In puncto Service ist der Einzelhandel das Maß aller Dinge – Schuh-Rominger machte da keine Ausnahme. Foto: Kistner

120 Jahre lang hat die Firma Rominger in Ebingen Schuhe verkauft, erst als Groß-, später als Einzelhandelsunternehmen. Jetzt hört sie auf – doch es gibt einen Nachfolger.

Der Räumungsverkauf ist mittlerweile in vollem Gange; am Montag hat er begonnen und läuft ganz offensichtlich hervorragend – östlich des Friedhofs einen Parkplatz an der Straße Unter dem Malesfelsen zu finden, fällt derzeit alles andere als leicht, und drinnen, im großen Verkaufsraum, drängt sich die Kundschaft. Frank Mutter, Firmeninhaber in vierter Generation, hatte eigentlich Silvester als Schließungstermin ins Auge gefasst, aber so wie die Dinge stehen, wird er möglicherweise schon früher Ruheständler werden – mangels Ware! „Ich möchte den Leuten doch nicht die allerletzten Restposten zeigen und sagen, das ist alles, was noch da ist, mehr gibt’s nicht.“

 

Warum hören Frank und Christine Mutter auf? Die beiden sind auf dem besten Weg, das Rentenalter zu erreichen, und einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin innerhalb der Familie haben sie nicht gefunden. Die beiden Kinder sind erfolgreich in anderen Branchen unterwegs; da musste Vater Mutter nicht lange fragen. Er hätte mit Sicherheit auf Granit gebissen.

Zumal die Perspektive nicht ganz überzeugend war: Der inhabergeführte Schuhhandel wird von den Online-Anbietern je länger je mehr an die Wand gedrückt – „in Karlsruhe“, sagt Mutter, „gibt es nur noch Kettengeschäfte“ – , und um Zalando und Konsorten selbst online Paroli bieten zu können, bedarf es einer gewissen kritischen Größe: Mutter weiß es, denn er hat sich in der Corona-Zeit auch auf diesem Feld versucht. „Die Retouren machen schon den Großen zu schaffen; ein Einzelhändler kann sie sich erst recht nicht leisten.“

Unverzichtbarer Bestandteil des Mobiliars: Das Boxauto war ein Markenzeichen von Schuh Rominger; in ihm sind im Lauf der Jahrzehnte Tausende von Kindern gesessen. Für so etwas gäbe es Liebhaber, aber Frank Mutter will es behalten. Foto: Kistner

Vier Generationen lang war die Firma Rominger in Familienhand; wäre es nach dem jungen Frank Mutter gegangen, dann wären es wohl nur drei geworden, denn auch er hätte als studierter Betriebswirt noch andere Optionen gehabt. Aber dann war er doch in die großen Fußstapfen seiner Vorväter gestiegen. Julius Rominger hatte das Unternehmen – ursprünglich eine Großhandelsfirma – Mitte der 1880er-Jahre gegründet, 1930 trat Eugen Mutter, der Schwiegersohn, in die Firma ein und übernahm sie nach dem Krieg. Buchstäblich aus Ruinen, denn beim großen Bombenangriff im Juli 1944 war das Firmengebäude an der Einmündung der Poststraße in die Untere Vorstadt ein Raub der Flammen geworden. Mutter machte danach erst einmal in seinem Privathaus in der Bachstraße weiter. 1960 zog Schuh-Rominger ins neue Gewerbegebiet unter dem Malesfelsen um, Anfang der 1970er-Jahre übernahm Eugen Mutters Sohn Dieter die Regie und leitete eine entscheidende Weichenstellung ein: Er baute ans bestehende Gebäude an, und eröffnete im Obergeschoss des Anbaus einen kleinen Laden, einen Outlet – das Wort kannte damals freilich kein Mensch.

Das Wort Outlet kannte Anfang der 1970er kein Mensch

In den folgenden Jahren schrumpfte mit der Zahl der Schuhgeschäfte im Land auch der Schuhgroßhandel immer weiter; folgerichtig verlagerten sich bei Schuh-Rominger die Gewichte immer weiter in Richtung Direktvertrieb. Der Outlet wanderte irgendwann in den ersten Stock des Vorderhauses und verdrängte schließlich das Lager im Erdgeschoss; zeitweilig unterhielt das Unternehmen Niederlassungen in Bodelshausen und im mittelbadischen Appenweier. Die Initiative dazu ging bereits von Frank Mutter aus, der Mitte der 1990er Jahre in den Familienbetrieb eingetreten war und 2002 das Steuerruder übernahm.

Schuh-Rominger ist demnächst Vergangenheit – doch auch künftig wird Unter dem Malesfelsen 63 Schuhwerk verkauft. Foto: Kistner

Die Filialen gibt es mittlerweile nicht mehr, Bodelshausen wegen äußerer Umstände und Appenweier, weil es einfach zu weit von Ebingen entfernt lag. Jetzt ist auch dort das Ende in Sicht – der Räumungsverkauf läuft, wie gesagt, bestens. Wer allerdings auch danach noch Schuhe unterm Malesfelsen anprobieren und kaufen möchte, kann das gerne tun: Nachfolger wird Mitte März die in Römerstein auf der Reutlinger Alb beheimatete Firma Schuh-Beck, ein Filialist mit 14 Niederlassungen; Ebingen ist die fünfzehnte. Gute Voraussetzungen für eine gedeihliche Zukunft. In puncto Lebensdauer hat Schuh-Rominger freilich Maßstäbe gesetzt: 120 Jahre – das muss man erst mal schaffen.