuhe hineinwachsen lassen

Aber auch zu große Schuhe zu kaufen – um darauf zu hoffen, dass das Kind irgendwann schon hineinwachsen würde – ist nicht zu empfehlen: Dann rutschen sie in den Schuhen nach vorne, die Zehen werden gestaucht und der Fuß schlappt aus dem Schuh. Außerdem behindern zu lange Schuhe das Abrollen der Füße. „Die Kinder krallen mit den Zehen, um die Schuhe festzuhalten“, sagt die Orthopädin Esther von Richthofen. „Da sie sich noch in der Lernphase befinden, entwickelt sich ein falsches Gangbild.“

Die Sorge, die passenden Schuhe für die wachsenden Füße zu finden, begleitet die Eltern etliche Jahre lang: Bei Mädchen wachsen die Füße im Allgemeinen bis zum Beginn der Regelblutung; bei den Füßen der Jungen gibt es in der Pubertät noch einmal einen ordentlichen Wachstumsschub. Erst mit 18 oder 19 Jahren haben ihre Füße die endgültige Größe erreicht.

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